Klärende Gespräche

Nach meinem letzten Blogeintrag war lange Ruhe, was aber nicht heißt, dass nichts passiert ist. Ganz im Gegenteil!

Ich habe mich am Dienstag nach Ostern zu meiner alten Psychiaterin begeben. Die war bei meinen initialen Problemen (über die ich eventuell mal bloggen werde) sehr hilfreich und ich hoffte, sie wird mir auch diesmal helfen können. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Ärztin in der Zwischenzeit verstorben war und ihre Nichte/Schwester/Enkelin oder wer auch immer ihre Praxis übernommen hatte. Dies war insofern ungewöhnlich, als dass die alte Psychiaterin einen wirklich ungewöhnlichen Namen hatte, den auch ihre Nachfolgerin legitim weiter führte.

Die Sprechstundenhilfe wollte mich abwimmeln, meinte, ich solle zu meiner Hausärztin gehen, denn der frühestmögliche Termin war in 2 Wochen. Oder aber ich müsste sehr lange warten. Ich dachte kurz darüber nach, aber dieses Gefühl der Ohnmacht war so stark, dass ich jede Wartezeit in Kauf genommen hätte. Daran änderte auch nichts, dass ich mit meiner 3-jährigen Tochter dort war, weil der Kindergarten die 4 Tage nach Ostern geschlossen hatte.

Ich nahm im Wartezimmer Platz und beschäftigte, so gut es ging, mein Kind. Die Empfangsdame half tatkräftig mit, indem sie Kinderbücher und Bausteine zur Verfügung stellte. Mit halbem Ohr hörte ich ihr bei einem Telefonat zu, wo ein Patient einen Termin wegen Magen-Darm absagte. Sein Unglück war mein  Glück, denn ich konnte so seinen Termin belegen.

Nach nur einer Stunde Wartezeit durfte ich die Ärztin sehen. Sie lenkte als erstes das Kind mit Spielzeug ab und hörte mir dann zu. Ich erzählte ihr von der unerträglichen Situation auf Arbeit, von dem miesen Chef und seinen Spielchen und den Auswirkungen auf meine Psyche. Sie glaubte mir sofort.

Allein diese Tatsache war so wunderbar für mich. Mein Chef hatte alles daran gesetzt, mich in Misskredit zu bringen, aber diese Ärztin glaubte mir auf Anhieb, ohne Beweise, nur durch meine Erzählungen.
Sie schrieb mich umgehend für 2 Wochen krank und machte einen Vermerk, dass wenn ich kündigen sollte, ich nicht in die Sperrfrist vom Arbeitsamt laufe. Wie das genau funktioniert, weiß ich nicht, aber es gab mir einen unglaublichen Boost für mein Selbstvertrauen.

Wir redeten noch über Medikamente und meine Bulimie, kamen aber zu der Übereinkunft, dass beides nicht schlimm genug wäre, um aktiv dagegen anzugehen. Ich sollte in 2 Wochen wiederkommen.

Eine Woche später schrieb ich C2 eine Email, in der ich mitteilte, dass ich krank geschrieben bin und wenn er sich fragte, was das Unternehmen dagegen tun kann, so solle er den Umgang C3s mit seinen Mitarbeitern hinterfragen. Dies war eine direkte Referenz zu dem Gespräch im März, wo es das erste Mal um meine Zuverlässigkeit ging.

C2 rief mich noch am gleichen Tag an und erkundigte sich nach meiner Verfassung und der generellen Ausgangslage. Ich berichtete ihm vom Verhalten C3s und welche Auswirkungen dieses auf mich hatte.
Er bot an, einen Vorgesetztenwechsel zurück von C3 auf C2 (ihn) vorzunehmen und fragte nach, ob es ok wäre, ein klärendes Gespräch mit C3 und einem Publikum meiner Wahl zu führen. Ich solle darüber nachdenken, wer für ein solches Gespräch in Frage käme und er würde das entsprechend organisieren.

Ehrlich, ich fand das toll. Ich wurde sofort angerufen, mir wurde Glauben geschenkt, ich durfte ein Meeting einberufen.

Im Nachhinein hätte ich anders reagieren sollen, aber in dem Moment war ich so erstaunt und zufrieden, dass ich nur ein Gespräch mit C2 und C3 wollte. Ich dachte, C2 würde im Zweifelsfall meine Partei ergreifen, aber anscheinend hatte ich seine Signale im Telefonat falsch interpretiert.

Statt jetzt also meinen alten Chef, C1, und einen Vertreter der Personalabteilung dabei zu haben, saß ich allein C2 und C3 gegenüber. Ich wiederholte meine Anschuldigungen, die C3 glattweg bestritt. Das einzige Zugeständnis war, dass er evtl. beim ersten Personalgespräch ein wenig sarkastisch gelacht habe.
Er hatte nicht mal bemerkt, dass ich mich gegen sein Verhalten beim zweiten Personalgespräch verwahrt hatte und ihn gebeten habe, respektvoller zu sein.

