Schall und Rauch

Wie die meisten, so erschütterte auch mich der tragische Absturz des Germanwings-Flugzeugs. Was mich allerdings noch viel mehr erschütterte und verstörte, war die journalistische Berichterstattung, die auf den Absturz folgte.

Als erstes gab es auf den verschiedenen Portalen Liveticker und mein erster Gedanke war: Geht’s noch?
Liveticker machen Sinn bei andauernden, laufenden, aktuellen Ereignissen wie Fußballspielen oder auch Bundestagsdiskussionen und -abstimmungen, jedoch nicht bei einer finalen Sache wie einem Flugzeugabsturz. Da reichen Artikel mit den bislang verfügbaren Informationen, die aktualisiert werden, sobald es neue Erkenntnisse gibt.
Das gleiche gilt für Eilmeldungen. Mein Facebook-Newsfeed quoll förmlich über mit ganz wichtigen Meldungen, die sich am Ende als überhaupt nicht wichtig herausstellten. Mein Handy vibrierte fast minütlich und kündigte mir eine neue unnütze Eilmeldung an. Es ist letztendlich egal, ob 68 oder 72 Deutsche unter den 150 Toten waren. Es sind Menschen gestorben. Punkt!

Ich kann nachvollziehen, dass sich durch das Internet und dem jederzeit online sein durch Smartphones die Informationsgeschwindigkeit unglaublich erhöht hat. Dennoch sollten alle veröffentlichten Informationen auf ihre Relevanz und Korrektheit geprüft werden. Allzu oft gab es aber nur Spekulationen und dies nicht nur bei den Boulevardportalen, sondern auch und in erheblichem Umfang bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Bereits am Montag Mittag gab es erste Liveschaltungen nach Paris zu einer Korrespondentin, die genauso viel wußte wie der Moderator im Studio. Die Schalte nach Barcelona erschließt sich mir bis heute nicht. Es folgte eine Liveschaltung nach der anderen, in alle möglichen, auch nur im entferntesten mit dem Flug oder dem Absturz in Verbindung stehenden Orte, zu Zeiten, in denen nur bekannt war, dass die Maschine vom Radar verschwunden ist. Mir taten die Reporter vor Ort leid, die gezwungen wurden, sinnlose Fragen spekulativ zu beantworten oder in einer einzigen Schalte dreimal betonen zu müssen, nichts Konkretes berichten zu können.
Den Moderatoren im Studio, namentlich Camilla Senjo und Norbert Lehmann, sah man an, dass auch ihnen der Job unangenehm war und sie nur den Regieanweisungen folgten, weil das eben von ihnen verlangt wurde.

Als sich herausstellte, dass eine gesamte Schulklasse in dem verunglückten Flugzeug saß, konnte ich förmlich sehen, wie sich in den Redaktionen die Hände gerieben wurden. Endlich hatte man eine Tragödie im Unglück gefunden. Mir war es peinlich, als ich die Fernsehbilder von vor der Schule sah. Wie die Geier stürzten sich die Journalisten auf die Schüler und Angehörigen, die Einwohner Halterns, die zum zentralen Ort der Trauer gingen, um Anteil zu nehmen. Da fehlte jegliche Distanz, jeglicher Respekt vor den menschlichen Schicksalen, alles wurde ausgeschlachtet, nur für die Quote oder den Klick mehr.

Richtig skandalös wurde es allerdings, als sich die Hinweise verdichteten, dass der Co-Pilot absichtlich die Maschine gegen den Berg lenkte. Wie schon so oft davor, wurde dem vermeintlich Schuldigen eine Bühne geschaffen, welche einfach nur abartig, pervers und sensationsgeil ist.

Ich kann nicht verstehen, warum den Tätern, den Verursachern solcher Tragödien immer ein solches Denkmal errichtet wird. Oklahoma, Erfurt, New York und Arlington, Winnenden, Utøya, Boston, Newtown, Paris, 4U9525 – ich kenne alle Namen der Täter, könnte sie im Schlaf aufsagen. Dabei will ich das gar nicht, interessieren mich gar nicht. Durch den medialen Dauerbeschuss jedoch, dem ich mich nur schwer entziehen konnte, es sei denn, ich hätte jeweils wochenlang weder Radio noch Fernsehen noch Internet genutzt, brannten sich die Namen in mein Gedächtnis ein. Zudem haben ALLE Täter einen Wikipedia-Eintrag. Im Gegenzug kenne ich nicht den Namen eines einzigen Opfers.

