Umgangsformen

Nichts böses ahnend, langweilte ich mich die letzten Minuten auf Arbeit dem Wochenende entgegen, als plötzlich ein Kollege in mein Büro stürmte und sofortigen Zugriff auf meinen Rechner verlangte. Da eben jener Kollege gestern auch schon – mit vorheriger Abstimmung und meiner Einwilligung – an dem PC gewerkelt hatte, konnte ich mir denken, worum es ging, war aber doch einigermassen verdattert.

Nachdem ich mich kurz gesammelt hatte, erklärte ich ihm, dass sein gestriger Versuch nur so mittel erfolgreich war, denn es kam bei dem bewerkelten Programm immer noch die Meldung, dass der Lizenzschlüssel ungültig sei. Worauf er erwiderte: „Wenn du den Eintrag im Ticketsystem gelesen hättest, wüsstest du auch warum, Mäuschen!“

Kurzes Atemstocken meinerseits, dann tiefes Luft holen, gefolgt von einem sehr betonten und durchaus frostigem: „Nenn! Mich! Nicht! Mäuschen!“

Woraufhin dem Kollegen wiederum der Atem stockte, er mich verwirrt anschaute und dann anraunzte, warum ich so aggressiv sei, so nen Stress machte und er doch nur ins Wochenende wolle. Will ich auch, aber das gibt mir genauso wenig das Recht, ihn mit Schnuckelchen oder Bärchen zu betiteln.

Bloß gut, dass er in 2 Monaten das Unternehmen verlässt, vielleicht lernt er bis dahin noch ein wenig Respekt!

Schönes Wochenende!

Schall und Rauch

Wie die meisten, so erschütterte auch mich der tragische Absturz des Germanwings-Flugzeugs. Was mich allerdings noch viel mehr erschütterte und verstörte, war die journalistische Berichterstattung, die auf den Absturz folgte.

Als erstes gab es auf den verschiedenen Portalen Liveticker und mein erster Gedanke war: Geht’s noch?
Liveticker machen Sinn bei andauernden, laufenden, aktuellen Ereignissen wie Fußballspielen oder auch Bundestagsdiskussionen und -abstimmungen, jedoch nicht bei einer finalen Sache wie einem Flugzeugabsturz. Da reichen Artikel mit den bislang verfügbaren Informationen, die aktualisiert werden, sobald es neue Erkenntnisse gibt.
Das gleiche gilt für Eilmeldungen. Mein Facebook-Newsfeed quoll förmlich über mit ganz wichtigen Meldungen, die sich am Ende als überhaupt nicht wichtig herausstellten. Mein Handy vibrierte fast minütlich und kündigte mir eine neue unnütze Eilmeldung an. Es ist letztendlich egal, ob 68 oder 72 Deutsche unter den 150 Toten waren. Es sind Menschen gestorben. Punkt!

Ich kann nachvollziehen, dass sich durch das Internet und dem jederzeit online sein durch Smartphones die Informationsgeschwindigkeit unglaublich erhöht hat. Dennoch sollten alle veröffentlichten Informationen auf ihre Relevanz und Korrektheit geprüft werden. Allzu oft gab es aber nur Spekulationen und dies nicht nur bei den Boulevardportalen, sondern auch und in erheblichem Umfang bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Bereits am Montag Mittag gab es erste Liveschaltungen nach Paris zu einer Korrespondentin, die genauso viel wußte wie der Moderator im Studio. Die Schalte nach Barcelona erschließt sich mir bis heute nicht. Es folgte eine Liveschaltung nach der anderen, in alle möglichen, auch nur im entferntesten mit dem Flug oder dem Absturz in Verbindung stehenden Orte, zu Zeiten, in denen nur bekannt war, dass die Maschine vom Radar verschwunden ist. Mir taten die Reporter vor Ort leid, die gezwungen wurden, sinnlose Fragen spekulativ zu beantworten oder in einer einzigen Schalte dreimal betonen zu müssen, nichts Konkretes berichten zu können.
Den Moderatoren im Studio, namentlich Camilla Senjo und Norbert Lehmann, sah man an, dass auch ihnen der Job unangenehm war und sie nur den Regieanweisungen folgten, weil das eben von ihnen verlangt wurde.

