Jammerbolz

Dass ich so meine Schwierigkeiten mit unserem großen Kind habe, hatte ich bereits an anderer Stelle geschrieben. Ebenso, dass ich mit dieser Situation unzufrieden bin und daran gerne etwas ändern möchte. Leider hat sich nach 3 Monaten nicht allzu viel geändert, mitunter habe ich sogar das Gefühl, dass es schlimmer wird.

Da die Kleene heute wieder eine sehr unruhige Nacht hatte, mich um halb fünf Uhr früh weckte, um aus dem Kinderbettchen genommen zu werden, nur um dann fröhlich schnarchend mit maximalem Platzbedarf neben mir weiter zu schlafen, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und nutzte dies. Auch weil das Wochenende insgesamt echt nervenaufreibend war. Zudem hatte der Große in einem Freundebuch auf die Frage, was ihn am meisten nervt „meine Eltern“ geantwortet. Mein Mann war richtig stinkig, als er das las, ich fand die Antwort nur natürlich und ehrlich.

Jedenfalls konne ich beim Nachdenken zwei Hauptursachen ausmachen, von denen ich denke, dass sie das Miteinander mit dem Großen so schwierig machen.

Der erste Punkt ist sein Jammern. In seinem ersten Lebensjahr war der Rabauke echt genügsam. Er schaute fröhlich in der Gegend umher, begrabschte die Spielsachen in seiner Reichweite und freute sich seines Daseins. Mit der Mobilität jedoch setzte das Jammern ein. Wenn er sich nur das kleinste bisschen den Kopf anstieß oder mit dem Fuss irgendwo dagegen trat, setzte sofort ein riesiges Gebrüll ein und er konnte sich erst Minuten später wieder beruhigen. Und ich meine jetzt nicht dieses volle Kanne gegen die Tischkante rennen, sondern beim Vorbeugen mit der Nasenspitze die Tischplatte berühren oder ähnliche Kleinigkeiten. Er wurde getröstet und irgendwann ging es dann weiter. Das steigerte sich im Laufe der Zeit jedoch zu völlig kontaktfreiem Jammern.
Irgendetwas gelang nicht so, wie er es sich vorstellte, also wurde gejammert. Dieses nervige Knatschen in hoher Frequenz. Und jeder noch so winzige Anlass wurde zum Jammern genutzt. Beim Laufen auf die Ritze zwischen zwei Gehwegplatten getreten. Zuerst den linken statt des rechten Schuhs angezogen. Den Apfel nicht richtig geschnitten. So viel oder zu wenig Käse auf den Nudeln. Das Plüschtier im Bett an der falschen Stelle. All den Dingen war gemein, dass es nicht vorher absehbar war, wann das „Falsche“ gemacht wurde, so dass das Jammern immer unvorbereitet kam.

