Treffsicher – nächste Runde

Nach dem Unfall vor zwei Wochen passierte erstmal nicht viel. Letzte Woche war ein TÜV-Gutachter der gegnerischen Versicherung da, vermaß und fotografierte erneut alles, machte hin und wieder ein gewichtiges Gesicht und verkündete am Ende, dass es wohl sehr wahrscheinlich auf einen wirtschaftlichen Totalschaden hinauslaufen würde. Ich fand das gar nicht schön, denn erstens ist das Auto erst etwas mehr als 4 Jahre alt und zweitens seit einem Jahr abbezahlt. Mir jetzt schon wieder eine neue Karre suchen zu müssen, gefiel mir gar nicht.

Etwa zeitgleich mit dem Gutachter trudelte eine Vorladung der Polizei ein, da mir eine Verkehrsordnungswidrigkeit, gemäß § 4 Abs. 1, § 1 Abs. 2, § 49 StVO, vorgeworfen wird.

  • § 4 Abs. 1: Der Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug muss in der Regel so groß sein, dass auch dann hinter diesem gehalten werden kann, wenn es plötzlich gebremst wird. Wer vorausfährt, darf nicht ohne zwingenden Grund stark bremsen.
  • § 1Abs. 2: Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.
  • § 49: Ordnungswidrig im Sinne des § 24 des Straßenverkehrsgesetzes handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig gegen eine Vorschrift über
    • 1. das allgemeine Verhalten im Straßenverkehr nach § 1 Abs. 2 und
    • 4. den Abstand nach § 4 verstößt.

Dunkel erinnerte ich mich daran, vor Jahren beim ADAC eine Verkehrsrechtsschutzversicherung abgeschlossen zu haben. Also dort angerufen, zwei Anwaltsadressen geben lassen und die mit dem seltsameren Namen ausgesucht. Dort angerufen und es hieß, ich solle einfach mal während der Geschäftszeiten vorbeikommen und alle Unterlagen mitbringen.

Dies tat ich nun heute. Die Kanzlei wird sich um alles in Verbindung mit der Polizei kümmern. Sollte ich allerdings zivilrechtliche Anliegen zu diesem Fall haben, könnte mir offiziell nicht geholfen werden, weil die Kanzlei das gegnerische Taxiunternehmen vertritt.

Warjakla. Von den gefühlt hundertausend Kanzleien in der Stadt such ich mir ausgerechnet die vom Gegner aus. Kannste dir nicht ausdenken.

Nichtsdestotrotz gab die gute Frau am Empfang mir ein paar sehr wertvolle Hinweise. Da jetzt offiziell eine polizeiliche Ermittlung gegen mich läuft, kann sich die Regulierung des Schadens hinziehen, vermutlich bis nach Abschluss des ganzen Verfahrens. Sollte ich aber eine Vollkaskoversicherung haben (yay, hab ich), kann diese erstmal für den Schaden aufkommen. Sollte sich während des Verfahrens meine Unschuld herausstellen, dann kann ich alle zusätzlichen Kosten wie bspw. für einen Ersatzwagen oder die Hochstufung der Schadensfreiheitsklasse von der gegnerischen Versicherung zurückfordern. So müsste ich immerhin nicht die ganze Zeit mit einem kaputten Auto rumfahren.

Halleluja, was für Neuigkeiten.

Zuhause wieder angekommen, griff ich sofort zum Telefon und rief meine Versicherung an. Der nette Hotliner nahm alle meine Daten auf und teilte mir dann mit, dass ich morgen Vormittag einen Anruf erhalten würde von einer Vertragswerkstatt (mein Vertrag hat Werkstattbindung), die mit mir einen Übergabetermin vereinbaren würde. Dabei würde mein Auto vom jetzigen Stellplatz abgeholt und mir gleichzeitig ein Ersatzwagen hingestellt werden. Mein Auto würde mit Originalersatzteilen und 30 Jahren Garantie auf die Reparatur wieder hergestellt. Dies alles komplett kostenfrei für mich, bis auf die Selbstbeteiligung in Höhe von 300€.

Ich führte ein kleines Tänzchen auf, immerhin war mein Auto gerettet. Und sollte ich doch nicht unschuldig sein und ich in der Schadensfreiheitsklasse trotzdem steigen, dann drohe ich mit Versicherungswechsel, da wird es bestimmt wieder einen Nachlass geben – oder eine günstigere Versicherung. Auf jeden Fall alles günstiger als ein komplett neues Auto anzuschaffen.

t.b.c.

