Xayriel orakelt: Eurovision Song Contest 2017

Die beiden Halbfinale sind durch, die ersten Lieder aus dem Wettbewerb verbannt und morgen steigt mal wieder einer der Höhepunkte des Jahres. Höchste Zeit für mich, meine persönliche Einschätzung zu ausgewählten Beiträgen abzugeben.

Wie immer beginne ich mit Deutschland. Die letzten Jahre hatten wir ansprechende Beiträge mit guten Künstlern und trotzdem landeten wir nur auf den ganz hinteren Rängen. Vermutlich wird es Levina ähnlich gehen. Das Lied ist zu sanft, zu farblos, um wirklich eine größere Menge an Zuschauern vom Hocker zu reißen. Daran wird auch die supersympathische Persönlichkeit der Sängerin und ihre tolle Stimme nichts ändern. (Ich hoffe, ich irre mich gewaltig 😉 )

Mein persönlicher Favorit ist Ungarn. Ein in jeder Sicht ungewöhnlicher Beitrag auf ungarisch und romani. Ein Sänger mit Format, der die verschiedensten Stile bunt durcheinander und dennoch stimmig mixt.

Wenn es Ungarn nicht macht, gewinnt Weißrussland. Das Lied hat einen schönen Beat, kommt kraftvoll daher und ich mag es mir gerne öfter anhören.

Aus der Spaßecke stammt der rumänische Beitrag: Yodel it! Titel ist Programm, es wird gejodelt, was das Dirndl hergibt. Dazu ein eingängiger Beat, muss vorne landen, denn wegen solcher Beiträge wurde der ESC überhaupt erfunden!

Die osteuropäische Ecke kommt gewohnt stark daher und so zählt auch Armenien zu meinen Favoriten. Spannende Choreografie mit landestypischen Einflüssen, an denen man merkt, dass der Orient gleich um die Ecke liegt.

Wird gerne auf der Landkarte übersehen, aber Moldau könnte dieses Jahr richtig groß rauskommen. Das Lied macht richtig gute Laune, das Saxophon geht sofort ins Ohr und krallt sich da fest.

Und der Westen? Strengt sich redlich an, aber liefert nicht wirklich was Überzeugendes ab. Portugal startet mit einem perfekten Schlaflied, was immerhin aus der Masse heraussticht. Eventuell kann Österreich dieses Jahr ein wenig punkten.

Positiv bleibt festzuhalten, dass fast sämtliche Balladen die Halbfinale nicht überlebt haben.
Ein Trend, der mir negativ aufgefallen ist, dass ungefähr die Hälfte der weiblichen Interpreten ein Lady-Di-Gedächtniskleid anhatten, welches durch geschickte Beleuchtung viel Bein ohne viel Haut zeigte. Mir ist das zu billig und zu offensichtlich die sex-sells-Schiene geritten.
Die Herren hingegen glänzten durch häufige Abwesenheit ihrer Socken, die durch Hochwasserhosen noch hervorgehoben wurde. Nennt sich wohl Mode, oder so.

In etwas mehr als 24 Stunden sind wir alle schlauer 🙂

Xayriel orakelt: Fußball-Europameisterschaft 2016

Wales: Fangen wir den Reigen mit dem zweitteuersten Spieler an: Gareth Bale. Der gehört zur walisischen Nationalmannschaft und hat kürzlich die Champions League gewonnen. Zusammen mit dem teuersten europäischen Spieler, aber der kickt für Portugal. Sonst hat das walisische Team nicht viel zu bieten, außer dass es den nicht mehr so geheimen Favorit Belgien in der Qualifikation mit 1:0 vom Platz geschickt hat, nachdem es im Hinspiel schon ein Unentschieden erspielt hatte. Könnte mit viel Glück fürs Viertelfinale reichen.