Dabei haben doch zahlreiche Studien gezeigt, dass die mediale Aufmerksamkeit, die Aussicht auf die sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm, eine wesentliche Triebfeder solcher Menschen sind. Das ist, oder besser sollte, auch jedem Journalisten bekannt sind, und trotzdem lässt sich die mediale Vorgehensweise bei jeder neuen Tragödie präzise vorhersagen.

Wenn die Angehörigen das wünschen, und nur dann, kann ich mir auch vorstellen, mehr über die Opfer zu erfahren. Sonst sollten die Hinterbliebenen in ihrer Trauer in Ruhe gelassen werden. Es ist schrecklich genug, einen geliebten Menschen auf so tragische Weise zu verlieren, da sollte sich niemand noch mit der medialen Meute herumschlagen müssen. Dies gilt vor allem und insbesondere für die Familien und Freunde der Täter, die in den meisten Fällen genauso verständnislos, überrascht und erschrocken über die Taten sind wie der Rest der Welt. Dazu kommen automatische Vorwürfe, ob man denn nicht hätte etwas ahnen müssen, das Unglück hätte verhindern können.

Was mir derzeit im Nachgang richtig Bauchschmerzen macht, ist der Umgang mit der Krankheit Depression. Die Stigmatisierung hat eingesetzt und die jahrelange, mühevolle Enttabuisierung wurde mit einem Schlag zunichte gemacht. Es fing mit Sebastian Deisler an, der sich öffentlich zu dieser Krankheit bekannte und zum ersten Mal das Thema Depression ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Der Tod Robert Enkes brachte einen weiteren Schub und viele, viele Lippenbekenntnisse, mehr gegen diese Krankheit tun zu müssen und besser aufzuklären.

Nun aber hat eine einzelne Person einen schrecklichen letzten Ausweg gesucht und dabei alle psychisch Kranken unter Generalverdacht gestellt. Auch ich habe eine Lücke in meinem Lebenslauf, 3 Jahre, in denen ich aufgrund der Krankheit nicht arbeiten konnte. In Vorstellungsgesprächen wurde ich bislang nie auf diese Lücke angesprochen, doch hatte ich mir bisher immer vorgenommen, falls die Frage kommt, wahrheitsgemäß zu antworten. Ich finde, es ist nichts, wofür ich mich schämen sollte. Ich war krank, ich habe alles mir Mögliche dagegen unternommen und bin, soweit dies bei dem Krankheitsbild möglich ist, genesen.

Jetzt allerdings überlege ich, ob ich nicht doch besser eine Ausrede nutzen sollte, Arbeitslosigkeit und Elternzeit, um meine Chancen am Arbeitsmarkt nicht zu torpedieren.

Und so hat dieser Flugzeugabsturz viel mehr zerstört als 150 Leben und ein Flugzeug.

Zerrbild

Dresden steht in letzter Zeit wegen Pegida im Fokus der Öffentlichkeit. Gierig stürzen sich die Medien auf sämtliche Nachrichten zu dem Thema, endlich wieder ausländerfeindliche Nachrichten aus dem Osten, nach dem es dort schon seit einiger Zeit ruhig geworden war, könnte man meinen. Warum dabei so viele Menschen an den „Spaziergängen“ mitmachen, ist mir ein Rätsel, da ich Dresden als weltoffene und vielfältige Stadt kenne. Ich vermute, dass die Veranstaltung als das Original viele Anhänger von außerhalb anzieht und ich weigere mich, dies als repräsentativ für die Dresdner Bevölkerung anzusehen.

