T -18

Morgen, also quasi heute, ist die Einschulung vom Großen. Meine Ma hat es sich in den Kopf gesetzt, dass dieses Event ohne ihr Zutun komplett in die Hose gehen wird. Hier ausgewählte WhatsApp-Nachrichten von ihr an mich und meine Antworten.

Ma: Gibt es schon konkrete Pläne für das Kaffee trinken zur Schuleinführung?

Me: Nach dem Mittagessen ein Ausflug zu einer örtlichen, in der Nähe befindlichen Sehenswürdigkeit, zum Füße vertreten und soll ja angenehmes Wetter werden, und danach Kaffee trinken bei uns, so wie du das wolltest.

Ma: Ich will gar nichts, da ich kein Kaffee Trinker bin*. Soll ich nun so eine Kindertorte bestellen oder reicht ein Käsekuchen.

Me: Wenn wir es bei uns machen, dann kann die Torte bei uns in den Kühlschrank. Aber an sich würde der Käsekuchen reichen, großartigen Hunger wird nach dem griechischen Mittagessen ja keiner mehr haben.

* 3 Wochen zuvor hat sie mir Beispiele für Motivtorten geschickt und wir mussten uns unbedingt für eine entscheiden und das Kaffee trinken ging definitiv von ihr aus, mir hätte die Sehenswürdigkeit völlig gereicht, da man nach dem Griechen eh immer für 3 Tage pappsatt ist.

Einen Tag später:

Ma: Braucht ihr fürs Kaffee noch Tassen, Teller und Kuchengabeln und Tischdecken etc.?

Ja bitte, sonst müssen wir den Kuchen wie sonst auch vom Boden essen und den Kaffee aus der hohlen Hand trinken o.O
Geantwortet habe ich, allerdings 2 Tage später, wegen Blutdruck und Prüfungsvorbereitung:

Me: So, habe heute meine erste Prüfung bestanden.
Me: Wir haben unsere normalen Abendbrotteller, keine Kuchengabeln und keine Tischdecken. Ob wir das brauchen, weiß ich nicht.

Ma: Ich auch nicht, wollte nur wissen, ob wir noch etwas mitbringen sollen.

Me: Kleine Löffel haben wir genug, und Tischdecken werden eh nur dreckig. Außerdem zieht die Kleene gerade sehr gerne an herunter hängenden Sachen.

Ende dieser Konversation. Dem aufmerksamen Leser mag nicht entgangen sein, dass die bestandene Prüfung überhaupt nicht gewürdigt wurde. Hauptsache unsere Gäste müssen nicht vom Fußboden essen!

Wiederum 2 Tage später, vorgestern:

Ma: Braucht ihr sonst noch irgendwas?

Me: Nö, sonst haben wir alles.

Heute:

Ma: Alles im grünen Bereich?

Me: Sind mit Großputz beschäftigt, damit es nicht wie Humbatz bei uns aussieht morgen.

Eigentlich wollte ich schreiben: Sind mit Großputz beschäftigt, damit du dich morgen nicht für uns und unseren Saustall schämen musst. Hab es mir aber um des Familienfriedens Willen verkniffen. War aber knapp.

Ma: Ich habe mir diese Nachricht stark vergrößert.

Am liebsten hätte ich geantwortet: Leck mich! Wenn es dir bei uns zu dreckig ist, kannste gerne daheim bleiben. Aber Familienfrieden und so.

3 Stunden später:

Ma: Soll ich noch unsere Kaffeemaschine mitbringen oder reicht eure?

Wir reden von insgesamt 12 Teilnehmern, davon sind 3 1/2 Kinder. Der halbe ist bereits 16, der trinkt vielleicht schon Kaffee 😉 Und wir haben eine stinknormale handelsübliche, je nach Skala 10-15 Tassen fassende Kaffeemaschine, die uns meine Eltern geschenkt haben.

Me: Unsere reicht ja wohl hoffentlich!

Eigentlich wollte ich wieder was ganz anderes schreiben, aber hab es mir geschenkt.

Wenn sie aber morgen irgendeinen dussligen Spruch loslässt, wenn sie auch nur irgendwas am Sauberkeitszustand der Wohnung zu kritteln hat, wenn ihr der Tisch im Restaurant zu zugig/zu nah am Klo/zu nah am Eingang/zu nah an der Küche/zu weit abseits/zu was auch immer ist, wenn das Essen nicht pünktlich kommt, wenn die Rede bei der Feier in der Schule zu langweilig, die Zuckertüte für den Kleenen zu schwer oder wenn wasweißich irgendwas ist, flipp ich aus.

Noch 18mittlerweile 17 Stunden, dann sind meine Eltern hoffentlich wieder auf dem Heimweg und alle leben hoffentlicher noch!

Aber derzeit mag ich dafür nicht garantieren …

Mütterbashing

Ich weiß nicht, ob diese Entwicklung etwas Neues ist, oder ob es das schon immer gab und es bislang nur an mir vorüber gegangen ist. Was ich aber weiß ist, dass es mich extrem nervt, wie wahllos immer wieder irgendeine beliebige Elterngruppe angegangen wird.

Vor Kurzem waren es die Mütter, die, könnten sie die Zeit zurückdrehen, lieber auf Kinder verzichten würden. Die Gründe waren dabei so individuell, wie es die Menschen im Allgemeinen so sind. Viele Mütter nahmen dies zum Anlass, um endlich einmal offen über die nicht so schönen Seiten des Mutterdaseins zu sprechen, die allermeisten jedoch ohne diesen absoluten Anspruch, den Muttergedanken an sich in Frage zu stellen. Ich war dankbar für die Diskussionen, fand ich doch schon immer, dass das einzig wahre Mütterideal gerade gerückt gehörte.

Bereits nach kurzer Zeit jedoch spalteten sich die Diskussionen in zwei Strömungen. Die erste wurde von den Übermüttern angetrieben, die um nichts in der Welt verstehen konnten, wie auch nur eine einzige Mutter nicht beim Anblick ihrer herzallerliebsten Kinder in Glückseeligkeit versinken konnte. Die zweite ging all diejenigen Mütter an, die den Hashtag #regrettingmotherhood nur dafür nutzen, um mal ein bisschen Dampf abzulassen, wo doch das Original um das völlige Bereuen des Mutterseins ging und nicht nur um einzelne Aspekte und dass dieses teilweise Bedauern eben nicht ausreichende Legitimierung war, um sich in diese Diskussion mit reinzuhängen.