Treffsicher

Gibt so Tage, nech?!

Nichts Böses ahnend und eigentlich nur nach Hause wollend, nach meiner heutigen anstrengenden Therapiesitzung, fuhr ich bei schönstem Sonnenschein um die Mittagszeit heim. Auf einer zweispurigen Straße mit erhöhtem Gleisbett an einem und einer dichten Baumreihe am anderen Fahrbahnrand zockelte ich mit den anderen Fahrzeugen gen Stadtmitte. An einer Bedarfsampel musste ich halten. Plötzlich, von irgendwoher ein Martinshorn. Hinter mir ein Großraumtaxi, welches mir fast die komplette Rücksicht versperrte. Ich rotierte in meinem Auto, um herauszufinden, woher der Krankenwagen kam.

Weit hinter mir sah ich es blinken. Nah hinter mir hupte es. Der Taxifahrer meinte, mich durch anhaltendes Hupen von der Straße wehen zu können. Ich jedoch musste mich erst orientieren. Links war keine Ausweichmöglichkeit, rechts fuhren die anderen und einfach nach vorne brettern war auch keine Option. So fädelten sich langsam alle auf der rechten Spur ein, weiterhin begleitet vom Taxifahrerhupen.

Der Krankenwagen fuhr an uns vorbei und auf die nächste Kreuzung zu. Die Autos sortierten sich wieder, diesmal auf die mittlerweile 4 verfügbaren Spuren; ich in die ganz linke, weil ich an der übernächsten Kreuzung links abbiegen wollte und sich zeitiges Einordnen an dieser Kreuzung, eine der größten der gesamten Stadt, bewährt hat.

Auf den drei Spuren neben mir reihten sich diverse andere Fahrzeuge ein, darunter auch ein Transporter oder LKW, welcher mir teilweise die Sicht auf den rechten Teil der Kreuzung versperrte. Es wurde grün, ich fuhr an, ein wegen des Krankenwageneinsatzes auf der Kreuzung verbliebenes, abbiegendes Fahrzeug ebenfalls. Da ich dem anderen Auto die Gelegenheit geben muss, die Kreuzung zu räumen und um einen Unfall zu verhindern, bremste ich ab.

Und bekam einen heftigen Schlag in den Rücken und Nacken.

Der im Rumtönen versierte Taxifahrer hinter mir hatte nicht aufgepasst und war mir volle Kanne hinten drauf gefahren.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der „unfallverursachende“ PKW abbog und einfach weiterfuhr. Ich wollte ihm noch hinterherrufen, aber erstens war ich viel zu geschockt und zweitens waren meine Fenster geschlossen, der hätte mich eh nicht gehört.

Da stand nun ich mitten auf der Kreuzung. Ich schaute mich um, wohin ich denn ausweichen könnte, denn da stehen bleiben fand ich aufgrund des doch eher überschaubaren Unfall- und Schadensbild für übertrieben. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine größere Betonfläche zwischen den beiden Richtungsspuren, dorthin setzte ich mich ab und wartete auf den Unfallgegner.

Der kam auch, nachdem er sich seinen Schaden angeschaut hatte, und toffelte mich in gebrochenem Deutsch voll. Joar, das hatte mir jetzt noch gefehlt. Da er außer Toffeln nichts Konstruktives zur Lage beitragen konnte und ich ob der Sprach- und Respektsunterschiede keinen Bock auf eine eingehendere persönliche Auseinandersetzung mit dem Typen hatte, rief ich die Polizei. Sollten die doch die Sache klären, ich war mir keiner Schuld bewusst.

Die Polizei kam nach einer halben Stunde, erkundigte sich über den groben Ablauf und nahm unsere Personalien auf. Ich durfte dem PHK als erstes den genauen Unfallhergang schildern und er bestätigte mir erstmal die grundsätzliche Richtigkeit meines Handelns. Dem anderen Auto ermöglichen, nach dem Krankenwageneinsatz die Kreuzung zu beräumen, steht in der StVO. Gegenseitige Rücksichtsnahme und vorraussschauendes Fahren ebenso. Immer so viel Abstand zu halten, um im Ernstfall ohne Unfall bremsen zu können auch.