Schweden: Noch so eine Mannschaft, bei der DER Star es sich eigentlich schon lange auf dem Altenteil hätte gemütlich machen sollen. So aber kickt Ibrahimović weiter und wird dies auch noch tun, wenn sich seine einstmals prächtige Mähne bereits endgültig auf die Auswechselbank verzogen hat. Zu seiner Verteidigung sei allerdings gesagt, dass ein Stürmer der alten Klasse ja quasi nur vor dem Tor rumsteht und wartet, bis ihm der entscheidende Pass vor die Füße fällt und Rumstehen geht meist auch im hohen Alter noch recht gut. Mit Forsberg hat er einen exzellenten Passgeber und wenn die beiden ein gutes Gespür füreinander entwickeln, können so schöne und zahlreiche Tore entstehen. Ansonsten ist die Qualität des Kaders eher überschaubar, eher so im Sinne von Hauptsache dabei.

England: Wie immer hoch gehandelt, vermutlich ebenso wie immer in der Vorrunde oder direkt danach raus. Nach dem überaus strittigen WM-Sieg 1966 reden viele vom Fluch von Wembley und wenn die Engländer endlich zugeben würden, dass das Tor irregulär war, dann würden sie auch wieder bei Turnieren erfolgreich sein. Da dies immer noch nicht geschehen ist, wird die englische Mannschaft wie gewohnt spätestens im Achtelfinale ausscheiden. Völlig unabhängig davon, ob Cahill, Rooney, Sturridge, Hart oder Kane im Kader stehen. Sicherlich werden die Tweets von Gary Lineker über das frühe Ausscheiden hinweghelfen.

Polen: Lewandowski. Und dann eine ganze Weile nichts. Und dann Piszczek und Błaszczykowski, deren Namen den an sich schon viel Leid gewohnten Dortmunder Trikotbeflocker regelmäßig in den Wahnsinn trieben. (Błaszczykowski ist zum AC Florenz gewechselt, aber ich bin sicher, dass Dortmund adäquaten Namensersatz finden wird.) Der Rest der Mannschaft wird zur einen Hälfte aus europäischen Legionären und zur anderen aus daheimgebliebenen Spielern gebildet. Bis auf drei Abwehrspieler verdienen alle Spieler ihre Brötchen in unterschiedlichen Mannschaften, was für das Mannschaftsgefüge sicherlich eine Herausforderung wird. Könnte aber tatsächlich zum allerersten EM-Spiel-Sieg überhaupt reichen. Aber bitte nicht gegen Die Mannschaft!

Rumänien: Fußballerisch lange Jahre von der Landkarte verschwunden, untergegangen im Mittelmaß, versenkt von Korruption und Machtmissbrauch. Jetzt Auferstanden aus Ruinen und das mit einer bärenstarken Abwehr, die dem Land endlich wieder eine EM-Endrundenteilnahme sicherte. Mir sagen die Spielernamen durchweg nichts, was daran liegen mag, dass von den 25 Spielern zwar 16 im Ausland spielen, darunter in Spanien, Italien oder England, aber dort meist nur in den weniger bekannten Vereinen der Oberklasse. Könnte einer der vielen, vielen Geheimfavoriten sein.

Tschechien: EM-Finale 1996. Deutschland-Tschechien. Golden Goal von Oliver Bierhoff. EM-Halbfinale 2004. Griechenland-Tschechien. Silver Goal von Traianos Dellas. Tragik hat einen Namen, auch weil man den Tschechen irgendwie endlich den großen Erfolg wünscht. Allein der Torhüter Petr Čech könnte sämtliche EM-Spiele allein bestreiten und würde die Hälfte davon gewinnen. Mindestens! Der restliche Kader hat klingende, und vor allem bekannte Namen aufzubieten. Dass die Namen hauptsächlich deshalb bekannt sind, weil sie gefühlt seit Erfindung des Fußballs auf den Trikots stehen, dämpft ein wenig die Euphorie. Die ebenfalls klingenden Namen der Vorrundengegner tun ihr übriges. Könnte eng werden.

Portugal: Immer dabei, immer irgendwie auch Favorit, aber wirklich gerissen hat Portugal nie was – trotz (oder wegen?) CR7. Immerhin wurde der bei der letzten EM Torschützenkönig. Dieses Mal Gruppenerste in der Qualifikation. Ein sehr guter Kader mit vielen Juwelen und zwei Champions League Gewinnern. Also alles wie immer?!