Als nächstes folgte eine Diskussion über die „perfekten“ Mütter, die versuchen, den Spagat zwischen Arbeit, Familie, Freunden und Freizeit zu meistern. Dieser Artikel wurde auf einer Mütterseite auf Facebook online gestellt und anstatt sich mit dem eigentlichen Problem bzw. den Ursachen auseinanderzusetzen, stürzten sich 95% der ersten 20 Kommentatorinnen auf den Halbsatz „weil es dort keinen Hort gibt“ und verurteilten die Mütter, warum sie denn überhaupt Kinder in die Welt gesetzt hätten, wenn sie ja doch nicht bereit wären, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Da könnt ich kotzen.

(Anstatt in diese Diskussion einzusteigen, mein Masochismuslevel ist dafür nicht hoch genug, kommentierte ich den ursprünglichen Artikel: Der Punkt ist, dass die meisten Frauen versuchen, den Männern in der männerdominierten Arbeitswelt zu gleichen bzw. mit ihnen in Konkurrenz treten. Und während der erfolgreiche Topmanagermann die Kindererziehung, den Haushalt und die Organisation des sozialen Lebens seiner Frau überlässt, will die erfolgreiche Frau ALLES + Mann/Beziehung alleine unter einen Hut bringen. Wenn sich frau Hilfe sucht wie bspw. eine Haushaltshilfe, sich mit dem Mann in alle Pflichten reinteilt, der Mann also bei den kranken Kindern daheim bleibt oder sie von Kindergarten und Schule abholt, oder der Mann das gemütliche Abendessen mit Freunden organisiert, dann droht nicht automatisch der Burnout. So aber steckt die Frau in ihrem traditionellen Rollenverständnis fest, will aber gleichzeitig modern sein und es in der Arbeitswelt da draußen packen und zerreißt sich sprichwörtlich, um dieses Ziel zu erreichen.)

Aktuell wird dieser Blogbeitrag diskutiert. Ein Artikel, der es sich, wie ich finde, wieder viel zu einfach macht. Sobald man einem der angeführten Kriterien für eine gute Mutter nicht 100% entspricht, ist man automatisch eine schlechte Mutter. „Eine gute Mutter bist du, wenn du dabei deinem Kind zugleich auch mit alledem ausstattest, was es braucht, um die Welt für sich zu entdecken und seinen eigenen Platz in ihr zu finden.“ Ich gehe wohlwollend davon aus, dass es der Autorin bei dieser Aussage nicht allein um materielle Dinge ging, denn damit wären mehr oder weniger sämtliche Hartz-IV-Mütter schlechte Mütter. Aber der Satz zeigt wunderschön, dass ein solches Kriterium auch im ideellen Sinn schwer bis gar nicht erfüllbar ist. Was soll denn die Mutter machen, die selber in ihrer Kindheit vernachlässigt wurde, die noch auf der Suche nach ihrem eigenen Platz in der Welt ist, woher soll sie denn wissen, welche Ausstattung ihr Kind braucht?

Mir geht es aber allein nicht so sehr um den Artikel an sich, sondern um die Reaktionen darauf. Freudig, bereitwillig stürzen sich die guten Mütter auf die schlechten, machen ihnen verbal Vorwürfe noch und nöcher und vor meinem Auge sehe ich eine Frau, die all diese Kommentare liest, und immer mehr verzweifelt, weil sie doch genau auch nichts anderes sein möchte als eine gute Mutter, aber nicht weiß, wie sie das erreichen soll. Weil sie womöglich als Kind immer klein gehalten wurde, geschlagen, missbraucht oder wasauchimmer. Die nie gelernt und erlebt hat, wie ein gutes Zuhause aussieht, wie es sich anfühlt, als Kind geliebt zu werden. Die bestimmt Vorstellungen von einem besseren Leben und einer harmonischeren Beziehung mit ihren Kindern hat, ihr aber bei Konflikten einfach nichts anderes einfällt, als auszuticken. Weil sie es selbst nie anders erfahren hat.

Und dann kommen die Mütter, die diesen schrecklichen Kreislauf durchbrochen haben und brüllen diesen schlechten Mütter ins Gesicht: „Sieh her, ich war stark genug, ich habe es geschafft, ich bin besser als du! Los, beweg deinen Hintern, wenn ich das schaffe, dann kriegst du das ja wohl auch hin.“ Und vor meinen inneren Auge wird das Häuflein Elend immer kleiner und elendiger.

All diesen virtuellen Keulenschlägen ist gemein, dass die meisten dieser Menschen denken, ihre polasierende Meinung sei das einzig Wahre und Abweichungen werden nicht zugelassen. Nicht einer versucht auch nur ansatzweise, sich in die Lage der diskutierenden Frauen hineinzuversetzen, mal die eigene Perspektive zu wechseln und Verständnis für Andere zu entwickeln. Es muss immer nur draufgehauen werden, Hauptsache, es wird jemand getroffen und es tut ordentlich weh. Denn nur dann kann das eigene Ego triumphierend über dem anderer Müttern stehen, hat das eigene Leben einen Sinn. Dann kann man ruhigen Gewissens über die eigenen Unzulänglichkeiten hinwegsehen, die Imperfektionen vergessen, die jeder Mensch hat, egal, ob er will oder nicht.

Ich glaube, was mich vor Allem an diesen Diskussionen nervt ist, dass ich in den seltensten Fällen den oben angeführten Meinungen entspreche. Ich habe auch einen Artikel zum Bedauern geschrieben, gebe aber meine Kinder freiwillig nicht mehr her. Ich stelle mich auch dem Spagat als Vollzeit arbeitende Mutter und Ehefrau. Ich bin genauso eine schlechte Mutter, weil es mir nicht immer gelingt, „gut“ zu sein.
Jeder einzelne dieser verständnislosen, polarisierenden Kommentare trifft eben auch mich, verletzt auch mich. Und so gerne ich mich für einzigartig halten würde, denke ich, dass ich eben auch nur eine von vielen bin, der es so geht und ich finde, dass diese Individualität der Mütter viel zu wenig Gehör und Anerkennung findet.

Nachträglicher Gedanke: Wenn es diesen Übermüttern bei Diskussionen so schwer fällt, sich in andere hineinzuversetzen und den Perspektivwechsel zu wagen, wie machen sie das dann bei ihren Kindern?

Reue und Ambivalenz

Einen Beitrag darüber zu schreiben, dass man das eigene Muttersein auf gar keinen Fall bereut, während das kleinere Kindlein einen seiner schlechtesten Tage überhaupt erwischt hat und in einer Tour ningelt, kommt der Quadratur des Kreises gleich.