Was auch drin steht, ist unerlaubtes Entfernen vom Unfallort, dem sich der Abbieger schuldig gemacht hat. Mein „Verlassen“ des Unfallortes war angesichts der Situation angemessen. Auch, dass ich die Polizei ob des gegnerischen Sozialverhaltens gerufen habe. Der Beamte konnte verstehen, dass ich das nicht alleine regeln wollte.

Der sehr nette Hauptkommissar widmete sich dann dem Unfallgegner. Sein Polizeikollege vermaß und fotografierte akribisch die Unfallstelle und die Schäden an den Autos. Er fertigte eine ausführliche Skizze des Unfallortes an, benutzte viel Kreide und Klebepfeile. Ich glaube, da hat jemand seine Bestimmung gefunden, denn die ganze Zeit lächelte er zufrieden und malte und markierte und knippste.

Mittlerweile stand ich bereits eine Stunde in der Kälte und spürte langsam meine Füße nicht mehr. Dann durfte ich in den Polizeiwagen einsteigen und der Polizist erklärte mir, dass der Taxifahrer angegeben hat, dass da kein Abbieger auf der Kreuzung war. Nicht nur ungeduldig, auch noch blind.

Ich war ehrlich empört. Der Beamte belehrte mich über dies und jenes, erklärte mir das weitere Vorgehen und erläuterte sehr ausführlich, dass sie als Polizei dem Neutralitätsgebot verpflichtet sind und in der Situation Aussage gegen Aussage steht und sie nach aktuellem Stand weder mir noch dem Unfallgegner eindeutig die Schuld zuweisen könnten.
Hmpf!

Der ganze Vorgang würde jetzt an die Sachbearbeitung weiter gegeben und die entscheide dann über das weitere Verfahren. Dabei gibt es 3 Möglichkeiten:

  1. Gegen mich wird ein Bußgeldverfahren eingeleitet wegen „blöder Fahrweise“ oder wasauchimmer das im Beamtendeutsch heißt.
  2. Gegen den Taxifahrer wird ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet, weil er den Sicherheitsabstand nicht eingehalten.
  3. Sollte ich mich verletzt haben und einen Arzt aufsuchen müssen, dann wird gegen den Taxifahrer noch ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet, unabhängig von der Schuldfrage.

So langsam wich der erste Schock und das Adrenalin aus meinem Körper und ich merkte den bereits initial gespürten Nackenschmerz wieder. Rache ist ja nun eher nicht meins, aber der Typ hatte mich so penetrant angetoffelt, dass ich diese Möglichkeit ernsthaft in Erwägung zog.
Aber zuerst wollte ich nur nach Hause.

Dort versuchte ich, meinen Mann zu erreichen. Immer wieder schön, wenn beim Anrufversuch das Handy auf der anderen Tischseite vibriert. Ok, ich versuchte, seinen Kollegen zu erreichen; der war aber krank. Ich telefonierte dann mit irgendjemand anderem aus seiner Firma, der meinem Mann Bescheid sagen sollte. Tat er auch, kurz darauf meldete er sich bei mir.

Ich bat ihn, etwas früher heimzukommen, da heute die Kleene vom Großelternbesuch vom Opa wieder bei uns abgeliefert wird. Und da die Nacken- und Kopfschmerzen mittlerweile eine sehr anspruchsvolle Qualität angenommen hatten, wollte ich zum Arzt, das abchecken lassen und wollte aber die Kleene, die eh schon völlig überdreht sein würde wegen Heimkehr und Abschied und Gefühlen, nicht mit zum Arzt nehmen. Da Arztbesuche immer ein zeitlich unbestimmtes Risiko bergen, rechnete ich mit verlängerter Wartezeit und deswegen sollte mein Mann eher heim, damit der Opa rechtzeitig genug losfahren kann, um die Oma von ihrer Arbeit abzuholen. Einfach können wir nicht.

Beim Arzt ging es dann unerwartet schnell, nach einer halben Stunde war ich mit der Diagnose „Distortion der Halswirbelsäule“ und einer Portion Schmerzmittel mit Kortison intramuskulär in der linken Pobacke wieder draußen. So konnte ich mit meinem Pa noch ein paar organisatorische Dinge klären, Weihnachtsgeschenke besprechen und generell Neuigkeiten austauschen.