Was mich aber derzeit richtig wurmt ist die Berichterstattung über ein geplantes Asylbewerberheim in Dresden, welches durch Anwohnerproteste nun doch nicht eröffnet wird. Als indirekter Anwohner, meine Eltern wohnen 300 Meter vom Ort des Geschehens entfernt und ich bin öfter für mehrere Tage dort zu Besuch, finde ich das, was die Medien, allen voran ARD und ZDF, da veranstalten unter aller Sau.

Es wird in jedem zweiten Satz ein Bezug zu Pegida oder zum Rassismus hergestellt. Schaut man sich allerdings die Hintergründe ein wenig genauer an, und dafür muss man gar nicht großartig recherchieren, entsteht ein ganz anderes Bild.

Im Dezember 2014 beschließt die Stadt Dresden, dass sie ganz dringend Flüchtlingsheime braucht und findet ein Dutzend Örtlichkeiten. Diese werden ohne Einbeziehung der Bevölkerung einfach so festgelegt, Hauptsache, man bekommt die gewünschte Quote an Flüchtlingen untergebracht.

Eine dieser Örtlichkeiten ist das 4-Sterne-Hotel „Prinz Eugen“ im Stadtteil Laubegast. Dieses Hotel ist derzeit immer noch als solches in Betrieb und es gab nie Hinweise, dass es in wirtschaftlicher Schieflage oder zu gering ausgelastet war. Die Anwohner von Laubegast fühlen sich ob der Entscheidung ein wenig vor den Kopf gestoßen und möchten gerne informiert werden, wie denn die Unterbringung der Flüchtlinge genau erfolgen soll und welche Betreuungskonzepte es gibt.

Dazu wurde eine Ortschaftsratsversammlung (o.ä.) anberaumt, diese aber kurzfristig und ohne Angabe von Gründen wieder abgesagt. Der Dresdner Stadtrat beschließt kurz danach ganz offiziell, dass der „Prinz Eugen“ Flüchtlingsunterkunft wird. Wenige Wochen danach zieht der Betreiber des Hotels angeblich auf Drängen der Anwohner seine Zusage wieder zurück, dass Hotel bleibt weiterhin Hotel.

Soweit das bisherige Geschehen.

Was aber die Anwohner umtreibt, sind die Dinge, die nicht angesprochen worden.

  • In dem Heim sollten ausschließlich Männer untergebracht werden, über 90 Personen
  • es wird einmal die Woche ein Sozialarbeiter für einen halben Tag zur Betreuung der Flüchtlinge zur Verfügung gestellt
  • ein weitergehendes Betreuungskonzept gibt es nicht

Da kommen also Männer aus Kriegsgebieten, die wahrscheinlich schreckliches erlebt haben und traumatisiert sind, in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht sprechen und dessen Kultur ihnen fremd ist. Die Männer gehören verschiedenen Religionen und Bevölkerungsgruppen an, möglicherweise sind diese untereinander verfeindet. Sie sind von ihren Familien getrennt, was sicher nicht zu einer Entschärfung der Lage beiträgt. Diese Menschen werden die meiste Zeit sich selbst überlassen in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und in der es so gut wie keine Freizeitmöglichkeiten gibt.

Die Anwohner machen sich Sorgen, welche Probleme daraus erwachsen können. Vielen sind die Vorfälle vor wenigen Wochen in Chemnitz noch gut im Gedächtnis, wo 5 männliche Flüchtlinge miteinander in Streit gerieten, dieser eskalierte und am Ende 2 Menschen tot waren. Reicht es, wenn es im Hotel rund um die Uhr einen Wachdienst gibt? Verhindert das solche Situationen?

Meine Eltern berichteten von einer Bekannten, die in einem dörflichen Supermarkt beobachtete, wie ein Flüchtling versuchte, ein paar Sachen einzukaufen. Er suchte sich seine Waren zusammen, ging zur Kasse und hielt der Kassiererin einen 20-Euro-Schein, den er als Taschengeld erhalten hatte, hin. Er verstand aber nicht, dass er noch Wechselgeld zurück bekam und die Kassiererin, gestresst und auf die lange Schlange an der Kasse schauend, reagierte ungehalten und verständnislos. Beide diskutierten einige Zeit lang ergebnislos, bis sich die Bekannte, die hinter dem Mann in der Schlange stand, einmischte, das Wechselgeld nahm, ihre Einkäufe bezahlte und dann dem Mann in Ruhe und mit viel Geduld, aber ohne gemeinsame Sprache, versuchte zu erklären, wie das mit dem Geld funktioniert. Übernimmt der Sozialarbeiter die Einweisung in solch praktische Dinge?