Ja, es gibt Tage, da möchte ich meine Kinder auf den Mond schnipsen. Ohne Rückfahrkarte. Wenn sie mir so sehr auf den Keks gehen, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr höre. Oder wenn ich am liebsten allein wäre, aber selbst auf dem Klo nicht in Ruhe gelassen werde, weil der Große ganz dringend ein wichtiges Gespräch durch die geschlossene Badezimmertür führen muss. Wenn die Nacht viel zu kurz war, weil das eine Kind unter spontaner Inkontinenz und das andere unter Zahnungsschmerz leidet und selbst der größte Pott Kaffee der Welt nicht mehr als ein leichtes Flackern der Augenlider bewirkt.

An solchen Tagen wäre ich lieber kinderlos, denn auch das süßeste Lächeln des besten Kindes des Universum macht das nicht wieder wett, egal, wie oft einem dieser Spruch mantraartig vorgebetet wird.

Vielleicht liegt es daran, dass mir solche Tatsachen schon vor der Geburt des ersten Kindes bekannt waren, dass ich nicht generell bereue, Kinder bekommen zu haben, dass ich, könnte ich die Uhr zurück drehen, mich immer wieder für Kinder entscheiden würde.

Würde ich hingegen versuchen, dem von Medien und Tradition vermittelten Idealbild der Mutter zu entsprechen, könnte das wiederum ganz anders aussehen. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Frauen denken, als Mutter würde man dauernd Regenbögen pupsen und tagtäglich in Glückseligkeit vergehen, wenn einem das eigene Kind auch nur das zaghafteste Lächeln schenkt.

Die Realität sieht doch und sah schon immer ganz anders aus. Kinder sind anstrengend. Kinder nerven. Kinden rauben einem Zeit und schränken die persönliche Freiheit ein. Das war bei den Höhlenmenschen nicht anders, nur wurde vermutlich darüber viel offener geredet oder das Zusammenleben war enger und hautnahe Erfahren gang und gäbe, so dass Frauen nicht desillusioniert und völlig frustriert nach wenigen Monaten Muttersein zusammenbrechen.

Ob man zum Muttersein taugt, kann einem niemand vorher sagen. Das ist ein bisschen so wie ein neues, bislang unbekanntes Nahrungsmittel probieren. Da, beiß mal vom Brokkoli ab, der ist lecker. Und erst, nachdem man abgebissen hat, weiß man, ob einem das Grünzeug schmeckt oder man es doch lieber wieder ausspuckt oder schnell herunterwürgt. Dabei kommt es mit Sicherheit auch darauf an, wie sehr mir das Gemüse schmackhaft gemacht wurde. „Probier mal, ich find das lecker“ kontra „Das ist das leckerste, was du jemals essen wirst.“ Bei letzterer Anpreisung ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Essen nicht meine Erwartungen erfüllt und ich enttäuscht oder sogar frustriert bin, immens hoch. Mag beim Brokkoli die Sache im wahrsten Sinne des Wortes schnell gegessen sein, ist das bei Kindern leider nicht so einfach.

Ich behaupte, wenn Eltern von vornherein besser Bescheid wüssten, was auf sie zukommt und gleichzeitig nicht irgendwelchen Idealen hinterher jagten, siehe dieses wunderbare Thema Scheitern, wäre die Anzahl der bereuenden Eltern wesentlich geringer.

Ich liebe meine Kinder. Aber nicht über alles. Ich würde mein Leben für sie geben. Aber nicht mein Leben für sie opfern. Sie geben meinem Leben einen Sinn. Aber nicht den einzigen.

Ich wollte immer Kinder haben, das war Teil meines Lebensplans. Allerdings wusste ich auch von Anfang an, dass ich trotz Kinder Vollzeit arbeiten will. Mir war klar, dass mir Windeln wechseln, Spucktücher nähen oder lustige Pappfiguren basteln nicht die Erfüllung bringen würden.
In diesem Zusammenhang mag es durchaus eine glückliche Fügung sein, dass ich in der DDR aufgewachsen bin, wo arbeitende Mütter und im Haushalt mithelfende Väter Normalität waren und die nichtarbeitende Hausfrau und Mutter das Systemfeindbild schlechthin war. Entsprechend waren alle Mütter meiner Klassenkameraden bis auf eine arbeiten.

Man sollte sich außerdem vor Augen führen, dass Kinder sehr sensibel auf die Stimmungen ihrer Eltern reagieren. Wenn sie merken, dass sich ein Elternteil nicht wohl fühlt, nicht glücklich ist, dann denken sie zuerst, dass sie daran Schuld sind und so falsch liegen sie bei diesem Thema auch nicht. So sollten wir zuallererst den Kindern schuldig sein, unsere Ideale zu überprüfen und offene, ehrliche Diskussionen darüber zulassen und fördern. Es ist absolut niemandem geholfen, wenn die werktätige Mutter oder die passionierte Hausfrau oder die kinderlose Frau für die Wahl ihres Lebensstils angekreidet werden.

Wenn ich die Studienergebnisse und die Artikel dazu lese, denke ich, dass ganz dringend am idealen Mutter- bzw. Frauenbild gearbeitet werden muss. Solange Mütter dafür angegangen werden, dass sie nach einem Jahr Kindererziehung wieder arbeiten gehen wollen – so heute wieder in einer Facebookdiskussion geschehen – oder Frauen sagen, dass sie sich nur als Mutter von der Gesellschaft akzeptiert fühlen, oder von Frauen erwartet wird, dass sie sich vermehren, also weiterhin gesellschaftlicher Druck aufgebaut wird, solange wird es auch Frauen geben, die diese Entscheidung bereuen.

Am Ende sind nicht nur die betroffenen Frauen und Kinder die Leidtragenden, sondern die gesamte Gesellschaft.

Härtetest

Ich war mal wieder für ein langes Wochenende mit den Kindern bei meinen Eltern zu Besuch. Was an sich wie eine gute Sache klingt, war in mehrfacher Weise ein echter Härtetest. Ich konnte viele Verhaltensweisen bei meiner Mutter beobachten, die mich tatsächlich dankbar sein lassen, dass wir relativ weit weg voneinander wohnen. Mehrmals gab es Situationen, die kurz vor der Eskalation standen und ich war heilfroh, als ich wieder nach Hause fahren konnte.

