Vorahnung

Am 30. Oktober feierte mein Opa seinen 98. Geburtstag. Da durch den bundesweiten Feiertag am 31.10. der Montag davor schulfrei war, dachte ich, dass es eine gute Idee wäre, zu eben jenem Geburtstag in meine Heimatstadt zu fahren und am Ehrentag dabei zu sein. Schließlich ist in dem Alter die Anzahl zukünftiger Geburtstage recht überschaubar.

Ich rief meine Eltern an, ob es ok wäre, wenn ich mit dem Großen vorbeikommen und auch gleich dort übernachten würde. War es nicht. Weil meine Ma Frühschicht hatte und bis 14 Uhr an diesem Tag arbeiten musste. Außerdem war der Tisch in der Gaststätte, in der gefeiert werden sollte, nur für 12 Personen ausgelegt und lag in einer Nische, so dass zusätzliche Personen schlicht keinen Platz daran gehabt hätten. Mein Vorschlag, doch zum Essen selbst an einen Nebentisch zu gehen und zum Quatschen, wo Armfreiheit nicht so wichtig ist, an den großen Tisch zu kommen, fand keinen Anklang.

Ich war einigermaßen sauer, weil ich beides für bloße Ausreden hielt, die meiner Ma zusätzlichen Aufwand vom Halse halten wollte. Ich überlegte, ob ich auf gut Glück fahre, als special guest, aber auf den Stress mit meinen Eltern hatte ich irgendwie auch keine Lust.

Eigentlich wollte ich direkt am Geburtstag meinen Opa anrufen und gratulieren, war aber mit dem Großen in der Stadt unterwegs. Als ich anrufen wollte, war mein Opa bereits in der Gaststätte, so dass ich den Anruf verschieben musste.

So rief ich denn am nächsten Tag an und ließ mir ausführlich von der Feier erzählen. Mein Großer gratulierte ebenfalls, schließlich sind die beiden ganz dicke miteinander und immer, wenn sein Urenkel zu Besuch bei den Großeltern war, musste der Uropa besucht werden, der sich jedes Mal sehr darüber freute.
Außerdem fragte ich, wie es ihm ginge, was mein Opa etwas unverbindlich mit „geht so“ beantwortete. Bei der Verabschiedung meinte ich, dass wir uns bestimmt zu Weihnachten sehen. Dies hat sich in den letzten Jahren zur Tradition entwickelt, dass er für einen Nachmittag zu meinen Eltern kam oder wir zu ihm, je nach Laune und Verfassung.

Leider teilte er meine Vorfreude nicht, sondern meinte, dass er sich gar nicht sicher sei, ob er zu Weihnachten noch da wäre. Ich erwiderte, er solle nicht so etwas sagen, er ist doch noch fit für sein Alter und so lange ist es auch nicht hin. Er sagte erneut, dass er sich nicht sicher sei, dass Leben sei schon sehr beschwerlich und die Einsamkeit machte ihm sehr zu schaffen. Ratlos, was ich dazu sagen sollte, verabschiedete ich mich.

Die nächsten Tage wuchs meine Sorge. Am Telefon hatte mein Opa gemeint, dass er mir zu meinem Geburtstag einen Tag später eine Karte per Einschreiben schicken würde, diese aber wegen des Feiertags wohl ein wenig verspätet ankommt. Ich sagte, dass dies überhaupt kein Problem sei. Bis zum Ende der Woche war keine Geburtstagskarte im Briefkasten. Ich kontaktierte meine Eltern, ob sie denn Neuigkeiten vom Opa hätten, hatten sie aber nicht. Am Dienstag bat ich meine Eltern, beim Opa anzurufen oder vorbeizuschauen, ich hätte so ein ungutes Gefühl, da die Karte immer noch nicht da sei, was äußerst ungewöhnlich war, da mein Opa an sich sehr zuverlässig ist.

Sie riefen mich an, sagten, sie hätten Opa erreicht und die Karte wäre wegen einer falschen Hausnummer zurückgekommen. Sie würde die nächsten Tage erneut, diesmal mit richtiger Hausnummer, losgeschickt. Zudem erzählten sie, dass der Neffe meines Opas jeden zweiten Tag bei ihm vorbeischauen würde und er sofort Bescheid sagte, wenn etwas nicht stimmte.

Ich war erleichtert und beruhigte mich ein wenig. Meine Sorge war nicht unbegründet, gab es in der Vergangenheit doch mehrere Episoden, wo mein Opa versucht hatte, sein Leben zu beenden. So wurde er mehrfach von der Bahnpolizei aufgegriffen, weil er im Gleisbett in der Nähe von Bahnhöfen herumirrte, um sich im passenden Moment vor einen Zug zu werfen. Zum Glück waren die Polizisten immer schneller als der nächste Zug.