Mehr brauchte ich in diesem Moment nicht wissen, alles war gesagt.

C2 sah dies aber anders. Er meinte nur, dass die Angelegenheit nicht weiter verfolgt werden könnte, weil ja Aussage gegen Aussage stünde und er nicht entscheiden könne, wer nun Recht hatte. Außerdem hätte C3 nie zuvor ein solches Verhalten gezeigt.

Ja, ne, is klar. Dieses Meeting mit dem Datenschutzbeauftragten ist auch nie passiert, C3 hat nie externe Berater wie Klopse dastehen lassen. Nur ich bin der Störenfried.
In einem letzten Akt der Verzweiflung ließ ich all meine Deckung fallen und erzählte C2 tacheles, was genau wie mit C2 vorgefallen ist. Entweder er glaubte mir und würde entsprechende Schritte unternehmen oder aber ich bin zum Ende meines befristeten Vertrags raus aus der Firma.
C2 hörte sich alles an, sagte aber nichts dazu.

Eine Woche später hatte ich einen weiteren Termin bei der Psychiaterin, bei dem ich ihr erzählte, was im Gespräch passierte. Sie schrieb mich umgehend für weitere 2 Wochen krank und wir vereinbarten, dass wir beim nächsten Termin über eine etwaige Medikation sprechen würden.

Die nächsten 2 Wochen schlief ich hauptsächlich oder las bei Wikipedia oder hörte mein GOT-Hörbuch.

Als ich beim nächsten Termin bei der Psychiaterin am Empfang stand, bemerkte ich einen verpassten Anruf auf dem Handy. Die Nummer kam mir irgendwie vertraut vor und nachdem ich mich angemeldet hatte, ging ich kurz aus der Praxis, um zu telefonieren.
Es stellte sich heraus, dass die Personalabteilung mich anrufen wollte, um einen Termin für ein persönliches Gespräch zu vereinbaren.

Ich sagte für den nächsten Tag zu.

Die Psychiaterin fand dies alles sehr unglücklich, konnte aber meinen finanziellen Zwang verstehen, nach den 6 Wochen wieder arbeiten gehen zu müssen, um keine monetären Einbussen zu erleiden. Um dies zu ermöglichen, verschrieb sie mir Sertralin in einer 2-wöchigen Rosskur, um mich halbwegs arbeitsfähig zu kriegen.

Den nächsten Tag ging ich also in die Firma, zu dem Gespräch mit der Personalabteilung. Ich wiederholte meine Anschuldigungen, erzählte von den Gesprächen, der Schmach, den Demütigungen. Erneut wurde mir gesagt, dass es keine Zeugen für die Gespräche gibt und deswegen keine personaltechnischen Aktionen gegen C3 unternommen werden können. Wenn ich also weiter für das Unternehmen arbeiten wolle, müsste ich unverändert den Umständen agieren.

OK, soweit kannte ich ja schon die Ausgangslage. Wenn C2 dies so propagierte, wird die Personalabteilung dieser Empfehlung folgen.

Dies war aber nicht der einzige Punkt, der in diesem Gespräch angeschnitten werden sollte.
Gleich nach Abschluss der Respektlosigkeiten von C3 wurde mir vorgeworfen, ich hätte trotz Krankschreibung meine Tätigkeit als Schöffe wahr genommen.

Ich überlegte kurz, ob ich dies abstreiten sollte, denn wirkliche Beweise hatten sie gegen mich nicht. Ich entschied mich jedoch dagegen, erstens, weil ich die entsprechenden Freistellungstage beantragt und bereits genehmigt bekommen hatte und zweitens, weil ich fand, das meine Begründung durchaus stichhaltig war.

Und so erklärte ich: C3 hat meine Glaubwürdigkeit und mein Selbstverständnis so dermassen unterminiert, dass ich keinerlei Selbstvertrauen oder Selbstachtung hatte. Durch die Wahrnehmung der Schöffentätigkeit wurde mir hingegen vermittelt, das meine Anwesenheit, meine Meinung und meine Tätigkeit wertvoll ist. Dies würde mein Selbstvertrauen stärken und mich so durchaus wieder arbeitsfähig machen.

Ich erklärte dies 3x, jedes Mal meinte die Personalchefin, sie könnte meine Argumentation nicht nachvollziehen und verstehe nicht, warum ich trotzdem als Schöffe tätig werde.