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Bereits der Start war holprig. Ich hatte am Dienstag ein Video meiner brabbelnden Süßen bei Facebook gepostet, was meine Mutter daran erinnerte, dass sie ihre Enkel schon ewig nicht mehr gesehen hat. Mittwochs rief sie unvermittelt an und fragte, ob wir am nächsten Tag bis Sonntag vorbei kommen wollten. Nun hat mich die Erfahrung gelehrt, dass die Frage an sich gar keine Frage ist, sondern mehr ein Befehl, dessen Nichtbefolgung mir noch ewig aufs Brot geschmiert werden wird. Ich hatte zwar für den Rest der Woche einige Pläne gemacht, doch konnte ich diese ohne große Probleme verschieben. Spontanität stört mich grundsätzlich nicht, was mir aber sauer aufstieß, war, als mir meine Mutter im Laufe des Wochenendes ihr Leid klagte, dass sie durch ihrer beiden sehr unterschiedlichen Schichtsysteme ihre freien Tage nur ganz selten miteinander verbringen könnten und es sie nervte, wenn sie die Wochenenden alleine zuhause rumsitzen würde, während Papa arbeitet. Und dieses Wochenende wäre seit Ewigkeiten mal wieder das erste, wo sie beide nicht arbeiten müssten. Statt also dieses Wochenende zu zweit zu genießen, laden sie uns ein und machen sich weiteren Stress. Und dass es meine Mutter stresst, war nicht zu übersehen.

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Denn sie kann nicht einfach nur einladen und wir sind dann da und freuen uns an der Anwesenheit des anderen. Nein, es müssen die Essen für die Tage vorgekocht und extra spezielle Wurst oder Süßigkeiten besorgt werden. Die Tage vertrödeln geht auch nicht, da muss jeden Tag ein Programm her, ganz egal, ob meine Mutter nach ihrer Schicht schon völlig alle ist. Im Gegenzug regte sie sich über Freunde auf, zu denen man mal nicht eben spontan zum Grillen gehen kann, weil die Freunde immer so viel vorbereiten. Dass die Freunde das für sie aus dem gleichen Grund machen wie sie für uns, nämlich dem anderen zeigen, dass er wertvoll genug ist, sich eine solche Mühe zu machen und dass die Mühe gerne in Kauf genommen wird, übersieht sie. Außerdem will sie eh nichts mehr mit so verlogenen Menschen zu tun haben. Sollen sie doch frei heraus sagen, wenn sie keine Zeit oder Lust haben, anstatt sich durch den Grillabend zu quälen. Als wenn meine Mutter immer ehrlich wäre.

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Meine Mutter lebt permanent nach Pippi Langstrumpfs Motto „Ich mache mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Wenn sie etwas macht, ist das in Ordnung, macht jemand anderes genau das gleiche, dann ist das zumindest kritisierbar. So waren wir unterwegs zu ihrem Lieblingsbiergarten, dieser war aber wegen einer naheliegenden Veranstaltung hoffnungslos überfüllt. Wir zogen also weiter zu einem anderen Biergarten, wo wir entgegen der ersten Annahme auch einen schönen Platz fanden. Allerdings bediente uns dort eine Kellnerin, die vor Jahren mal eine etwas unglückliche Bemerkung meiner Mutter gegenüber gemacht hatte. Sie war also schon bedient, bevor wir überhaupt bestellt hatten. Nun war die Lokalität gut gefüllt, weswegen es zwei Minuten dauerte, bis sich die Bedienung um uns kümmerte. Sie begrüßte uns gut gelaunt, meine Mutter deutete etwas in Richtung „hat ja lang genug gedauert“ an, worauf die Kellnerin, wie ich fand, gekonnt und höflich reagierte. Meiner Mutter allerdings schlief bei der Antwort wortwörtlich das Gesicht ein, ich schaute alarmiert meinen Papa an und wir wussten, dass die nächsten Sekunden entscheidend sind, ob wir dort blieben oder überstürzt und unter lautem Geschimpfe aufbrechen müssen. Wir durften bleiben.

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Etwas später fragte uns meine Mutter, wie wir denn den Spruch fanden und wir antworteten wahrheitsgemäß, dass wir ihn ok und gar nicht flapsig oder gar frech fanden. Ich war ehrlich überrascht, dass sie unsere Rückmeldungen einforderte, dies passiert höchst selten, allerdings war sie bitter enttäuscht, dass wir nicht ihre Meinung teilten. Ich versuchte, die Gunst der Stunde zu nutzen und ihr die Perspektive der Bedienung zu zeigen, aber das wollte sie nicht hören. Sie blaffte mich an, ich solle es gut sein lassen. Erst, als ich ihr ein Kompliment machen konnte, wie viel besser sie doch als andere Verkäufer oder Kellner ist, entspannte sich die Situation.

Dieses Verhalten ist mir an diesem Wochenende das erste Mal so richtig bewusst geworden. Meine Mutter kann sich nur gut fühlen, wenn sie sich über andere stellen kann. Sei es, dass sie schlanker ist (und sie ist selber weit entfernt von gertenschlank), oder ihre Klamotten besser sind, oder man bei ihr nicht die Unterwäsche unterm Kleid durchschimmern sieht oder was auch immer. Es muss bei anderen Personen immer etwas schlechtes gefunden werden, einen Menschen einfach so, wie er ist zu akzeptieren, vielleicht sogar sein Anderssein kommentarlos hinzunehmen, geht gar nicht.

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Ich freute mich, als ich ihr von unseren Urlaubsplänen erzählen durfte. Gerne zeigte ich ihr am Computer, wo wir hin wollten, wie unsere bereits gebuchten Unterkünfte aussehen und welche Tagestouren wir vorhaben. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber bestimmt nicht, dass wir nicht so viel herum fahren sollten, dass wir uns doch viel lieber entspannen und „zur Ruhe kommen“ sollten. Ich hab bisher immer noch nicht verstanden, was sie damit meint, denn wir haben nicht das Gefühl, zur Ruhe kommen zu müssen. Wir wollen uns die Gegend anschauen, ein bisschen was erleben und möglichst jeden Abend die eine oder andere Runde am Strand drehen. Wir haben das in der Form bereits in England gemacht und es hat uns allen, auch unserem Kind, sehr gut gefallen. Außerdem waren wir alle ganz wunderbar erholt hinterher. Warum also sollten wir das jetzt anders handhaben?

Wie auch immer, das ganze Wochenende redete sie auf mich ein, dass wir den Urlaub doch anders machen sollten. Nicht so lange, nicht so weite Fahrten, nicht so viele Sehenswürdigkeiten. Nicht einmal kam „oh, das wird meinem Enkel bestimmt gefallen“, wenn ich von expliziten Kinderaktivitäten erzählte, kein „schreibt uns von dort doch bitte eine Karte oder bringt uns etwas mit“, kein „Rom hat ja so viel zu bieten“, nur ständige Einwände.