Erst als meine Cousine, die als Rettungsassistentin arbeitet und bereits mehrfach menschliche Überreste von Triebwagen und Gleisen kratzen musste, ein Machtwort sprach, hörte er damit auf. Sie meinte, dass wir alle es nicht verhindern könnten, wenn er sich unbedingt etwas antun wolle, aber er solle doch bitteschön darauf achten, keine anderen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen und es gäbe bereits genug Lokführer, die mit einem lebenslangen Trauma klarkommen müssten, weil jemand keine andere Lösung gefunden hatte.

Als wieder einige Tage später immer noch keine Karte im Briefkasten war, wuchs meine Unruhe erneut. Besonders der angesprochene Punkt Einsamkeit beschäftigte mich. Die letzten Jahre waren wahrlich nicht optimal verlaufen. Nicht allzu lange nach dem Tod meiner Oma vor knapp 8 Jahren enthüllte mein Opa ein lange gehütetes Geheimnis. Er habe vor 40 Jahren eine Affäre gehabt, aus der eine uneheliche Tochter entstanden ist. Jetzt würde er die Beziehung zu eben jenem Kind intensivieren wollen.
Seine große Tochter war außer sich. Sie brach für lange Zeit jeglichen Kontakt ab und auch ihr Kinder verringerten ihre Besuche. Sein Sohn war bestürzt, hielt aber den Kontakt so gut es ging aufrecht, was sich in der Vergangenheit eh bereits auf 2-3 Besuche im Jahr beschränkte, da sie ziemlich weit weg wohnten.
Meine Ma nahm die Geschichte gelassen. Sicher war sie gekränkt, dass ihre Mutter betrogen worden war, aber kannte sie das Leben im Allgemeinen doch so gut, dass sie auch diese Wendung mit einiger Gelassenheit hinnahm. Sie war auch die erste aus der Familie, die die Halbschwester begrüßte und ein normales, wenn auch nicht inniges, Verhältnis anstrebte.

Ich bin eh die Allerletzte, die andere Menschen verurteilte und so war es mir von Anfang an gleich. Ich kenne alle Facetten des Lebens und weiß auch, wie schnell es mit so einer Affäre gehen kann. Deswegen hatte ich auch keinerlei Probleme damit, weiterhin engen Kontakt mit meinem Opa zu halten. Schließlich gab es viele gute Erinnerungen, an gemeinsam verbrachte Ferien, Feiertage, Urlaube, Wanderungen und Ausflüge. Meine Großeltern, beide, konnten wundervoll kochen. Sie waren beide Naturfreunde, brachten mir die Grundzüge des Kletterns bei (nicht auf den Knien), zeigten mir die Schönheiten der Natur und waren ganz generell viel weniger streng als meine Ma.

Heute nun kam der Anruf meines Papas, den ich so lange befürchtet hatte. Mein Opa habe sich in der letzten Nacht das Leben genommen, indem er sich von einer Brücke stürzte. Meine erste Frage war, ob dabei andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wurden sie nicht.
Ich konnte nicht lange mit meinem Pa reden, da ich den Großen von einer Geburtstagsparty abholen musste. Auf dem Weg dahin fragte ich mich immer und immer wieder, ob ich hätte mehr tun müssen. Ich war traurig, dass ich nicht meinem Impuls gefolgt bin, ihn zu seinem Geburtstag zu besuchen. Und ich war wütend. Ich wollte meinen Opa anschreien, was er doch für ein Idiot sei. Aber gleichzeitig hatte ich tiefes Verständnis für ihn. Doch auch dies konnte nicht verhindern, dass ich einen totalen Heulkrampf im Auto hatte. Ich war selber überrascht, dass mich sein Tod so sehr mitnimmt. Mit 98 Jahren sollte ein Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet sein. Aber dieser ist es!

Am Abend telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie waren ebenso wenig überrascht wie ich, vielleicht hatten sie sogar schon eher geahnt, dass dies kommen würde. Meine Ma erzählte, dass mein Opa, der Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Autofahrer war, in letzter Zeit einige leichtsinnige Unfälle gebaut habe und sein Führerschein vermutlich in naher Zukunft eingezogen worden wäre. Er hatte bereits vorher angekündigt, dass wenn dies passieren würde, er sich da Leben nähme.

Nun war es anscheinend soweit 😥

Ein Wochenende

Das Wichtigste zuerst: mir geht es schlecht, sehr sehr schlecht. Warum genau, dass weiß ich auch nicht so genau, aber ich hoffe, dieser Blogbeitrag trägt zur Aufklärung bei.