Jeder, dem ich bis dahin von dem Unfall erzählt hatte, sagte mir, dass bei so einem Unfall eigentlich immer der Hintermann Schuld ist. Ich erwiderte, was mir der Polizist sagte und sah mich schon auf nem Batzen Kosten sitzenbleiben.
Die Spritze wirkte spektakulär, so dass ich sogar noch bei meiner Versicherung anrufen konnte, um den Schaden zu melden, wie es mir der Polizist empfohlen hatte.

Meine Versicherung allerdings weigerte sich, den Schaden aufzunehmen, da ich nach deren Auffassung keinerlei Schuld an dem Unfall trage. Ich sollte mich an die Versicherung des Unfallgegners wenden. Der freundliche Hotliner erklärte mir auch, dass die Polizei gar kein Schuldurteil fällen darf, sofern es nicht eineindeutige Beweise gäbe. Das Vorgehen wäre völlig normal, würde aber die Versicherungen nicht berühren. Würde ich allerdings jetzt meiner Versicherung den Schaden trotzdem melden, dann würde da automatisch die Haftpflichtregulierung einspringen und ich in der Schadensfreiheitsklasse zurückgestuft. Und das wollen wir doch alle nicht 🙂

Ich versuchte dann, die gegnerische Versicherung anzurufen, aber da war heute niemand mehr zu erreichen. Nächster Versuch dann morgen.

t.b.c.

Justizskandal

Vor gut einem Jahr besuchten wir Freunde im Hessischen. Auf der Rückfahrt meinte ein Autofahrer, dass die Autobahn ihm gehöre. Schon von Weitem konnte ich ihn im Rückspiegel beobachten, wie er auf der linken Spur fuhr, Blinker links und ständig Lichthupe gebend. Da er aber entgegen seiner Meinung nicht alleine unterwegs war und ich selber mit dem Überholen von langsameren Fahrzeugen beschäftigt, blockierte ich die linke Spur. Immer noch Lichthupe gebend fuhr er extrem dicht auf und blieb auch während meines gesamten Überholvorgangs an meinem Hintern kleben.

Nun habe ich schon so um die 250.000 selbstgefahrene Autobahnkilometer hinter mir und habe solche Situationen bereits zur Genüge erlebt, als dass sie mich wirklich noch aufregen könnten. Durch das Feedback diverser Mitfahrer, die ich auf meinen unzähligen Pendlerfahrten an Bord hatte, weiß ich, dass ich ein guter, besonnener und rücksichtsvoller Autofahrer bin. Ich fahre so oft es geht rechts, achte auf den rückwärtigen Verkehr und habe gelernt, dass es wichtiger ist, gesund am Ziel anzukommen als am schnellsten.

Ich ärgerte mich also nur kurz über den Autofahrer, beendete den Überholvorgang und scherte rechts wieder ein. Aus Neugier schaute ich mir den Drängler an, als er an mir vorbei fuhr, sah aber nur seine Beifahrerin, welche mir per Handzeichen unmissverständlich klar machte, was sie von meiner Fahrweise hielt. Jetzt ärgerte ich mich so richtig und beschloss, es diesmal nicht auf sich beruhen zu lassen. Ich prägte mir das Kennzeichen ein und stellte zuhause online Anzeige gegen das Paar.

Kurz darauf bekam ich von der zuständigen Polizeibehörde einen Brief mit Formularen zum Ausfüllen und der Bitte, den Tathergang nochmals ausführlich mit meinen Worten zu schildern, was ich bereitwillig tat. Allerdings hatte ich mit den Formularen so meine Probleme. Nun bilde ich mir ein, dass ich ein halbwegs intelligenter Mensch bin, der ausreichend gut der deutschen Sprache mächtig ist und im Allgemeinen versteht, was Behörden von mir wollen. Aber jener Vordruck war so voll von Hinweisen, dass dieses Feld bitte nur vom verantwortlichen Polizisten, jenes Feld vom Antragsteller und diverse Felder gar nicht ausgefüllt werden dürfen, dass ich relativ ratlos davor saß. Auch mein Mann konnte mir nicht weiter helfen. Ich füllte also das Formular nach besten Wissen und Gewissen aus und vertraute darauf, dass sich die Polizei schon melden würde, wenn etwas fehlt.