Kroatien: Perišić, Rakitić, Mandžukić, Modrić, Kovačić. Was klingt wie Gäste in Pavels und Bronkos Talkrunde in der Bullyparade, sind aktuelle kroatische Nationalspieler und zwei davon haben dieses Jahr die Champions League gewonnen. Ansonsten glänzt die Mannschaft eher durch zwielichtige Machenschaften des Trainers und rassistische Aussetzer des Fanlagers. Wenn sich die Kroaten bei der Endrunde aufs Fußballspielen konzentrieren, könnte einiges drin sein.

Ungarn: „Wer spielt denn heute? – Österreich-Ungarn. – Und gegen wen?“ Mehr als diesen über seinen eigenen Bart stolpernden Witz weiß ich nicht über Ungarns Fußballnationalmannschaft. (Na gut, Wunder von Bern und so, aber das war ja kurz nachm Krieg und weeeeeit vor meiner Geburt.) Vom Kader kenne ich genau 4 Spieler, und das sind die, die in der 1. und 2. Bundesliga spielen. Mag aber auch daran liegen, dass der größte Teil der Spieler in der ungarischen Liga eine Heimat gefunden hat und die in der hiesigen Berichterstattung Null Beachtung findet. Was wiederum die Stärke der Mannschaft schwer einzuschätzen lässt. Ein deutscher Trainer hat ja bereits 2004 mit einer völlig unbekannten Mannschaft ein Wunder vollbracht und Andy Möller ist auch noch Co-Trainer. Viel kann da nicht mehr schief gehen!

Spanien: Die Zeiten des Tiki-Taka sind vorbei, obwohl die spanische Mannschaft immer noch einige Spieler aus den Hochzeiten des iberischen Kurzpassspiels enthält. Ein paar neue sind dabei, aber die drücken den Altersdurchschnitt nur unwesentlich. Ob sich das Übermass an Erfahrung gegen das Ungestüm und die Sorglosigkeit jüngerer Mannschaften auszahlt, wird sich im Turnierverlauf zeigen. Immerhin steht Iniesta nur noch im erweiterten Kader und Torres ist ganz raus, das gibt Hoffnung.

Türkei: Neben Russland und Italien die Mannschaft mit den meisten Heimspielern im Kader, nur 5 hat es ins Ausland verschlagen. Zwar gibt es immer wieder mal kleinere Berichte über die Süper Lig, aber bis auf die Spieler der Bundesliga sagen mir die Namen nichts. Immerhin hat die Türkei die Qualifikationsgruppe der Niederlande, Tschechien und Island überlebt, dennoch lässt sich die aktuelle Stärke schwer abschätzen. Unglückliches Aus in der Vorrunde.

Russland: Nur ein Spieler aus dem aktuellen Kader spielt nicht in der russischen Liga, damit belegt Russland bei den Heimspielern schon mal Platz 1. Beim Altersschnitt ist die Mannschaft ebenfalls weit vorn. Dann stehen noch so ein oder zwei Dopingvorwürfe im Raum. 3 der 5 letzten Spiele wurden verloren, ein Unentschieden. Favoriten sehen irgendwie anders aus. Auch die geheimen.

Island: Haben die überhaupt genug eisfreie Fläche für ein Spielfeld? Werden den Spielern regelmäßig von Trollen und Elfen die Beine gestellt? Und wie haben die eigentlich die Qualifikation geschafft? Ziemlich viele Fragen und nicht ganz unberechtigt, wenn man bedenkt, dass sich Island bislang weder für eine WM- noch für eine EM-Endrunde qualifizieren konnte. Der Kader sagt mir bis auf den Augsburger Finnbogason nix. Aber wer in der Qualifikation zweimal die Niederlande besiegt und Gruppenzweiter wird, hat sich den Stempel Geheimfavorit redlich verdient.

Irland: Wenn man sich anschaut, wo Irlands Nationalspieler kicken, könnte man die Mannschaft auch England II nennen. Nur der Kapitän spielt in den USA, ist wahrscheinlich ein Messfehler. Irland hat sogar ein Maskottchen dabei, Shay Given, der mit seinen 40 Jahren wohl kaum wegen seiner Spritzigkeit nominiert wurde. Auch sonst glänzt der Kader eher mit Erfahrung und einer robusten Spielweise. Könnte schwer werden in der Gruppe.