Ich war mit den beiden Kindern für ein langes Wochenende bei meinen Eltern und seit wir wieder daheim sind, hat mich eine Erschöpfung gepackt und drückt mich nieder, so dass es mir tatsächlich schwer fällt, aufrecht zu stehen. Immerhin konnte ich recht schnell die Ursache ausmachen, weil sie quasi schon das gesamte Wochenende wie ein Damoklesschwert über mir schwebte.

Es ist natürlich meine Ma. Mein Verhältnis zu ihr war immer schon schwierig und eigentlich dachte ich, dass es sich über die Jahre gebessert hätte, aber ganz offensichtlich war das nur eine Illusion. Die letzten vier Tage waren der aus meiner Kindheit gewohnte und verhasste Tanz auf der Rasierklinge.

Alles fing zudem noch denkbar schlecht an. Ich packte am Sonnabend Vormittag die Taschen für die 2 Kinder und mich. In meiner Tasche waren sämtliche von uns besorgten Geschenke für die Schuleinführung verstaut, unter meinen Klamotten, damit der Große nicht lunschen konnte. Jener war total aufgeregt, wuselte mir ständig zwischen den Beinen rum und plapperte mich von der Seite voll, so dass ich echte Mühe hatte, mich zu konzentrieren und auch wirklich alle benötigten Sachen einzupacken. Plan war, um 12 Uhr zu starten und das schafften wir auch ziemlich genau. Allerdings musste ich nach 10 Minuten umdrehen, weil ich vergessen hatte, die Medizin der Kleenen einzupacken. Damit war dann der Zeitplan Geschichte.

Auf der Autobahn ungewöhnlich viel Verkehr und 30 Kilometer vorm Ziel Stau, Stau, Baustelle, Stau, Baustelle und Fahrbahnverengung auf eine Spur und Stau. Gleichzeitig sprang die Außentemperatur von 25 Grad auf über 30 Grad und die Klimaanlage im Auto kam nicht mehr hinterher. Eh schon gestresst wegen des nicht eingehaltenen Zeitplans – meine Ma wartete bestimmt schon mit dem Essen auf uns – ronn mir der Schweiß in Strömen am Körper runter und ich merkte, wie mein Deo versagte. Kaum waren wir bei meinen Eltern angekommen, meinte meine Ma, ich würde nach Schweiß riechen und verzog angewidert das Gesicht. Ja Ma, ich freu mich auch dich zu sehen. Ich bot ihr an, fix zu duschen, aber das lehnte sie ab, weil sie zusätzlich zur Hitze nicht auch noch den Wasserdampf vom Duschen in der Wohnung haben wollte. Außerdem stand ja schon das Essen auf dem Tisch. So verbrachte ich den Rest des Nachmittags damit, mit angelegten Armen und möglichst wenigen Bewegungen meinen in der Tat unangenehmen Körpergeruch in Schach zu halten, was mit einem Mädchen, das ständig hochgenommen werden möchte, eine extra Herausforderung ist.

Das Schlimmste war allerdings, dass ich im Packstress vergessen hatte, die Reisetasche des Großen mit einzupacken, die stand jetzt mutterseelenallein in seinem Zimmer und der Süße hatte nur die Klamotten mit, die er anhatte: T-Shirt, Hose, Unterhose, Socken, Sandalen und einen Sonnenhut. Ganz großes Kino. Ich wollte gerade anbieten, schnell in die Stadt zu fahren und eine Grundausstattung zu holen – da meine Ma eh jeden Tag wäscht, hätte es nicht viel gebraucht – als sie anfing, die Schränke auszuräumen und hervorholte: 4 T-Shirts, 5 Unterhosen, diverse Paar Socken, eine lange Jeans, 2 kurze Hosen, einen dicken Pullover, eine Jeansjacke, eine Regenjacke, 2 Kappen, 2 Paar Sandalen. Mir hatte sie im Vorfeld gesagt, sie hätte nur Unterhosen und einen Schlafanzug da, den Rest müsste ich mitbringen. (Das war früher anders, als der Große einmal pro Monat für ein paar Tage bei ihnen übernachtete, da hatte sie immer komplette Garnituren vorrätig. Ich dachte jetzt, wo die Besuche durch die Schule eher selten werden, hätte sie uns diese überzähligen Sachen alle mitgegeben.) Einerseits fand ich das gut, weil so das Wochenende vorerst gerettet war, andererseits löste es in mir großes Unbehagen aus. Vermutlich erwartete sie überbordende Dankbarkeit, die ich wie immer nicht gezeigt hatte, oder sie wollte ihre gehorteten Schätze vor mir nicht preis geben, oder sie fand es doof, dass ich sie beim offensichtlichen Lügen erwischt hatte, jedenfalls war die Stimmung einfach nur frostig. Meine einzige Hoffnung war, dass sie für den Abend bei Freunden zum Geburtstag eingeladen waren und ich mit den Kindern den Abend alleine und entspannt verbringen konnte.