Einige Zeit später, die ganze Geschichte hatte sich gerade aus meinem Gedächtnis geschlichen, bekam ich die Vorladung zur Wahllichtbildvorlage, bei der ich nur die Beifahrerin, nicht aber den Fahrer, sicher identifizieren konnte. Dann passierte wieder einige Monate nichts, dann kam wieder ein Brief der Polizei, sie bräuchten noch dieses oder jenes, was ich wiederum bereitwillig lieferte.

Im Frühjahr dieses Jahres, wiederum hatte ich die Angelegenheit gerade vergessen, kam ein Brief, dass ich auf dem ursprünglichen Strafantrag die Unterschrift vergessen hätte und ob ich diese denn zeitnah nachliefern könnte. Ich kam der Aufforderung nach und hoffte aufs Beste.

Doch vor Kurzem bekam ich Post von der Staatsanwaltschaft, dass das Verfahren eingestellt werden müsse, weil auf dem ursprünglichen Strafantrag meine Unterschrift fehle und ich die innerhalb von 3 Monaten nach Antragstellung hätte liefern müssen. Na toll.

Da hat es also der Beamte nicht geschafft, meinen Antrag auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu prüfen. Stattdessen setzte er den kompletten polizeilichen Ermittlungsapparat in Bewegung, stahl anderen Dienststellen und mir die Zeit und verschwendete Steuergelder in unbekannter Höhe. Von der nicht geahndeten Beleidigung meiner Person mal ganz angesehen.

Irgendwie glaube ich nicht, dass dies ein Einzelfall ist 😦

Wahllichtbildvorlage

Heute morgen war also mein Termin bei der Polizei. Und natürlich hab ich mir letzte Nacht einen Riesenkopp darum gemacht, wie das heute ablaufen wird und ob ich überhaupt eine brauchbare Aussage machen kann, immerhin ist der Vorfall ja schon ein knappes halbes Jahr her und so wahnsinnig lange konnte ich mir die Bösewichter nicht angucken. Ich wälzte mich also unruhig im Bett hin und her und bin dann ohne auch nur etwas geschlafen zu haben, wieder aufgestanden.

Ich bin trotzdem einigermaßen fit bei der Polizei angekommen und nach einer kurzen Erklärung ging es auch schon los. Mir wurde ein Blatt vorgelegt, auf dem 8 Bilder von Frauen abgebildet waren. Nur zwei davon sahen aus, als wenn sie nicht von Drogensüchtigen vom Straßenstrich stammen würden, sehr verlebt, sehr fettige Haare, sehr ungepflegtes Erscheinungsbild. Sorry, falls ich damit Jemandes Gefühle verletze, aber ich kann es nicht besser beschreiben. Mehrere hatten noch die falsche Haarfarbe.

Ich konnte mich relativ schnell auf eine der beiden verbleibenden Personen festlegen, sagte aber auch gleich dazu, dass ich sie nur am Pflegezustand, der Haarfarbe und der Frisur erkennen würde, nicht aber an bestimmten Gesichtszügen. Für solche Details waren die Umstände zu ungünstig.

Der Beamte legte mir daraufhin ein Blatt hin, auf dem 8 Bilder von Männern abgebildet waren. Aber hier musste ich komplett passen. Alle sahen sehr südländisch aus, alle hatten schwarze Haare und eher rundliche Gesichter und nur einer hatte keinen Schnauzbart. Ich hab dem Polizisten dann auch gesagt, dass es bei den Männern nichts bringt.
Ich hätte raten müssen und Lotto spielen bei dem Thema ist doof. Ich will ja auch niemand falsches beschuldigen.

Nach dem Bilder gucken kam der Papierkram. Der Beamte schrieb im Zwei-Finger-Suchsystem und malträtierte die Tastatur so sehr, dass ich jeden Moment dachte, die zerbricht gleich. Ich dachte bisher immer, mein Mann hätte einen harten Anschlag beim Schreiben, aber ich wurde heute eines besseren belehrt. Vermutlich liegt es noch an der alten Schule auf mechanischen Schreibmaschinen, wo man wirklich mit aller Kraft auf die Tasten hämmern musste, um die gewünschten Buchstaben zu entlocken. Vom Alter her hätte es bei dem Beamten jedenfalls passen können.