Und das Jammern raubt mir sofort jeglichen Nerv. Mein Puls geht von normal auf 180 innerhalb von einer Sekunde. Ich habe überlegt, warum dieses Jammern eine solch verheerende Wirkung auf mich hat und ich denke, weil es völlig konträr zu meinem Naturell ist. Beim Schreiben lernen, wo es ganz normal ist, dass das nicht auf Anhieb perfekt klappt, malte der Große eine Zahl etwas über die Schreiblinie hinaus und fing sofort an zu jammern. Niemand hatte mit ihm geschimpft, ganz im Gegenteil, ich ermutigte ihn, es weiter zu versuchen, denn nur wenn man übt, kann man auch besser werden. Es nützte nichts, die nächste Zahl war wieder über die Linie gerutscht und außerdem noch nach rechts gekippt. Erneutes, noch lauteres Jammern. Jegliches Zureden, jegliches Motivieren halfen nichts – Jammern, Jammern, Jammern.
Wo ich mich hinsetzte und probiere, bis ich endlich den Dreh raushabe, hört der Junge beim ersten Hindernis sofort auf, gibt innerlich auch auf und jammert.
Seit einiger Zeit trainiere ich mit ihm Fußball, vor allem Technik. In zwei Wochen ist wieder Kaderschmiede beim Lieblingsverein und wir hoffen, dass er dazu eingeladen wird und zeigen kann, was er drauf hat. Zur Vorbereitung hat der Verein Videos von früheren Sichtungen ins Netz gestellt, auf denen man sehen kann, was wie getestet werden soll. Ich versuche nun, ihn zielgerichtet darauf vorzubereiten, was auch beinhaltet, dass er Sachen machen muss, die ihm nicht so liegen. Bpsw. mit links dribbeln. Total doof, weil er das nicht kann. Also Jammern. Ich erkläre geduldig, warum es wichtig ist, mit beiden Füßen möglichst gleich gut dribbeln zu können. Ich mache ihm sogar vor, dass er mit Beidfüßigkeit schneller ist. Er versucht es, stolpert, jammert, bricht den Versuch ab. Nach 5 Minuten hab ich keine Lust mehr, zumal das alles bei uns im Innenhof stattfindet, wo uns sämtliche Bewohner der Wohnanlage zuschauen können, wie ich mich zum Horst mache und das Kind lautstark jammert.
Selbst Erklärungen, dass sein Idol Lewandowski die meiste Zeit Dinge übt, die er nicht so gut kann oder die ihm nicht so viel Spaß machen, motivieren nicht mehr. Es wird gejammert, gejammert, gejammert.
Von den bisherigen 8 Trainings haben wir nur eines bis zum Ende durchgezogen, die anderen wurden wegen Jammerns vorzeitig eingestellt.

Woher dieses Verhalten kommt, weiß ich nicht, denn sowohl sein Papa als auch ich leben ihm ein anderes Verhalten vor. Wir geben nicht sofort auf, wir jammern nicht sofort. Sicher ärgern wir uns, wenn etwas nicht klappt, aber wir suchen auch Mittel und Wege, damit es trotzdem gelingt. Mir fehlt auch komplett das Verständnis dafür, denn Jammern ändert an der Situation genau nichts, sie wird nicht besser oder leichter. Maximal vermeidet man sie, aber dadurch landet weder die nächste Zahl ordentlich auf der Linie noch wird das Dribbeln mit links besser.

Der zweite Punkt ist das gesamte Thema Hören. Ich selbst halte mich für einen guten Zuhörer. Ich folge mit Interesse, wenn mir jemand etwas erzählt und merke mir auch das meiste. Hat den Nachteil, dass ich schnell gelangweilt bin, wenn mir jemand etwas doppelt erzählt, aber das ist dann mein Problem.
Der Große wiederum hört nur selten zu. Er interessiert sich für viele Dinge und stellt auch viele Fragen, die wir dann nach besten Wissen und Gewissen beantworten, aber er hört nicht zu. Im Zweifelsfall stellt er genau die gleiche Frage 5 Minuten später. Oder man erklärt ausführlich etwas und er tut es entweder als falsch ab – er weiß es eh besser – oder er erzählt, dass es auch ganz anders sein kann und erfindet eine völlig verrückte oder unmögliche Alternative.
Ich weiß, dass das einen wunden Punkt bei mir berührt. Zu lange baute sich mein Lebenssinn, mein Selbstbild darauf auf, dass ich Dinge (besser-)wußte. Wenn also der Große jetzt kommt und mir mein tatsächliches Wissen abspricht, dann rüttelt das immer ordentlich an den Grundfesten meines Selbstverständnisses. Doch da kann ich ansetzen und an mir arbeiten, löst aber nicht das Problem des Nichtzuhörens.
Es ärgert mich total, wenn ich mir Zeit nehme, wenn ich mir Gedanken um eine kindgerechte Erklärung mache, er mir aber schon beim zweiten Satz nicht mehr zuhört. Selbst wenn ich ihn darauf hinweise, dass mich das ärgert und er mir doch bitte zuhören möge, wenn er denn etwas wissen möchte, ist im zweiten Anlauf nach dem 3. Satz Schluss.