Doch bevor sie zum Geburtstag starteten, wurde in einem Fort gegrummelt und alles, was sie möglicherweise an diesem Abend erwarten würde, von vornherein schlecht gemacht. „Ach, ich seh schon, dass ich mir das Anziehen auch hätte sparen können, wenn deren Köter mich erblickt und dann mit seinen dreckigen Pfoten an mich hochsteigt.“; „Die grillen bestimmt wieder, das dauert immer so ewig, besonders die gegrillten Käse und Tofuwürste [der vegetarischen Gastgeberin], da sitze stundenlang vor den leeren Tellern.“; „Die haben mit Sicherheit auch wieder die und den eingeladen, da hab ich jetzt schon keinen Bock mehr.“; „Bei dem Wind da draußen hätte ich mir das Haare föhnen auch sparen können.“

Meine Eltern waren irgendwann weg, ich konnte in Ruhe duschen und wir drei Übriggebliebenen aßen ganz in Ruhe und friedlich Abendbrot. Dann brachte ich die Kinder ins Bett, die Kleene brauchte ein wenig länger als sonst, aber alles im Rahmen und dann wartete ich auf die Rückkehr meiner Eltern. Seltsamerweise waren sie gut gelaunt, als sie ankamen, offensichtlich hatten sie einen schönen Abend gehabt und nicht eine der zuvor geäußerten Befürchtungen ist eingetreten.

Die Nacht war denkbar schlecht, meine Süße war irgendwie ständig wach und jammerte und war generell sehr unruhig. Ich versuchte mein Bestes, sie zu beruhigen und konnte sie mehr oder weniger bis halb 8 in Schach halten, bis der Große wach wurde. Ich war wie gerädert und hatte furchtbare Kopfschmerzen. Die Klimaanlage im Auto am Vortag hat mir einen völlig verspannten Nacken beschert, begünstigt durch den angespannten Nachmittag. Meine Ma wollte nach dem Frühstück unbedingt etwas unternehmen, aber ich konnte kaum meine Augen offen halten. Als ich auf keinen der Vorschläge einging und nur noch mit Gähnen antwortete, wurde auf Plan B umgeschaltet. Friedhofsbesuch und ich durfte mich noch mal hinlegen und eine Runde schlafen. Ich war wirklich dankbar, aber konnte es vermutlich nicht deutlich genug zeigen, weil ich einfach zu müde dazu war. Aber an diesem Punkt war mir alles egal, die Kopfschmerzen brachten mich um, da waren die stechenden Blicke meiner Ma nur ein Klacks.

Nach 2 Stunden komatösen Schlafs waren die Ausflügler wieder zurück und es gab Mittagessen. Danach warf ich mir 2 Ibus ein und die Kinder wurden zum Mittagsschlaf geschickt. Dann wurde die Schuleinführung geplant. Das heißt, meine Ma plante und mein Pa und ich durften nicken.

Das Thema verfolgt mich eh schon seit mehreren Monaten bzw. tut meine Ma das. Eine Freundin erzählte, dass sie letztes Jahr ihren großen Jungen eingeschult hatte und die anschließende Feier bei ihnen im Garten stattfand. Mir gefiel diese Idee, nur fehlt es uns am Garten. Also fragten wir den Bruder meines Mannes, der hat ein kleines Häuschen im Umland, mit Terrasse und Garten. Wir könnten grillen und viele Dinge selber machen und vorbereiten und das Kind hätte im Garten rumspringen und so seine Aufregung abbauen können. Alles war soweit fertig geplant, unklar war eigentlich nur, ob der Kartoffelsalat mit Gurken oder ohne sein soll und welche Biersorten wir kaufen. Nachdem wir aber vorletztes Wochenende bei meinem Schwager zum Geburtstag waren und da eine so grauslige Stimmung herrschte, dass mein Mann mehrere Tage brauchte, um sich wieder einzukriegen, verwarfen wir den Plan und wollten die Feier bei uns im Hof machen oder bei schlechtem Wetter bei uns in der Wohnung. Wäre zwar etwas kuschlig von den Platzverhältnissen geworden, aber trotzdem gegangen. Aber diese Variante, die sich in keinster Weise von der Schwager-Gartenvariante unterschieden hätte, lehnte meine Ma glattweg ab. Wir sollten doch in jener Gaststätte anrufen, vielleicht hätten die noch Plätze. Oder in dem anderen Restaurant, da ginge eventuell auch noch was. Alternativ würden sie bei ihrem Stammgriechen – wohlgemerkt in einer ganz anderen Stadt – nachfragen. Ich rief dann bei unserem Griechen an und konnte dort noch genügend Plätze reservieren.