Belgien: Bei der letzten WM als Geheimfavorit gehandelt, bei dieser EM ebenso. Wobei das Geheim ziemlich offensichtlich ist, denn der Kader rekrutiert sich aus Spielern aus allen großen Mannschaften aus fast allen großen europäischen Ligen. Nur weil Kevin de Bruyne nicht mehr bei Wolfsburg kickt, ist die Bundesliga in der Aufzählung nicht dabei. Wenn sie die Vorrunde überstehen, kann es weit gehen.

Slowakei: Mein erster Gedanke war, dass irgendjemand den Bus vollmachen muss. Mein zweiter war, dass nach der Vorrunde auch 8 Mannschaften wieder nach Hause müssen. Der dritte, das es genau dafür die Slowakei gibt. Auch wenn sie Deutschland vor wenigen Wochen besiegt haben.

Italien: Der Angstgegner. Die Schauspieltruppe. Der Unsympath im blauen Dress. Aber so wirklich will sich die Abscheu dieses Jahr nicht einstellen, dafür sind die Spieler im Kader zu unbekannt, die großen gewohnten Feindbilder fehlen alle. Bis auf Buffon. Einerseits befreit das Italien von der Favoritenrolle, andererseits macht sie das gleichzeitig zum Geheimfavoriten. Verrückte, verkehrte Welt. Und ein Turnier folgt immer eigenen Gesetzen.

Schweiz: Seit sich die Schweiz mit Spielern mit Migrationshintergrund verstärkt hat, klappt’s auch im internationalen Geschäft. Trotzdem blieben die wirklich großen Erfolge bislang aus. Das könnte sich bei dieser EM ändern, der Kader dafür ist allemal stark genug. Es sei denn, es kommt zum Elfmeterschießen.

Österreich: Bei der EM im eigenen Land haben die Österreicher bereits zu überraschen gewusst. Seitdem scheint sich die ausgeprägte Nachwuchsförderung immer mehr bezahlt zu machen und der österreichische Kader weist ein paar klingende Namen auf, die im Verbund durchaus weit kommen können. Zudem führt mit Christian Fuchs ein Spieler die Mannschaft an, der gerade mit dem absoluten Underdog Leicester City englischer Meister geworden ist. Vielleicht schwappt ja diese Erfolgswelle bis rüber in die Alpenrepublik. Kriegt von mir ebenfalls den Stempel Geheimfavorit mitten auf die Stirn gedrückt.

Ukraine: Mein 7-jähriger Sohn hat das Konzept von Nationalmannschaften nur bedingt verstanden und denkt immer wieder mal, dass Bayern München gegen Deutschland spielt. Bei der Ukraine hätte er damit gar nicht so unrecht, nur hieße dort die Begegnung Schachtar Donezk gegen Dynamo Kiew. Wie immer bei solchen heimspielerstarken Mannschaften in eher wenig betrachteten Ligen ist die Einschätzung der tatsächlichen Stärke schwierig. Dazu hat die Mannschaft eine unbequeme Gruppe erwischt. Spätestens im Achtelfinale ist Schluss.

Albanien: Der niedliche Exot. Wie Costa Rica bei der WM 2014. Steht laut UEFA-Koeffizienten nur knapp vor Nordirland, welche bei dieser EM in der Hinsicht die rote Laterne tragen. Dazu eine eher leichte Gruppe und der eine (Mavraj) oder andere (Abrashi) bekannte Name. Kein Geheimfavorit, aber zum Überstehen der Vorrunde könnte es reichen.

Nordirland: Die rote Laterne der Teilnehmer, wenn es nach dem UEFA-Koeffizienten geht. Mit Deutschland, Polen und der Ukraine eher undankbare Vorrundengruppengegner erwischt. Hat sich aber immerhin direkt für die allererste EM-Endrundenteilnahme des Landes qualifiziert und wurde zum größten Teil in den englischen Ligen gestählt. Es wird dennoch nicht fürs Achtelfinale reichen.