Ganz schlimm wird es, wenn es um Anweisungen geht. Seit Jahr und Tag gibt es bei uns die Regel, dass unser Sofa kein Klettergerüst und kein Trampolin ist. Wenn er sich derart austoben will, kann er das gerne auf seiner eigenen Couch machen. Genauso lange, wie es diese Regel gibt, wird sie gebrochen. Wir ermahnen ihn, 5 Sekunden später hüpft er mit Anlauf aufs Sofa. Wir erteilen daraufhin Sofaverbot, 10 Sekunden später hüpft er wieder drauf. Wir ticken aus.
Oder wir bitten ihn, etwas zu tun oder zu lassen. Wir bitten ihn zweimal, dreimal, ohne jegliche Reaktion. Erst wenn wir brüllen, werden wir gehört, dabei hat das Kind sehr gute Ohren. Es ist dabei auch egal, ob wir fragen, ob er ein Eis möchte oder dass er uns beim Tischdecken helfen soll.
Auch negative Erfahrungen wirken in keinster Form lehrreich. Wir reden uns den Mund fusslig, dass er seine Schwester in Ruhe lassen soll, denn wenn er mit ihr tobt, ist spätestens 10 Sekunden später das ganz große Drama da und beide Kinder heulen. JEDES MAL! Deswegen beten wir die Aufforderung mantraartig ganze Nachmittage herunter, könnten das aber auch der Wand sagen.

Beide Verhaltensformen lassen mich regelmäßig austicken. Ganz egal, wie oft ich mir vornehme, gelassener zu sein und nicht mehr zu brüllen, spätestens nach 10 Minuten ist der gute Vorsatz passé. Ich habe keine Ahnung, was ich dagegen unternehmen kann und bin mittlerweile so verzweifelt, dass ich überlege, den Schulpsychologen deswegen zu kontaktieren. Denn an sich habe ich jetzt schon keinerlei Nerven mehr für das Verhalten und lebe quasi nur noch für den Feierabend, wenn das Kind endlich im Bett ist.

So sollte Familienleben sicherlich nicht aussehen 😦

©Foto von Flickr/Rolf Brecher „Ahuuuuuuuuu………“, (CC BY-SA 2.0)

 

Uns gibt’s noch

Wir sind nur schwer beschäftigt mit den letzten Urlaubsvorbereitungen. In gut einer Woche geht es los und ich versuche einfach, alle noch zu erledigenden Aufgaben im Blick zu behalten. Ich schreibe Listen, was wir alles einpacken müssen und was geklärt werden muss und ganz plötzlich finde ich die Zeit ziemlich knapp.

Meine Süße mit ihrer fordernden Art ist nicht sonderlich hilfreich. Ich habe gestern über eine Stunde gebraucht, um Wäsche von Trockner abzunehmen und neue aufzuhängen. Ich muss die nächsten Tage unser geordnetes Chaos beseitigen, da wir zwei verschiedene Katzensitter während unserer Abwesenheit in unserer Wohnung haben werden und da sollte es wenigstens ein bisschen ordentlich aussehen. Dass schon eine Menge Urlaubssachen rumliegen, erleichtert die Aufgabe auch nicht.

Und an was wir alles denken müssen. Eine möglichst kleine Kühltasche samt Kühlakku für das Antibiotikum der Kleenen. In den Pensionen und Hotels gibt es zwar Kühlschränke (hoffentlich), aber auf den Wegen dahin brauchen wir externe Kühlung. Das Reisebett dürfen wir nicht vergessen. Wir haben überall 4-Bett-Zimmer gebucht, aber so ein Bett mit hohem Rand ist schon besser. Handtücher und Bettwäsche, da wir das sonst für viel Geld mieten müssen in einigen Unterkünften.

Ein paar Termine für nach dem Urlaub müssen vereinbart werden, das Leben geht hinterher weiter, aber mir ist derzeit gar nicht nach telefonieren. Die große Katze muss vorm Urlaub noch zum Tierarzt, ihre jährliche Impfung abholen. Seit gestern ist unser Navigationsgerät auf dem neuesten Stand, was mich weitere 4 Stunden gekostet hat. Zwei Stunden habe ich gebraucht, damit der TomTom-Server das Gerät erkennt und mitbekommt, dass es dazu den kostenlosen Kartenaktualisierungsservice gibt. Das Update selbst lief dann problemlos und nebenbei, aber die Nerven, die es mich bis dahin gekostet hat.