Jetzt blieb nur noch die Nachmittagsgestaltung zu klären und das wollten wir eben an diesem Wochenende machen. Zusammen mit der Verteilung der Geschenke auf drei Schultüten: die elterliche, die großelterliche und die urgroßelterliche. Meine Ma packe alle Sachen auf den Tisch und verteilte dann ganz nach Belieben. Die große Legobox in ihre Tüte. Das kleine Lego in die urgroßväterliche. Dass ich dieses kleine Lego gerne als elterliches Geschenk genommen hätte, weil es einfach so supergut auf meinen Jungen passt, wurde übergangen. Und so wurden Sachen hin und her geschoben, immer begleitet mit den Worten „du musst sagen, wenn dir was nicht passt“, aber sobald ich den Mund aufmachte, wurde das entweder überhört oder mit „ach, das ist doch aber so viel besser“ abgeschmettert. Da die Ibus noch nicht ganz ihre Wirkung entfaltet hatten und es am Ende ja doch alles irgendwie meinem Kind geschenkt wird, verkniff ich mir den Streit an dieser Stelle. Nachdem meine Ma mit dem Aufteilen fertig war, durfte ich meinen Teil wieder einpacken, immerhin hatte ich den Piratensorgenfresser für unsere Schultüte gerettet! Den Fußballschal musste ich allerdings auch aufgeben. Meine Ma bemerkte, dass sie außer einem großen Lego gar kein Spielzeug in der Zuckertüte hat, also bot ich ihr eine Box mit Metallknobelspielen an. Nur widerwillig nahm sie diese, denn die Box würde ja in der Zuckertüte klappern.

Anschließend ging es um die Organisation der Feier. Sie fragte, ob ich denn Einladungen verschicken wolle. Wollte ich nicht. Denn meine Tante würde im Vorfeld ausführlich von meinen Eltern informiert, meine Cousine hat per WhatsApp bereits alle Daten erhalten und mein Schwager wurde von meinem Mann eingeladen. Meine Ma kramte drei Einladungskarten aus einer großen Kartenbox hervor und meinte, die verschickst du an die drei und schreibst dann rein, wo genau das Restaurant ist und wann es los geht. Zu diesem Zeitpunkt war ich so dankbar, dass die Ibus endlich wirkten und ich wider halbwegs geradeaus schauen konnte, dass ich die Karten eben einsteckte und sie demnächst bekrakeln werde.

Es blieb noch die Nachmittagsplanung. Meine Idee war, bei schönem Wetter eines der Wahrzeichen der Stadt zu besuchen und dort ein kleines Picknick zu veranstalten. Genug Wiese gibt es dort und eben auch öffentliche Toiletten und, so man möchte, eine fantastische Aussicht. Und nicht zu vergessen Parkplätze. Bei schlechtem Wetter gäbe es das Kaffeetrinken bei uns in der Wohnung, mit bereits oben erwähntem Kuschelfaktor, wobei ich wirklich sehr hoffe, dass halbwegs gutes Wetter ist. Der Kleene geht mir an so einem aufregenden Tag ein, wenn er sich nicht wenigstens einmal richtig austoben kann und das geht in der Wohnung eher schlecht. Meine Ma fand meinen Vorschlag irgendwie gut, aber eben auch nicht so richtig, weil irgendwie sollen wir auch bei schönen Wetter alles in der Wohnung vorbereiten. Die Erklärung habe ich nicht verstanden, ist aber auch egal, denn wir machen das jetzt so. Und wir SOLLEN DOCH BITTE DIE TAGE DAVOR GRÜNDLICHEN BUDENSCHWUNG MACHEN, damit es nicht wie Humbatz bei uns aussieht. So wie sonst immer, vergass sie zu erwähnen.

Zugegeben, bei uns herrscht das organisierte Chaos und weder mein Mann noch ich lieben Putzen. Dennoch muss niemand bei uns durch knöchelhohen Dreck waten oder muss Angst haben, sich seine Klamotten beim Setzen auf die Couch dreckig zu machen. Man kann bei uns nicht vom Boden essen – wobei, bei dem was die Kinder so beim Essen fallen lassen, könnte man durchaus davon satt werden, wenn einen die Katzenhaare nicht stören, die spätestens 5 Minuten nach dem Wischen wieder überall herumfliegen. Bei meiner Ma ist es immer und zu jeder Zeit OP-Saal-mäßig sauber und alles, was diesen Standard nicht erfüllt ist dreckig. Ich allerdings vertrete die Ansicht, dass 2 Kinder, 2 Katzen und ein Mann einfach soviel Leben in die Bude bringen, dass klinisch rein eine Illusion ist und man nur einigermaßen versuchen kann, dieses Chaos zu beherrschen. Wenn ich eine aufgeräumte Wohnung sehen will, kauf ich mir SCHÖNER WOHNEN!