Das sind ganz praktische Probleme, an die vermutlich die wenigsten, schon gar nicht die Entscheider, denken. Laubegast wurde zwar vor gut einem Jahrhundert eingemeindet, hat sich aber über all die Jahre seine dörfliche Struktur bewahrt. Weder beim Fleischer noch beim Bäcker wird es Verkäufer geben, die Englisch können und ob die Kassierer in den örtlichen Discountern das können, ist auch eher fraglich. Und wer sagt denn, dass die Flüchtlinge mehr als ihre Muttersprache sprechen. Stehen überhaupt genügend und die richtigen Dolmetscher zur Verfügung?

Ich denke, dass sind ganz normale und berechtigte Sorgen, die nichts mit Rassismus zu tun haben. Natürlich gibt es unter den Anwohnern auch welche, die Fremde ganz grundsätzlich ablehnen, aber es werden dort nicht mehr wie anderswo sein. Genauso bin ich der Überzeugung, dass wenn man die Anwohner frühzeitig mit einbezieht, sich ihrer Ängste, Sorgen und Bedenken annimmt und ganz viel erklärt, Stichwort Transparenz, dass man dann auch gemeinsam Konzepte finden kann, wie die Flüchtlinge untergebracht und betreut werden können. Es wird sicherlich Freiwillige geben, die sich um die Menschen kümmern möchten und tatkräftig zur Seite stehen können.
Die Anwohner aber einfach vor vollendete Tatsachen stellen, stößt alle möglichen Helfer vor den Kopf und vergiftet das Klima. Leider passiert dies viel zu oft und nicht umsonst wird dieser Punkt gerne von Pegida aufgegriffen, er kommt nicht von ungefähr.

So beruhigend es für die Flüchtlinge sein mag, eine ordentliche Unterkunft in einem kriegsfreien Land zu haben, so reicht das alleine eben nicht aus für ein menschenwürdiges Leben. Ich bin der Überzeugung, dass die allermeisten Flüchtlinge bereit sind, sich hier ein neues Leben aufzubauen, zu arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen. Nur so ganz ohne Hilfe wird dies sehr schwer. Allein die Traumabewältigung dürfte für viele ein unüberwindbares Hindernis sein und die Hilfsangebote stoßen bereits jetzt an ihre Grenzen.

Vor diesem Hintergrund ärgert mich die Berichterstattung, weil da ein Stadtteil völlig zu Unrecht in Verruf gebracht wird. Viel besser wäre es, wenn die Vorgänge der Dresdner Stadtverwaltung näher beleuchtet und die fehlende Transparenz der Entscheidungen sowie die mangelnden Betreuungskonzepte angeprangert werden.

Aber die rechte Ecke ist so viel quotenträchtiger!

Märtyrer

Die Attentäter von Paris sind tot. Sie legten es die ganze Zeit darauf an, als Märtyrer zu sterben. Unter solchen Vorzeichen ist es für die Einsatzkräfte in der Tat schwierig, die Situation zu klären und die mutmaßlichen Täter am Leben zu lassen.

Was aber geht ist, den Tätern keine Bühne zu geben. Nicht ständig ihre Bilder in allen Medien zu zeigen. Ihre Namen nicht mehr zu nennen. Jetzt, wo dies für eine Fahndung nicht mehr nötig ist.

Ich weiß noch, wie der Amokläufer von Erfurt heißt. Der Bombenleger von Oklahoma. Der Attentäter von Utøya. Dabei will ich das gar nicht, es interessiert mich auch nicht.

Die Taten sind schrecklich und sprechen schon so genug für sich. Sie brauchen nicht mit den Gesichtern der Täter angereichert werden!