Dies war der Moment, wo ich mich entschloss, endlich meine Anwältin zu Rate zu ziehen. Ich telefonierte mit der Vorzimmerdame und bekam einen Termin 3 Tage später.
Pünktlich fand ich mich in der Kanzlei ein und die Anwältin hörte mir aufmerksam zu. Sie erklärte mir dann meine Möglichkeiten, welche zu diesem Zeitpunkt eher dünn waren. Es stand Aussage gegen Aussage und wenn sowohl Bereichsleiter als auch Personalabteilung das Verhalten von C3 schützen würden, blieben mir kaum Handlungsmöglichkeiten.

Also ich ließe mich weiterhin krank schreiben und würde die finanziellen Einbußen nach den 6 Wochen in Kauf nehmen oder ich ginge wieder regulär auf Arbeit, müsste die Zähne zusammenbeißen und C3 ertragen.

Da wir tatsächlich auf mein volles Einkommen angewiesen sind, blieb für mich nur Option 2, Zähne zusammen beißen und auf Arbeit gehen. Immerhin wurde dies durch meine Anwältin erleichtert, nach deren Auffassung ich „nur“ durchschnittliche Arbeitsleistung zu erbringen hätte.

Bevor ich jedoch regulär an meinen Arbeitsplatz zurückkehren konnte, wurde mein Großer krank. Aus nicht bekannter Quelle hatte er sich mit Borkenflechte angesteckt. Nachdem diese Hautkrankheit nach 4 Wochen immer schlimmer wurde, gingen wir zum Arzt, der ihm ein Antibiotikum verschrieb und für den Rest der Woche aus der Schule nahm.
Ich war nicht wirklich böse über die 2 weiteren Tage frei und informierte meinen Chef, C2, über die neuesten Entwicklungen per Email.

Er schrieb mir zurück. Ich solle mich nach den Pfingstfeiertagen wie verabredet in der Personalabteilung melden.
Da ich nichts von einer solchen Verabredung mitbekommen hatte, nahm ich diese Mail einfach so hin.

Am Dienstag nach Pfingsten ging ich wie gewohnt zur Arbeit, stempelte mich ein, in voller Absicht, meine bisherige Tätigkeit wie gewohnt auszuüben.

Ich meldete mich wie befohlen in der Personalabteilung. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich ab sofort von der Arbeit frei gestellt bin. Eine Kollegin der Personalabteilung begleitete mich zu meinem Arbeitsplatz, wo ich meinen Rollcontainer und meinen Schreibtisch räumen durfte.

Weil ich so etwas schon eine ganze Weile eher erwartet hatte, habe ich meinen Schreibtisch und alle signifikanten Dokumente bereits Wochen vorher beräumt und es waren nur noch unbedeutende Papiere übrig. Einen Teil davon gab ich meinem Kollegen, damit er die ISO-Zertifizierung weiter vorantreiben konnte. Den Rest gab ich meinem Nachfolger, der nach erster Einschätzung eine völlige Plinse ist.

Dann gab ich meinen Ausweis der Personalerin und wurde zum Ausgang begleitet.
Unendlich erleichtert fuhr ich nach Hause.

Tags darauf mailte ich meiner Anwältin den Freistellungsvertrag, weil ich mir nicht sicher war, was dies für meine Situation konkret bedeutet. Vornehmlich ging es darum, dass in dem Schreiben das Wörtchen „unwiderruflich“, oder alternativ „widerruflich“, fehlte. Dies hat durchaus Auswirkungen auf mein Verhalten. So dürfte ich beispielsweise nicht in den Urlaub fahren, wenn mein Urlaub nicht bereits genehmigt wurde und „widerruflich“/“unwiderruflich“ fehlt.

Da aber mein Urlaub bereits genehmigt wurde, bin ich auf der sicheren Seite. Allerdings kann ich meine verbleibenden 10 Urlaubstage für dieses Jahr nach Ablauf der Befristung geltend machen, da ohne „unwiderruflich“ mein Urlaubsanspruch nicht berührt wird.

Dies werde ich dann bei entsprechender Gelegenheit tun.

Bis dahin genieße ich meinen bezahlten Urlaub bis Ende September. Ehrlich, es hätte schlimmer kommen können.

P.S.: Nach anfänglichen, sehr heftigen Nebenwirkungen schlägt das Sertralin gut an. Die Angstzustände sind fast weg, mein Appetit ist auf ein Minimum reduziert, meine Laune ist gut. Ich schlafe recht schlecht und mein Herz hat häufig Rhythmusstörungen. Ich nehme am öffentlichen Leben teil und kann meine Familie nach Kräften unterstützen. Ich kann unseren Urlaub planen und schaffe es, den Haushalt einigermaßen zu koordinieren. Ich wünschte, ich hätte mehr Schlaf, aber dies ist Jammern auf sehr hohem Niveau!