Nachdem nun die Partyplanung abgeschlossen war, wurde beschlossen, dass wir noch in die Stadt fahren, Parkeisenbahn fahren. Ehrlich, ich bin es gewohnt, um die Ecke zu denken und auch Eventualitäten einzuplanen, aber manchmal bin ich echt überfordert. Wir warteten am Bahnsteig auf den Zug und sahen auf dem gegenüberliegenden Gleis einen Zug. Dessen vordere Passagierwagen waren überdacht, die hintere Hälfte war topless. So, wie ich meine Ma kenne, bevorzugt sie Schatten und mag nicht, wenn sie in der prallen Sonne sitzt. Also postierte ich mich am vorderen Ende des Bahnsteigs, in der Hoffnung, ein überdachtes leeres Abteil für uns zu ergattern. Meine Ma verteilte den Rest der Familie – Pa und sich selbst – strategisch auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr ein, ich fand tatsächlich ein überdachtes leeres Abteil, steig ein und winkte den Rest zu mir. Diese jedoch winkten zurück – aus einem nicht überdachten Wagen. Ich also mit der Süßen auf dem Arm und Wickelrucksack auf dem anderen zum anderen Abteil getrabt. „Mit Dach überm Kopf bekomme ich Beklemmungen.“
Ja ne, is klar. Hätte ich mich hinten postiert und ein freies oben rum offenes Abteil erkämpft, hätte sie vorne gestanden und ein überdachtes genommen. „Die pralle Sonne vertrag ich nicht so.“

Egal. Ich hab den Großen meine Kamera um den Hals gehängt und er hat freudestrahlend ein Bild nach dem anderen geschossen. Danach sind wir in einen Biergarten gefahren. Wir fanden ein schönes, schattiges Plätzchen weitab von der Band und den überlauten Lautsprechern. Die Band packte gerade zusammen und meine Ma fragte mich, ob denn in der Nähe der Bühne ein Tisch frei wäre. War keiner und bei meiner Suche stellte ich fest, dass die Lautsprecher ihrem Namen alle Ehre machten und laut waren, so laut, dass man nicht sein eigenes Wort verstand. Der Große war auf dem Spielplatz spielen, Pa war Getränke holen, ich begleitete die Süße bei Treppensteigversuchen. Meine Ma war also ca. 10 Minuten alleine. Zuviel. Kaum hatte mein Pa die Getränke abgestellt, wurde er losgeschickt, einen Platz in der Nähe der Bühne zu suchen. Er fand eine, winkte meine Ma heran, ich bekam das gerade so mit, weil die Süße eben wieder die Treppe heruntergekrabbelt war, Ich half also beim Gläser, Jacken und Taschen tragen und noch bevor wir Pas Tisch erreicht hatten, schwenkte meine Ma auf einen ganz anderen Tisch um. Weil da mehr Schatten war. Oder weiß der Geier.
Meine Ma jedenfalls saß jetzt perfekt, hatte alles im Blick, niemanden im Rücken und konnte sich trefflich über den wirklich gut erzogenen Hund zwei Tische weiter aufregen.

Als wir abends, nachdem die Kinder im Bett waren, noch gemütlich beisammen saßen, kam die Sprache aufs Geld. Meine Ma meinte, dass wir ja momentan ganz arg am Hungertuch zu knabbern hätten – haben wir nicht – und dass die Uroma tatsächlich was vererbt hätte. Ich bezweifle das ein wenig, drei Jahre im betreuten Wohnen werden wohl sämtliche Spareinlagen selbst bei der recht guten Witwenrente meiner Oma aufgefressen haben. Dennoch beharrten sie darauf, dass die Oma ihren drei Kindern jeweils 1.000 Euro vererbt hätte und meine Eltern würden ihren Anteil mit uns teilen. Ob das nun so ist oder nicht, ich wollte das Geld nicht so einfach im Alltag versumpfen lassen. Spontan kam mir die Idee, das Geld in irgendeiner Form anzulegen und dem Großen zugute kommen zu lassen. Zum Führerschein oder als Studienbeihilfe, was auch immer. Eben einfach nur für ihn, für später, wenn er groß ist. Ich dachte an ein Sparbuch oder Tagesgeldkonto, irgendetwas das sicher ist und vielleicht ein paar Zinsen abwirft. Wobei da das Sparbuch ja schon raus ist. Wie auch immer, bei meinen Eltern lagerte noch mein Sparbuch von anno dazumals mit dem sagenhaften Betrag von 66 Euro. Allerdings konnte dies nur durch mich persönlich aufgelöst werden. Und wenn wir schon mal bei der Sparkasse sind, können wir uns doch gleich beraten lassen, was es für Möglichkeiten für die 500 Euro gibt, die im Laufe der Zeit durch Geburtstagsgelder, Jugendweihen, Sommerarbeiten, etc. aufgepolstert werden könnten.