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Als ich erzählte, dass meine Cousine mit ihrer Familie dieses Jahr eine zweiwöchige Kreuzfahrt macht, kam als Reaktion „na, die können es sich ja auch leisten, die geben ja auch nichts an ihre Mutter (meine Tante) ab, während diese kaum weiß, wie sie die Miete zahlen soll“. Meine Mutter kennt die Geschichte meiner Cousine genauso gut, vermutlich sogar wesentlich besser als ich, und sollte wissen, dass meine Cousine meiner Tante genau nichts schuldet, aber meine Cousine kann einfach nichts recht machen. Vor einigen Monaten regte sich meine Mutter über meinen Opa auf, über seine Marotten und Ansprüche und dass er sich auch nicht wundern braucht, dass ihn niemand mehr besucht. Jetzt am Wochenende allerdings hieß es, dass sie es unmöglich findet, dass meine Cousine ihren Opa nie besucht oder sich bei ihm meldet. Wie es eben gerade passt.

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Es gab am Wochenende einen Moment, da saß ich alleine mit meiner Mutter relativ entspannt zusammen. Das wäre an sich der perfekte Moment gewesen, vertraulich über Probleme, Wehwehchen, Sorgen und Nöte zu reden, aber ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen, ihr mein Herz auszuschütten. Denn anstatt Mitgefühl, Anteilnahme oder auch nur interessiertem Zuhören wären nur Vorwürfe gekommen oder sie hätte gejammert, dass sie sich ja jetzt noch viel mehr Sorgen machen müsse, aber helfen könne sie uns ja doch nicht, weil kein Geld/keine Zeit/keine Ideen/keine Nerven/… Dass die beste Hilfe darin bestehen würde, einfach nur mal über diese Sachen reden zu können, einen Zuhörer zu haben, der einen am Ende in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut wird, das wird sie nie verstehen.

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Ein wenig Verständnis für die Leiden eines kleinen Babies könnte auch nicht schaden. Meine Süße zahnt gerade wie wild. Sie sabbert, stopft sich beide Fäuste in den Mund, lutscht voll Inbrunst an eigenen oder fremden Fingern und ist generell eher unleidlich. Sie jammert viel und weint gerne und laut. Dass sich das mit Arbeitsstress und Erschöpfung nicht gut verträgt, ist mir auch klar, nur hat ein Baby leider keinen Ausschalter, den ich nach Belieben umlegen kann. Ich habe mich sehr bemüht, die Kleene zu beruhigen und es ist mir ganz gut gelungen. Was ich allerdings nicht beeinflussen konnte, war ihr Fremdeln. Alles normal, nur das Verständnis der Oma hielt sich in engen Grenzen. Klar versteh ich, dass sie sich auf ihre Enkel gefreut hat und jetzt enttäuscht ist, doch auch ihr sollte mittlerweile klar sein, dass Kinder unberechenbar sind.

Naja, das Wochenende ist vorbei, aber es wird mich wohl noch eine Weile beschäftigen.

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P.S. Die Fotos sind mit unserer neuen Kamera entstanden und haben nicht wirklich etwas mit dem Text zu tun 🙂

Ihhhhh, so ne Rabenmutter

Jammert gerade eine von den Märzmamis, dass sie ein total schlechtes Gewissen hat, weil sie ihre größeren Kinder, 4 oder 5 Jahre und zwei Schulkinder, in die Betreuung gegeben hat. Sie denkt, ihre Kinder würden sich abgeschoben fühlen, sagt aber im nächsten Satz, dass die Kinder es toll finden.

Ich find das sehr befremdlich, da ich an meine Kindergarten- und Hortzeit nur gute Erinnerungen habe und nie das Gefühl hatte, abgeschoben zu sein. Im Gegenteil, ich fand es klasse, mit den anderen Kindern zu toben und zu spielen und zwischen ganz vielen Spielsachen aussuchen zu können. War mir nach Klettergerüst, bin ich geklettert, war mir nach Wippen, dann ab auf die Wippe. War ich eigenbrötlerisch, hab ich mir Stelzen oder ein Springseil geschnappt. Vor allem fand sich immer jemand, der mitmachen wollte oder bei dem ich mitmachen konnte.
Das sind schlicht Dinge, die nicht mal die beste Mutter der Welt leisten kann.

Ich frage mich auch, warum diese Mutter so ein schlechtes Gewissen hat, das wird sie sich kaum selber eingeredet haben. Gibt es also in ihrem Umfeld die Auffassung, das Mütter, die ihre Kinder in die Betreuung geben, schlechte Mütter sind? Woher kommt diese Einstellung? Liegt es daran, dass sonst den „Hausfrauen und Müttern“ die Hälfte ihrer Daseinsberechtigung entzogen wird, weil sie dann eben auch „nur“ Teilzeitmütter sind?*
Ich mein, wir reden hier von „großen“ Kindern, von Kindern, denen man schon Dinge erklären kann und die vieles verstehen, die schon in die Schule gehen oder kurz davor stehen und von ein paar Stunden über Mittag und am frühen Nachmittag.

Dass man über die Fremdbetreuung der ganz kleinen Kinder diskutieren kann, kann ich nachvollziehen, aber spätestens ab 3 Jahren sollte keine Mutter mehr ein schlechtes Gewissen haben müssen. Hier bei uns in der Stadt ist der Kindergarten sogar das letzte Jahr vor der Einschulung kostenlos, da festgestellt wurde, dass nur daheim erzogene Kinder oft kein ausreichendes Sozialverhalten haben, um sich in eine Schulklasse zu integrieren und diese Aufgabe dann an den Lehrern hängen bleibt.

Außerdem, und jetzt komm ich zum eigentlich Punkt, was sagt das über mich als Mutter aus, wenn ich meine Kinder jeweils schon mit einem Jahr zur Tagesmutter bzw. in die Kinderkrippe bringe?
Bin ich dann eine Kohlrabenmutter?

* Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich verurteile niemanden, der sich entscheidet, zu Hause zu bleiben. Für mich wäre es nix, mir würde innerhalb kürzester Zeit die Decke auf den Kopf fallen. Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, wie er sein Leben gestalten möchte.

NACHTRAG: Ich wurde darauf hingewiesen, dass das kostenlose Vorschuljahr im Kindergarten wieder abgeschafft wurde, weil dafür kein Geld da ist. Sehr schade, da jetzt doch wieder die Lehrer diese Aufgabe übernehmen müssen, anstatt den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Unbegreiflich

Es folgt eine Premiere hier: eine Blogempfehlung. Grundsätzlich kann ich alle Blogs in meiner Blogroll, siehe unten links, empfehlen, doch die jetzige Empfehlung bildet gleichzeitig die Einleitung zu einem sehr privaten Thema, welches mich seit langer Zeit verfolgt und dies auch noch eine ganze Weile tun wird.