Frankreich: Wenn eine Mannschaft die Höhen und Tiefen von EM- und WM-Turnieren kennt, dann die französische. Bei der WM 1998 im eigenen Land den Titel geholt, zwei Jahre später noch locker-flockig den EM-Sieg hinterher geschoben, um dann 2002 bei der WM sang-, klang- und vor allem torlos bereits in der Vorrunde auszuscheiden. Seitdem bestimmten Skandale das Auftreten Frankreichs bei internationalen Turnieren. Sei es Zidanes Kopfstoß 2006 oder der Eklat in Südafrika 2010. Dieses Jahr könnte sich das Blatt jedoch wenden. Wieder haben die Franzosen den Heimvorteil, und vor allem haben sie eine starke Mannschaft und vorsichtshalber die potentiellen Störenfriede daheim (nunja, woanders jedenfalls) gelassen. Griezmann ist ein ganz heißer Anwärter auf den Torschützenkönig des Turniers. Der Kader wartet außerdem noch mit anderen bekannten Namen auf. Und wenn sich Coman zusammenreißt und ein wenig auf seine Mitspieler achtet, könnte erneut der ganz große Wurf gelingen.

Deutschland: Wird gewinnen. Oder hat da irgendjemand Zweifel daran? Ist doch egal, ob der Kader überaltert ist, oder ob Langzeitverletzte wie Schweinsteiger, Hummels oder Tah oder Beinahe-Rentner wie Podolski, nochmals Schweinsteiger oder Gomez nominiert wurden. Neuer wird wie immer als doppelter Spieler, Torhüter und Libero, Der Mannschaft den Hintern retten. Und wenn Löw auch die mitgenommenen Jungspunde Kimmich, Weigl und Sané ran lässt, könnte es tatsächlich mit dem Titel klappen. Turniermannschaft, ein Spiel, 22 Mann, 90 Minuten und am Ende und so! Außerdem haben wir Müller und der kann wirklich in allen Lebenslagen ein Tor schießen.

Zusammenfassung: Überraschungen sind bei einer EM immer möglich, siehe Dänemark oder Griechenland oder Tschechien, die sich erst im Finale Deutschland geschlagen geben mussten. Wie der Pokal hat auch eine EM ihre eigenen Gesetze.

Gruppensieger: Sieger (2.-Platzierter)
Gruppe A: Frankreich (Schweiz)
Gruppe B: England (Wales)
Gruppe C: Deutschland (Polen)
Gruppe D: Tschechien (Türkei)
Gruppe E: Belgien (Italien)
Gruppe F: Portugal (Österreich)

Halbfinalteilnehmer: Schweiz, Portugal, Deutschland, Frankreich

Europameister: Deutschland

Torschützenkönig (Land): Frankreich

Auftakt nach Maß*

Vor dem gestrigen Spiel Deutschland gegen Portugal gab es ziemlich viele Unbekannte. Im Vorfeld der WM hatten sich viele Leistungsträger verletzt, deren Einsatz lange fraglich war und bei denen feststand, dass die Tagesform entscheidend sein würde. Man weiß aber auch, dass die Deutschen eine absolute Turniermannschaft sind, die sich auf den Punkt genau vorbereiten können.

Dennoch war die Aufstellung lange und heftig diskutiert worden. Jogi nahm mit Miroslav Klose nur einen echten Stürmer mit nach Brasilien und wenn er in der Anfangsaufstellung fehlt, würde einer der offensiven Mittelfeldkräfte, voraussichtlich Thomas Müller, eine fasche 9 spielen müssen. Im Testspiel gegen Kamerun konnte man sehen, dass dies auch nach hinten los gehen kann. Andererseits hat Klose mittlerweile das für einen Fußballspieler gesegnete Alter von 36 Jahren erreicht und man kann sich durchaus die Frage stellen, ob er noch fit genug ist. Bei Messi konnte man sehen, dass dieser nicht mehr die Geschwindigkeit von früher hat und ich hoffe, dass dem Miro dieses Schicksal erspart bleibt.

Portugal schätzten viele Experten und auch ich als den stärksten Gruppengegner ein, wobei man gerechterweise sagen muss, dass es international keine Kleinen oder leichten Gegner mehr gibt und vor allem die USA in Sachen Fußball ordentlich nachgelegt haben, nicht zuletzt wegen der hervorragenden Arbeit eines Jürgen Klinsmanns. Und so war das gestrige Spiel dann auch ein sogenanntes Sechs-Punkte-Spiel. Wer das gewinnt, ist quasi schon durch, wer verliert, wird sich in den verbleibenden beiden Spielen ordentlich strecken müssen.