Mein Pa und ich sind also Montag nachmittag – meine Ma musste arbeiten – zur Sparkasse gegangen, haben mein Sparbuch aufgelöst. Das ging erstaunlich einfach, nur mussten die sagenhaften 66 Euro auf ein Girokonto überwiesen werden, Barauszahlung war nicht möglich. Ein versierter Bankberater hatte auch zufällig Zeit und beriet uns ganz trefflich, nämlich ohne irgendwelche Zinsraten, Gewinnspannen oder Fallstricke zu nennen. Auf dem Papier klang die Enkelvorsorgeversicherung echt super, in Echt hat sie einfach nur unzählige Fragen zurück gelassen. Anlagen mit Wertpapieranteil konnten nicht beraten werden, da dafür beide Erziehungsberechtigte, bzw. einer mit Vollmacht des anderen, hätte anwesend sein müssen. War mir eh ganz recht, denn der Große hatte den Hydroblumentopf mit den bunten Steinen im Büro des Beraters entdeckt, was wiederum die Süße veranlasste, alle Steine aus dem Topf anzulutschen. Wir bedankten uns für die Beratung, und gingen ohne etwas zu unterschreiben nach Hause. Dort angekommen stellten wir fest, dass Ma bereits dreimal angerufen hatte, augenscheinlich was wirklich Wichtiges. Mein Pa rief zurück, aber sie nahm nicht ab, vermutlich war sie einfach zu beschäftigt. Mein Pa verzog sich mit seinem Enkel in den Keller, sie wollten an einem Projekt basteln, irgendwas mit Holz, Räder und Farbe.
Als meine Ma erneut anrief, berichtete sie mir, dass einer ihrer Kunden auch Sparkassenberater wäre und er ihr ganz dringend von einer Anlage bei der Sparkasse abgeraten hätte. Ich meinte, wir würden am Abend, wenn sie zuhause wäre, in Ruhe darüber sprechen und das ihr Berater gar nicht so unrecht hätte. Sie schwafelte noch 2 Minuten, dass sie uns gerne vor unserem Termin bei der Sparkasse erreicht hätte, dann hätten wir uns den nämlich ersparen können. Ich sagte nichts mehr dazu.
Eine halbe Stunde später rief sie erneut bei uns an und erwischte meinen Pa und erzählte ihm dasselbe, woraufhin er meinte, wir würden das Ganze am Abend, wenn sie zuhause wäre, diskutieren.

Es wurde Abend, Ma kam heim, die Kinder gingen ins Bett, wir redeten über den Tag. Ich fasste die Ereignisse beim Berater zusammen, neutral und ohne Wertung. Meine Ma tickte aus, als hätten wir bereits irgendwas unterschrieben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich zuhause mit meiner Bank reden würde, mir deren Angebote erklären lassen würde. Zudem würde ich meinen unabhängigen Versicherungsmakler anrufen, wenn diese Enkelvorsorgeversicherung eine echte Versicherung wäre, dann hätte der bestimmt etwas ähnliches zu vielleicht besseren Konditionen im Angebot. Generell würden wir nichts überstürzen, ein oder zwei Monate mehr bzw. weniger würden das Kraut echt nicht fett machen. Meine Ma reagierte darauf gar nicht, sie war fest davon überzeugt, wir würden am nächsten Tag die Enkelvorsorge bei der Sparkasse unterschreiben. Sie lamentierte lang und breit, wie niemand auf sie hören würde und sie wüsste ja eh alles immer am Besten und wir würden nur auf die billigen Tricks der Berater hereinfallen.

An diesem Punkt wollte ich sie am liebsten anschreien: „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, ich bin mittlerweile erwachsen und durchaus in der Lage, vernünftige Entscheidungen alleine zu treffen!“

Hätte ich auch nur den geringsten Funken Hoffnung gehabt, dass es irgendwas bewirkt, ja irgendwas geändert hätte, wäre ich auf Konfrontation gegangen. So habe ich es sein gelassen, habe mich meinem Schicksal gefügt.