Jule Stinkesocke wurde im Alter von 15 Jahren beim Überqueren einer Straße an einer für sie grün geschalteten Fußgängerampel von einer älteren Autofahrerin umgefahren, die ihr unbedingt eine Lektion zum Verhalten im Straßenverkehr erteilen wollte. Es folgten mehrere Monate im Koma sowie eine Querschnittlähmung. Auf Anraten ihrer Psychologin bloggt Jule über ihren Alltag, ihren Umgang mit der neuen Situation und ihre Gedanken und Gefühle. Sie berichtet von unglaublichen – im positiven und negativen Sinne – Begegnungen, ihrem überdurchschnittlich häufigen Kontakt zur Polizei, ihren Freunden und ihrem Sport. Sie tut dies alles mit einem herrlich erfrischenden und sehr offenem Schreibstil, ganz viel Humor und immer ohne im Selbstmitleid zu versinken.

In einem mittlerweile 1,5 Jahre alten Blogeintrag beschreibt sie unter anderem ihr ungläubiges Staunen, als ihr die Mutter einer engen Freundin sagt, dass sie sie sehr lieb habe. Durch diesen sehr emotionalen Bericht trifft sie einen sehr wunden Punkt auf meiner Seele, denn auch ich bin immer wieder erstaunt, wenn mir jemand sagt oder zeigt, dass er mich gern hat, obwohl ich ja gar nichts gemacht habe.

Denn von klein auf wurde mir beigebracht, dass ich nur liebenswert bin, wenn ich Leistung bringe. Am Anfang reichte es, wenn ich spurte, nicht aus der Reihe tanzte und ohne Widerworte das tat, was meine Mutter von mir verlangte. Also achtete ich darauf, dass meine neuen Schuhe nicht dreckig wurden, ich brav meinen Teller leer aß, nirgendwo reinplapperte und mich still im Hintergrund hielt. Meine Mutter zeigte dann immer anderen, wie selbstständig ich doch schon war. Ich allerdings hatte eher nur Angst vor den negativen Folgen, sollte ich ihre Anweisungen nicht beachten. Schnell gab es da mal eine Ohrfeige, um danach mit Nichtbeachtung bestraft zu werden.

Es steigerte sich, als ich in die Schule kam. Ab dann zählten fast nur noch die Schulnoten. Und auch nur die 1. Eine 2 war schon schlecht. Über dreien oder vieren red ich erst gar nicht. Ich hatte Glück, mir fiel die Schule leicht, ich bin gerne da hin gegangen und hab das Wissen wie ein Schwamm aufgesogen. Und so hatte ich auch fast nur Einsen, die dann in der ganzen Familie vorgezeigt werden konnten.

Überhaupt war die Präsentation nach außen wichtig. Bei uns war alles perfekt. Die Wohnung war immer pikobello aufgeräumt und man konnte jederzeit vom Fußboden essen. Ich hatte kein eigenes Kinderzimmer und ein zufälliger Besucher hätte, von den 2 Garderobenhaken im Flur mal abgesehen, nie gemerkt, dass da auch ein Kind lebte. Ich hatte ein Fach im Wohnzimmerschrank für meine Spielsachen und dort musste ich abends immer alles einräumen. Das mal einfach was draußen liegen blieb, kam nie vor.

Wenn wir bei Verwandten zu Besuch waren, dann wurden unsere Erfolge wie Trophäen präsentiert. Schau, unser Kind hat bei der Mathematikolympiade den ersten Platz belegt. Und im Sportverein war sie die Beste im Rennen. Wir waren da und dort 3 Wochen im Urlaub und hatten nur Sonnenschein. Kratzer an der Fassade wurden nicht geduldet. Ich erinnere mich, dass meine Mutter einmal Besuch hatte, von wem, weiß ich nicht mehr, vielleicht ein Arbeitskollege. Sie saßen in der Küche, während ich im Wohnzimmer saß und malte. Ich war ungefähr 4 Jahre alt und wollte meine Mutter besonders stolz machen und malte ein extra schönes Bild. Ich vergaß dabei völlig die Welt um mich herum und als ich das Bild fertig hatte, rannte ich in die Küche, um es ihr zu präsentieren. Sie freute sich auch über das Bild und schickte mich mit einem Klaps auf den Po wieder zurück ins Wohnzimmer, ein weiteres Bild zu malen. Dabei stellte sie fest, dass ich in meiner Weltvergessenheit eingepullert hatte.
Die harschen Worte der Schimpftirade klingen heute noch in meinen Ohren und die Ohrfeigen brennen immer noch auf meinen Wangen.

Irgendwann kam in der Schule der Zeitpunkt, wo ich nicht mehr immer nur die Einsen schaffte, wo sich doch die ein oder andere Zwei einschlich. Und jede einzelne von ihnen war ein Drama.
Geschichtsleistungskontrollen schrieb ich eigentlich sehr gerne. Sie waren immer angekündigt und das Thema war eng begrenzt. Mit ein wenig Auswendiglernen war es überhaupt kein Problem, eine Eins abzustauben. Eines Tages aber wollte ich es zu perfekt machen. Die Lehrerin las wie üblich ihre Frage vor, insgesamt derer 10, und gab uns kurz Zeit, die Antwort aufzuschreiben. Dann las sie die nächste vor. Bei einer Frage schrieb ich ein wenig mehr als die geforderte Antwort und verpasste dadurch die nächste vorgelesene Frage. Ich meldete mich und bat die Lehrerin, die Frage zu wiederholen. Sie lehnte dies ab, sie würde Fragen immer nur einmal laut und deutlich vorlesen. Für mich war das der Weltuntergang. Ich wusste, ich würde die Eins nicht mehr schaffen, mir fehlte ein Punkt. Ich weinte still vor mich hin und brachte den Rest der Arbeit so gut es ging über die Bühne. Die Tage, bis wir die Arbeit korrigiert zurück bekamen, lebte ich in Angst und malte mir aus, was mich erwarten würde, wenn ich das Papier zur Unterschrift zu Hause vorlegen würde.

Wenn ich Glück hätte, würde ich nur angeschrien. Wie dumm ich denn sei. Warum das nur eine Zwei wäre. (Eine echte Erklärung meinerseits wurde weder erwartet noch akzeptiert.) Ob ich mir denn alles verbauen wolle. Ob ich denn wüsste, was ich ihr damit antue. Und so weiter.
Mit etwas Pech würde ich angeschrien und eine Ohrfeige bekommen.
Mit ganz viel Pech würde ich einfach die nächsten Tage ignoriert werden. Ich würde zwar Nahrung und jeden Morgen saubere Kleidung angezogen bekommen, aber es würde kein Wort mit mir gesprochen werden. Sollte ich eine Frage haben oder etwas sagen, würde das ungehört verhallen. Ich war Luft, unsichtbar, niemand.