Auf dem Papier, welches Deutschland auf Platz 2 der Weltrangliste führt und Portugal nur auf Platz 4, sind wir die stärkere Mannschaft, doch hatte ich starke Zweifel, dass wir dies auf dem Platz auch umsetzen können. Wir können zwar wunderschönen Fußball spielen mit klasse Kombinationen, aber das allein reicht nicht mehr. Gerade Spanien hat im Spiel gegen die Niederlande gezeigt, dass man mit schönem Fußball und Tiki-Taka nicht Weltmeister wird. Entsprechend skeptisch war ich.

Das Spiel begann entsprechend, ein wenig fahrig, niemand wollte ein frühes Gegentor fangen, denn wie immer musste die Devise lauten: Hinten muss die Null stehen. Das Torverhältnis kann in einer so engen Gruppe entscheidend sein. Nach einem groben Schnitzer von Philipp Lahm brannte es auf einmal lichterloh in der Abwehr der Deutschen, doch konnte diese Gefahr schnell gebannt werden. Philipp und die gesamte Mannschaft fingen sich aber sofort wieder und fanden danach endlich zu ihrem Spiel. Die Portugiesen wurden mehr oder weniger in der eigenen Hälfte festgenagelt, doch der entscheidende Pass, die präzise Flanke fehlte. Nur einmal gelang dies und prompt wurde Götze im Strafraum umgerissen und es gab Elfmeter. Der Tradition folgend, dass der Gefoulte nie selbst schießen sollte, legte sich Thomas Müller den Ball zurecht und verwandelte den Strafstoß in der 12. Minute sicher ins linke untere Eck. Der Plan, ein frühes Tor zu erzielen, ist aufgegangen.

Nach diesem Tor konnte die Mannschaft befreit aufspielen und auf einmal gelangen sämtliche Kombinationen, während Portugal zunehmend abbaute. Nach einem wunderbar eingeleiteten Konter wurde der präzise Schuss Götzes von einem Portugiesen ganz knapp am Tor vorbeigelenkt. Die daraus resultierende Ecke verwandelte Hummels mit einem herrlichen Kopfball zum 2:0. Was für Hammer!

Die Portugiesen verloren mehr und mehr den Spielfaden und der dadurch aufgestaute Frust entlud sich in einem ziemlich rüden Foul Pepes an Müller, dem er zuerst seinen Ellenbogen und anschließend seinen Kopf ins Gesicht drückte. Das war mindestens dunkelgelb, aber der Schiedsrichter entschied auf glatt rot und Portugal musste ab der 37. Spielminute mit 10 Mann auskommen. Da wird es schwierig, die Räume für die Deutschen eng zu machen und so beschränkten sie sich aufs Verteidigen. Kurz vor der Pause, zu einem psychologisch für die Portugiesen äußerst ungünstigem Zeitpunkt fiel dann das 3:0 und damit auch die Vorentscheidung.

Nach der Pause plätscherte das Spiel vor sich hin. Deutschland ließ nichts mehr anbrennen, stürmte aber auch nicht mehr in letzter Konsequenz aufs Tor. Portugal versuchte nur noch, einen noch höheren Spielstand zu verhindern. Eigene Torversuche gab es nicht, wohl auch, weil der Mannschaft ein richtiger Leitwolf fehlte, der sie dazu motivieren konnte, nochmal 110% zu geben. Der hochgelobte Cristiano Ronaldo blieb blass, wartete vorne nur auf Bälle, die ihn viel zu selten erreichten. Zudem wurde er von Khedira und Boateng gut ausgeschaltet. Umso bezeichnender war es, als er einen Freistoß in aussichtsreicher Position direkt in die Lahmsche 1-Mann-Mauer zirkelte.

Trotz der haushohen Überlegenheit der deutschen Mannschaft dauerte es bis zur 78. Minute, bis das 4:0 fiel. Wieder war es Thomas Müller, der das Tor machte und sich damit an die Spitze der Torschützenliste setzte.

Alles in allem ein überzeugender Auftritt der Deutschen, die wunderbar ins Turnier gekommen sind. Ich bin gespannt, ob sie dieses hohe Niveau halten können. Wenn ja, dann können sie sehr weit kommen.

 

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