Ich war dieses Wochenende wieder das kleine Kind, dass keinerlei Macht über seine Eltern, um ehrlich zu sein, nur seine Mutter, hat. Dass sich gegen die Ungerechtigkeiten, die beiläufigen Verletzungen nicht wehrt, in dem verzweifelten Versuch geliebt zu werden. Wir haben an diesem Wochenende viel zusammen unternommen, beide Enkel stehen vor wichtigen Meilensteinen, die Anerkennung verdienen. Der Große versucht alles zu lesen, was ihm unter die Augen kommt. „Feuerwehrzufahrt“, „Speisekarte“, „Lisa (5) Berlin“ – fantastische Leistung für einen Vorschüler, fast nicht beachtet von der Oma.
Meine Süße lernt Wörter, vergisst dabei gerne das O. „ma“, „alle“, „ben“, „pa“, „Ja“. Sie kann sich verständlich machen, wenn man sich bemüht, ihre Wörter zu verstehen. Aber wenn „Oma“ nicht korrekt ausgesprochen wird, hat man schlechte Karten. Oma versteht nicht, dass man die halbe Nacht wach ist und jammert, weil gerade so ein furchtbar riesiger Backenzahn gerade den Durchbruch wagt. Sie versteht auch nicht, dass in einem solchen Moment die Mamabrust das einzig wahre Tröstliche ist. Stattdessen wird gefragt: „Muss das sein?“, „Kommt da überhaupt noch was?“

Ich könnte jetzt sagen, das wär mir alles egal, da steh ich drüber. Tu ich aber leider nicht. Ich mach mir nen Kopp.

Es gab einen Moment an diesem Wochenende. Wir saßen auf dem Balkon, die Kinder haben Mittagsschlaf gemacht. Es gab nichts zu bereden. Ich sah auf die Füße meiner Mutter und fand sie einfach nur hässlich. Ich blickte  nach oben, betrachtete sie. Ich versuchte, meine Gefühle für sie zu ergründen.  Ich finde dies immer am einfachsten, wenn ich mir vorstelle, ich wäre auf der Beerdigung dieser Person. Also stellte ich mir vor, was wäre, wenn ich meine Ma beerdigen würde. Was würde ich fühlen? Wäre ich traurig? Würde ich sie vermissen? Was würde sie bemerkenswert machen?

Meine Antworten erstaunten mich. Vor diesem Wochenende habe ich mir ganz ähnliche Gedanken gemacht, vor allem im Rahmen meiner Therapiesitzungen. Eigentlich war ich ganz stolz auf meine Ma, ich fand, sie hatte bestimmte Dinge ganz gut gemacht. Sie hat mir viel Vertrauen geschenkt, mich mit 16 bis 21 oder 22 Uhr rausgelassen. Mich nicht kontrolliert, vermutlich weil es damals keine Handies gab. Ich durfte mit 12 meinen eigenen ersten Computer kaufen, von meinem Ersparten, aber immerhin. Ich fand als Teenager so ganz generell meine Ma als ganz cool. Mein Pa war um Längen cooler, aber ist ja auch der Vater.

Ich betrachtete ihre Zehen und fand sie einfach nur abstoßend. Obwohl sie meinen eigenen so ähnlich waren, fand ich sie eklig. Ich sah mich in der Trauerhalle des örtlichen Friedhofs und nicht eine Träne wollte mir beim Anblick ihres Sarges/ihrer Urne über die Wange laufen. Immer wieder dachte ich mir, hey, das ist deine Ma, du musst doch trauern. Aber dieses Gefühl wollte einfach nicht kommen. Ich überlegte, ob ich sie vermissen würde und wenn ja, was? Ihre Umarmungen? Ihre Küsse? Ihr Verständnis? Ihre Ratschläge? Ihre Wärme?

Nichts von alledem! Nichts von alledem hatte ich als Kind erlebt.

Derzeit wäre sie ein Trauerfall wie meine 99-jährige Oma. Schade, dass sie geht. Gut, dass sie nicht leiden musste.

Und wie immer frage ich mich, ob es irgendetwas nützen würde, sie darauf anzusprechen. Und wie immer grätschte die Stimme meines Pa dazwischen. „Sie würde es nicht verstehen. Sie wüsste nicht, worüber du redest.“ – „Aber wie hältst du das aus?“ – „Ich lasse sie einfach machen. Für den Rest habe ich meinen Keller, meine Arbeit oder meinen MP3-Player.“

Vielleicht erlange ich irgendwann diese Bewusstseinsstufe, sie einfach machen zu lassen …