In solchen Momente wünschte ich mir, sie würde mich anschreien oder verprügeln. Egal, alles war besser als dieser Zustand der Nichtexistenz, jeder Schmerz, jeder Vorwurf, jede Ungerechtigkeit.

Ich begann mich vor den Momenten zu fürchten, in denen wir Klassenarbeiten oder Leistungskontrollen zurück bekamen. Ich wusste nie, was mich erwartet. Ich konnte mich noch so gut vorbereitet haben, doch war es auch so leicht, ein Detail zu vergessen, ein Wort falsch zu schreiben, ein Plus mit einem Minus zu verwechseln.
Eines Tages bekamen wir eine Deutscharbeit von unserer Klassenlehrerin zurück. An sich war ich zuversichtlich, ich hatte ein gutes Gefühl bei der Arbeit gehabt. Umso größer war der Schock, als es dann nur eine Zwei war. In dem Moment brach ich zusammen. Ich sackte in mich zusammen und fing hemmungslos an zu weinen. Mir war irgendwie alles egal, ich hatte einfach nur furchtbare Angst.
Eine Klassenkameradin fragte mich, warum ich denn so weinen würde und ich antwortete, dass ich in der Arbeit nur eine Zwei bekommen habe und jetzt mächtig Ärger zu Hause bekäme und dass ich einfach nur Angst hatte und mich nicht traute, nach Hause zu gehen. Die gesamte Klasse schaute mich an. Starrte mich ungläubig an. Die Klassenkameradin sprach dann das aus, was alle anderen dachten: Das kann gar nicht sein, niemand wird ausgeschimpft, wenn er eine Zwei nach Hause brächte. Eine Zwei ist doch eine gute Note und ich solle mich nicht so anstellen. Ich hätte das sicherlich nur erfunden, um mich wichtig zu machen.

Ich glaube, ich habe mich nie wieder so einsam in einem Raum voller Menschen gefühlt. Meine Klassenlehrerin hat dies alles mitbekommen, aber nichts dazu gesagt. Vielleicht hat sie später mit meiner Mutter darüber geredet, ich weiß es nicht. Mir jedenfalls hat niemand geholfen, ich musste da alleine durch.
Was es für eine Reaktion zu Hause gab, weiß ich nicht mehr, ich habe es verdrängt. Wohl besser so.

Meine Mutter ist außerdem sehr launisch, ihre Stimmung kann von einer Sekunde auf die andere umschlagen und es ist nicht vorhersehbar, wann das passiert. In einem Moment stehen wir zusammen in der Küche, lachen und werfen uns gegenseitig Beleidigungen an den Kopf: du blöde Kuh – selber blöde Kuh – nein, du blöde Kuh – selber doofe Kuh. Und im nächsten Moment sinkt die Temperatur im Raum um 20 Grad, mir wird ein eisiger Blick zugeworfen, mir stockt der Atem und ich habe einen riesigen Kloß im Hals. Ich frage noch nach, was denn los ist, erhalte aber schon keine Antwort mehr und werde wieder ignoriert.

Im Laufe der Jahre etablierte sich ein seltsames Ritual. Als ich alt genug war, um nicht mehr in den Schulhort gehen zu müssen, wartete ich jeden Tag zuhause auf die Heimkehr meiner Mutter von Arbeit. Sorgsam beobachtete ich die Uhr, wie sie sich langsam der gefürchteten 16-Uhr-Marke näherte. Ab diesem Zeitpunkt war es jede Sekunde möglich, dass meine Mutter nach Hause kommt. Jeden Tag freute ich mich darauf und hasste zugleich diesen Moment. Ich saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, las oder spielte oder wartete einfach nur. Irgendwann hörte ich eine Autotür zuschlagen und spürte, wie die Angst in mir hochstieg. Ich schaute vorsichtig aus dem Fenster, nur nicht die Gardine berühren oder, falls die Gardine nicht bis zur Fensterbank reichte, mit weitem Abstand, um nicht hinter dem Glas erspäht zu werden.
Es war aber egal, sie wusste eh, dass ich hinter dem Fenster stehe. Manchmal winkte sie hoch. Ein gutes Zeichen, gute Laune, ein guter Tag, ein guter Nachmittag. Hoffentlich.

Sah ich unten unser Auto stehen, lief ich zur Wohnungstür, öffnete diese und wartete, bis meine Mutter die Haustür aufschloss. Sobald sie im Treppenhaus war, lauschte ich auf ihren Schritt. War er leicht oder stampfte sie eher wütend auf? Wenn sie um den letzten Treppenabsatz bog und damit in mein Sichtfeld kam, begrüßte ich sie. Grüßte sie zurück, war das ein gutes Zeichen. Schwieg sie, nicht. Manchmal hatte sie schwere Einkaufstaschen dabei, die ich ihr eilig abnahm und in die Küche schaffte. Alles half, um nicht ihrem Zorn ausgesetzt zu sein.
Noch heute läuft mir jedesmal ein Schauer über den Rücken, wenn ich auf dem Sofa sitze, in einer anderen Stadt, und ich unten auf der Straße eine Autotüre schlagen höre. Für Sekunden bin ich dann wieder zurück zu Hause, bin wieder 8 oder 9 Jahre alt und warte auf meine Mutter.

Ich entwickelte durch dieses Ritual sehr feine Antennen für Stimmungen. Ich spüre heute in einem Raum voller Menschen, wenn jemand wütend oder angespannt ist. Die Stimmung überträgt sich auf mich und ich verkrampfe total. Ich versuche dann, herauszufinden, wer die wütende Person ist und hoffe, etwas dagegen machen zu können. Sind es mir bekannte Personen, Freunde, Familie, dann frag ich offensiv nach, was das Problem ist, ob ich helfen könne. Bei unbekannten Personen bin ich hilf- und machtlos wie als kleines Kind.

Und wo war mein Papa? Warum stand er mir nicht bei?