Ich wartete geduldig, dass der Beamte den Schreibkram fertig hat und schaute mich derweil im Zimmer um. Das Zimmer selbst war nikotingelb gestrichen, überheizt und sehr stickig. Das würde auch erklären, warum den Beamten eine sehr herbe Duftmarke umgab. Sein ihm gegenübersitzender Kollege bearbeitete in aller Seelenruhe diverse ausgedruckte Emails von Onlineanzeigen, jede ordentlich abgestempelt und zusammengetackert. Er löste die Heftklammern professionell und schnippte sie dann seitlich hinter sich vom Schreibtisch. Dort stand aber leider kein Papierkorb, sondern die Klammern landeten einfach auf dem Boden. Ein kurzer Blick auf die beachtliche Sammlung verbogener Heftklammern signalisierte mir, dass der gute Mann das schon immer so machte ™.

„Mein“ Beamter druckte sich mittlerweile einen Wolf und gab mir einen dicken Stapel, den ich unterschreiben sollte. Dabei fiel mir auf, dass er vergessen hatte zu notieren, wen ich denn nun eigentlich als Täterin erkannt haben will. Er nahm also die Blätter wieder an sich, korrigierte im System den Fehler und druckte alles erneut aus. Diesmal unterschrieb ich auch brav und dachte, ich könnte dann gehen. Aber nein, es fehlte noch das Formular A43. Ich konnte mich also weiter im Zimmer umschauen.

So bewunderte ich die antike, handgeschmiedete Wetterstation des Klammer-Übeltäters. Sah die beiden nicht minder antiken Radios. Die an der Pinnwand festgenadelten Schreiben zur Amtshilfe, die alle mehrere Jahre alt waren. Eine Deutschlandkarte, die so alt aussah, als würde sie bei der leisesten Berührung zu Staub zerfallen, aber immerhin schon die wiedervereinigte Republik zeigte. Zwei Werbewandkalender. Und eine Grünpflanze, welche sich sichtlich wohl in diesem subtropischen Klima fühlte. Die Rollläden waren heruntergelassen und von draußen dröhnte das dumpfe Hämmern der Großbaustelle nebenan herein. Wenn das den ganzen Tag so ging, hatten die beiden abends bestimmt immer gut Kopfschmerzen. Und ich konnte verstehen, warum sie die Fenster nur ungern öffneten.

Der Beamte hatte dann auch das letzte Formular fertig, erklärte mir kurz den Inhalt und ich unterschrieb brav. Jetzt war der Termin aber wirklich vorbei und ich wurde noch zur Tür gebracht, damit ich auch ja nicht irgendwo falsch abbiege und hochgeheime Ermittlungsarbeit ausspionieren könnte 😉

Schade eigentlich, ich finde Polizeiarbeit nämlich unglaublich spannend. Sind ja letztendlich auch nur Menschen 🙂

Polizeiliche Vorladung

Als unbescholtener Bürger habe ich im Allgemeinen recht wenig mit der Polizei zu tun. Ich hatte immer mal wieder im erweiterten Freundeskreis Polizisten, seltsamerweise immer bei der Mordkommission, die dann so merkwürdige Jubiläen feiern wie die tausendste Leiche. Ab und zu wurden meine kreativen Parkversuche und mein eher sportlicher Fahrstil mit schriftlichen Auszeichnungen quittiert, bei denen ich leider immer für die Ausstellung der Glückwunschurkunde eine kleine Bearbeitungsgebühr entrichten musste. Dreimal war ich an Autounfällen beteiligt, einmal als Verursacher, zweimal als Geschädigte. Alle Male zum Glück nur Blechschäden. Und auch sonst hielt sich der Kontakt zu den Gesetzeshütern eher in Grenzen.

Ich habe bislang genau viermal eine Anzeige erstattet, und immer hatte es was mit meinem Auto zu tun.