Die sind eh grad nicht sonderlich dick. Ich bin permanent leicht panisch, ob unsere Planungen hinhauen, ob alles gut geht, ob wir an alles gedacht haben. Klamotten für 3 Wochen ohne Waschmaschine müssen pünktlich sauber sein. Dazu habe ich die Klamottenkartons der Größe 74/80 geplündert. Die Süße ist zwar erst auf dem Weg zur 68, aber nur mit Hilfe der größeren Sachen bekommen wir die 3 Wochen überbrückt. Jetzt liegt ein Großteil davon ein wenig unordentlich im Schlafzimmer rum, da das Klamottenregal für diese Menge schlicht zu klein ist.

Die Tage direkt vorm Urlaub werden am heftigsten. Sämtliche Sachen müssen am Donnerstag, allerspätestens Freitag gepackt sein. Am Sonnabend haben wir keine Zeit. Da ist erst Fußball, von dort fahren wir direkt zu meinen Eltern, meine Tante, Cousine und deren Sohn feiern gemeinsam runde Geburtstage und es kommt mal wieder die gesamte Familie zusammen, was ich auf keinen Fall verpassen möchte. Abends geht es wieder nach Hause, dann packen wir alle Sachen ins Auto, ich versuche, mindestens 5 Stunden zu schlafen. Mitten in der Nacht, derzeitiger Planungsstand zwischen 3 und 4 Uhr, werden Kinder und Mann ins Auto gepackt und es geht auf gen Süden mit dem Ziel, dass der Nachwuchs so viel Autobahnzeit wie möglich einfach verschläft. Ich hoffe, wir sind gegen 9 Uhr, spätestens 10 Uhr in München, denn dann hat der Kleene wenigstens was zu Angucken, wenn er aus dem Fenster schaut. Die Autobahn ist bis dorthin einfach nur pottelangweilig. Später treffen wir uns in Österreich kurz mit meinen Eltern, die dann auch gerade auf dem Weg in den Urlaub sind. Geplant ist, dass wir für ein paar Stunden etwas zusammen unternehmen, bevor sie ins Zillertal und wir zum Gardasee weiterfahren.

Während dieser ganzen Planungszeit werd ich das Gefühl nicht los, dass ich etwas Wichtiges übersehen habe. Aber das ist wohl ganz normal …

Nachtrag: der doofe Badspiegelschrank hängt leider immer noch nicht wieder. Beim ersten Versuch ist mir der Dübel samt Turbokit und diversen Steinchen und Putzteilen entgegengekommen. Ich werde nicht drumrum kommen, neue Löcher zu bohren.

Shoop Shoop

Das war er also, der 5-Wochen-Schub.

An sich geb ich nicht viel auf Schübe oder Phasen, weil man letztendlich nicht viel dagegen machen kann, außer sie so nehmen, wie sie gerade kommen.

Dementsprechend wurde das Kind gestern den ganzen Tag getragen und gefühlt aller 5 Minuten gestillt. Nützt ja alles nix.

Was mich erstaunte war meine Gelassenheit. Ich kann mich noch erinnern, wie ich beim Großen an solchen Tagen gelitten habe. Wie ich jeden einzelnen Nervenstrang separat zerfasern spüren konnte. Wie ich am Ende des Tages auf dem Zahnfleisch gekrochen bin. Wie ich einmal, als es gar nicht anders ging, ans andere Ende der Wohnung gegangen, mit der flachen Hand voller Wucht gegen die Wand und mir halb die Seele aus dem Leib geschrieen habe.

Die vergangenen beiden Tage hingegen tanzte ich mit dem Kind im Tragetuch durch die Wohnung, erzählte ihm Geschichten oder ertrug stoisch sein Weinen im Tragetuch, während ich beruhigend seinen Rücken streichelte. Kein Verkrampfen, kein Angenervt sein. Vielleicht ist das die Gelassenheit des Alters 😉