Er war die meiste Zeit arbeiten, im 3-Schicht-System, weil das mehr Geld gab und diverse Vergünstigungen. So hatte ich ihn nur aller 2 Wochen nachmittags und ab und zu am Wochenende auf meiner Seite. Ihm konnte ich mich anvertrauen, er war mein Verbündeter. Ich schickte ihn manchmal mit schlechten Neuigkeiten los, er solle meine Mutter vorwarnen. Es half meistens, und der erste Riesenärger war verflogen, so dass ich nur noch angeschrien wurde, nicht mehr geschlagen. Und solange mein Papa da war, war es mir egal, wenn sie mich anschwieg, ich war wenigstens nicht unsichtbar.

Mein Papa beschäftigte sich auch mit mir, baute riesige Deckenforts im Wohnzimmer oder half mir beim Zusammenbauen großer Konstruktionen aus meinem Metallbaukasten. Die schönsten Momente hatten wir im Keller, wenn wir zusammen irgendwas aus Holz bastelten oder Kohlen stapelten oder ein ums andere Mal den Keller umräumten. Das war unser Reich, dort war meine Mutter ausgeschlossen und ganz weit weg. Dort durfte ich Dinge einfach mal liegen lassen oder beim Sägen so richtig Dreck machen, während mir mein Papa die Welt erklärte und alle meine Fragen beantwortete. Er hörte mir zu.
Wir wurden ein eingeschworenes Team und verstanden uns blind. Meine Mutter warf uns das allerdings immer wieder gerne vor, dass wir eine Gemeinschaft wären, bei der sie ausgeschlossen war und wir würden die ganze Zeit hinter ihrem Rücken reden und sie schlecht machen und überhaupt.
Diesen Vorwurf bringt sie gelegentlich heute noch.

In all dieser Zeit hatte ich nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass sich jemand freute, weil ich da war. Es wurde sich gefreut, wenn ich eine Eins nach Hause brachte. Wenn das Zeugnis gut war. Wenn ich bei einem Ausflug brav war. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir jemals meine Eltern sagten, dass sie mich lieb hatten. Oder wenigstens gern. Oder stolz auf mich sind. Ich wurde nicht im Überschwang der Freude gedrückt und geherzt. Mir wurde in die Wange gekniffen. Oder mal die Haare verwuschelt.
Ich habe, wenn überhaupt, sowas nur indirekt mitbekommen.
Einmal auf einem Campingplatz, ich war 13 und war mit den Ferienfreunden zu einem Brettspiel verabredet. Wir saßen in einer offenen Hütte, die keine 10 Meter von den Waschräumen entfernt stand. Ich hatte die Zeit vergessen und mittlerweile war es dunkel geworden. Irgendwann erschrak ich, weil es schon so spät war und lief zu unserem Wohnwagen, wo mich meine in Tränen aufgelöste Mutter empfing. Sie hätten schon den ganzen Campingplatz abgesucht, sie haben gedacht, mir wäre etwas schreckliches geschehen und sie hätten sich solche Sorgen gemacht. Und dann umarmte sie mich und drückte mich erleichtert ganz fest an sich.
Kurz darauf folgte dann die Schimpftirade und alles war wieder beim Alten.

Ein andermal erzählte mir ein Nachbar, der gerade mal 5 Jahre älter war als ich, das ihm mein Papa erzählt hat, wie stolz er auf mich sei, weil ich mich so gut mit Computern auskenne und er ja davon überhaupt keine Ahnung habe.
Für mich ist das bis heute eine sehr wertvolle Erinnerung.

Bin ich sauer oder wütend auf meine Mutter?

Ich war es lange Zeit. Ich habe auch eine sehr lange Zeit gebraucht, um mir überhaupt einzugestehen, dass ich wütend bin. Und noch ein wenig länger hat es gedauert, bis ich wegen der Wut kein schlechtes Gewissen mehr hatte, sondern mir auch erlaubte, wütend zu sein. Anzuerkennen, dass ich ein Recht darauf hatte, wütend zu sein.
Aber Wut bringt mich auf Dauer nicht weiter. Wut bindet zuviel Energie, ich bin dann nur damit beschäftigt, wütend zu sein oder meine Wut in Schach zu halten. Und dafür sind mir meine Kräfte zu wertvoll.

Ich habe also meinen Frieden mit der Vergangenheit geschlossen. Nichts von dem, was meine Mutter macht(e), hat sie mit dem Vorsatz gemacht, mich zu quälen oder mir zu schaden. Vielmehr ist ihr Verhalten das Ergebnis von Hilflosigkeit. Sie selber hat es in ihrer Kindheit von ihrem Vater, meinem Großvater, nicht anders erlebt. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, sie hatte keine anderen Werkzeuge, um mit diesen Situationen anders fertig zu werden. Sie handelte mit dem Vorsatz, dass es mir später mal besser gehen sollte. Sie war nie gut in der Schule, ihr wurde eine Ausbildung auferzwungen, die sie hasste, musste in einem Betrieb mit Kollegen arbeiten, die sie schikanierten. Sie wollte dieses Schicksal für mich vermeiden.
Sie hatte kein anderes Ventil. Ihr fehlt jegliche Fähigkeit zur Reflektion, sie ist nicht in der Lage, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.
Wenn die eigene Tochter drei Therapien braucht, um einigermaßen wieder mit dem Leben klar zu kommen, dann fragt sich auch eine Mutter, was sie denn falsch gemacht hat. Und natürlich macht sie sich Vorwürfe. Es bringt aber nichts, mit ihr darüber zu reden, weil sie es nicht einsehen würde, nicht begreifen. Nicht, weil sie es nicht will, sondern weil sie es nicht kann. Sie müsste dazu nämlich in der Lage sein, sich in eine andere Person hinein zu versetzen, Situationen aus einer anderen Perspektive wahr nehmen. Empathie für jemand anderen zu empfinden, zu zeigen. Und das kann sie nicht. Es wäre, als wenn man einen Blinden bitten würde, einen Sonnenuntergang zu beschreiben.

Für mich war und ist die schwerste Lektion, zu begreifen, dass es Personen gibt – und auch schon immer gab – die mich nur um meiner selbst willen mögen. Die sich wirklich freuen, dass ich da bin. Und denen es reicht, dass ich da bin. Die nichts von mir erwarten, keine Höchstleistungen, keine teuren Geschenke, nur meine Anwesenheit. Die mich einfach so mal umarmen, um mir zu zeigen, dass sie mich gern haben. Und dann steh ich eben einfach staunend da 🙂

P.S.: Ich umarme mein Kind jeden Tag mehrmals. Ich teile ihm mit, wenn er etwas gemacht hat, worauf ich stolz bin. Und ich sage ihm jeden Tag, dass ich ihn liebe. Dies sind jeden Tag meine letzten Worte an ihn, nachdem ich ihn ins Bett gebracht habe, bevor ich das Licht ausknipse und sein Zimmer verlasse.