Das erste Mal geschah noch zu Zeiten, als ich als Wochenendpendler unterwegs war. Weil 2x pro Woche 500km auf der Autobahn unterwegs zu sein auf die Dauer recht langweilig und auch kostenintensiv ist, lud ich gerne und zahlreich Mitfahrer ins Auto, die mir Gesellschaft leisteten. Ist ja auch ein Schnäppchen für 20 oder 25 Euro, in einer überschaubaren Zeit einmal quer durch die Republik zu kommen. Hin und wieder wurde versucht, diesen Preis noch zu verhandeln, doch meist nicht mal ernsthaft. Nur einmal meinte einer, 10 Euro für 500 km wären doch mehr als ausreichend. Als ich mich nicht darauf einließ, fing er an mich zu beschimpfen und zu bedrohen. Nur durch den Einsatz meines Mannes, den ich telefonisch alarmierte, konnte eine weitere Eskalation verhindert werden. Am nächsten Morgen entdeckte ich einen riesigen Kratzer auf der Beifahrerseite über die komplette Länge meines Autos. Ich erstattete daraufhin Anzeige, deren Verfolgung letztendlich eingestellt wurde, da Aussage gegen Aussage stand und ich außer einem starken Verdacht keine Beweise hatte. Ein ein paar Wochen später mitfahrender TÜV-Sachverständiger schätzte den entstandenen Schaden auf ca. 3500 Euro.
Den Kratzer hat mein Auto immer noch.

Ungefähr anderthalb Jahre später kam dann die nächste Anzeige. Mittlerweile war ich Tagespendler und fuhr um die 250 km täglich. Und eines Morgens meinte ein Autofahrer, dass die Autobahn ihm gehöre und versuchte mich erst, von der Autobahn abzudrängen und später auszubremsen. Mich hätte es an diesem Tag auch richtig zerlegen können, ich hätte nur einmal das Lenkrad in Panik umreißen oder nicht rechtzeitig genug bremsen müssen. Daraufhin war ich ziemlich fertig und hatte ganz schön zu knabbern, überhaupt wieder in ein Auto zu steigen. Was aus der Anzeige geworden ist, weiß ich leider nicht, da die Polizei darüber keine Auskunft erteilt.

Dann war einige Jahre Ruhe, bis mich im Stadtverkehr ein Transporter an der Seite streifte, weil er die Spur nicht halten konnte. An sich wäre das als normaler Unfall auch ohne Polizei durchgegangen, wenn der Transporterfahrer nicht entschieden hätte, den Unfall zu ignorieren und einfach weiter zu fahren. Selbst als ich ihn an der nächsten Ampel stellte und auf den Unfall hinwies, hielt er es nicht für nötig, anzuhalten und wenigstens die Kontaktdaten auszutauschen. Stattdessen beschimpften er und sein Azubi mich, von wegen Frauen am Steuer und die ganzen anderen Klischees. Dann also die Anzeige wegen Fahrerflucht. Auf der Polizei teilte man mir mit, dass der Fahrer kein Unbekannter wäre und wohl schon öfter aufgefallen ist.
Auch hier weiß ich leider nicht, wie die Geschichte ausgegangen ist.

Mein letzter Fall ist vom Juni diesen Jahres. Wieder einmal Autobahn. Wieder einmal ein Drängler. Der von hinten kam und bereits 300 m entfernt ausdauernd Lichthupe gab. Da die rechte Spur besetzt war und ich mich nicht in Luft auflösen kann, fuhr dieser Wagen bis auf wenige Meter – gefühlt Millimeter – auf und drängelte so lange, bis endlich rechts frei war. Nach dem Überholen zeigte mir seine Beifahrerin einen Vogel.
Ich hab in meiner Zeit als Autofahrer und mit über 300.000 selbst gefahrenen Kilometern echt schon einiges erlebt und bin relativ abgebrüht, was Raser und Drängler angeht, aber das war dann auch für mich ein neuer Höhepunkt. Ich stellte daraufhin Anzeige und diese wird immer wieder mal, wenn ich die Angelegenheit gerade eben vergessen habe, sporadisch bearbeitet.
Und so flatterte heute per Post die polizeiliche Vorladung ins Haus zur Durchführung einer „Wahllichtbildvorlage“. Wie arm wäre doch die deutsche Sprache ohne das Beamtendeutsch 🙂 Ich soll also aus mir vorgelegten Bildern die beiden Übeltäter herausfischen. Die ich nur für wenige Sekunden in zweifelhaften Lichtverhältnissen gesehen habe. Vor mehreren Monaten.

Das wird sicher ein Spaß 😀

EDIT: Termin ist nächsten Montag 8 Uhr morgens – uahhhh!