Als sich herausstellte, dass eine gesamte Schulklasse in dem verunglückten Flugzeug saß, konnte ich förmlich sehen, wie sich in den Redaktionen die Hände gerieben wurden. Endlich hatte man eine Tragödie im Unglück gefunden. Mir war es peinlich, als ich die Fernsehbilder von vor der Schule sah. Wie die Geier stürzten sich die Journalisten auf die Schüler und Angehörigen, die Einwohner Halterns, die zum zentralen Ort der Trauer gingen, um Anteil zu nehmen. Da fehlte jegliche Distanz, jeglicher Respekt vor den menschlichen Schicksalen, alles wurde ausgeschlachtet, nur für die Quote oder den Klick mehr.

Richtig skandalös wurde es allerdings, als sich die Hinweise verdichteten, dass der Co-Pilot absichtlich die Maschine gegen den Berg lenkte. Wie schon so oft davor, wurde dem vermeintlich Schuldigen eine Bühne geschaffen, welche einfach nur abartig, pervers und sensationsgeil ist.

Ich kann nicht verstehen, warum den Tätern, den Verursachern solcher Tragödien immer ein solches Denkmal errichtet wird. Oklahoma, Erfurt, New York und Arlington, Winnenden, Utøya, Boston, Newtown, Paris, 4U9525 – ich kenne alle Namen der Täter, könnte sie im Schlaf aufsagen. Dabei will ich das gar nicht, interessieren mich gar nicht. Durch den medialen Dauerbeschuss jedoch, dem ich mich nur schwer entziehen konnte, es sei denn, ich hätte jeweils wochenlang weder Radio noch Fernsehen noch Internet genutzt, brannten sich die Namen in mein Gedächtnis ein. Zudem haben ALLE Täter einen Wikipedia-Eintrag. Im Gegenzug kenne ich nicht den Namen eines einzigen Opfers.

Dabei haben doch zahlreiche Studien gezeigt, dass die mediale Aufmerksamkeit, die Aussicht auf die sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm, eine wesentliche Triebfeder solcher Menschen sind. Das ist, oder besser sollte, auch jedem Journalisten bekannt sind, und trotzdem lässt sich die mediale Vorgehensweise bei jeder neuen Tragödie präzise vorhersagen.

Wenn die Angehörigen das wünschen, und nur dann, kann ich mir auch vorstellen, mehr über die Opfer zu erfahren. Sonst sollten die Hinterbliebenen in ihrer Trauer in Ruhe gelassen werden. Es ist schrecklich genug, einen geliebten Menschen auf so tragische Weise zu verlieren, da sollte sich niemand noch mit der medialen Meute herumschlagen müssen. Dies gilt vor allem und insbesondere für die Familien und Freunde der Täter, die in den meisten Fällen genauso verständnislos, überrascht und erschrocken über die Taten sind wie der Rest der Welt. Dazu kommen automatische Vorwürfe, ob man denn nicht hätte etwas ahnen müssen, das Unglück hätte verhindern können.

Was mir derzeit im Nachgang richtig Bauchschmerzen macht, ist der Umgang mit der Krankheit Depression. Die Stigmatisierung hat eingesetzt und die jahrelange, mühevolle Enttabuisierung wurde mit einem Schlag zunichte gemacht. Es fing mit Sebastian Deisler an, der sich öffentlich zu dieser Krankheit bekannte und zum ersten Mal das Thema Depression ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Der Tod Robert Enkes brachte einen weiteren Schub und viele, viele Lippenbekenntnisse, mehr gegen diese Krankheit tun zu müssen und besser aufzuklären.

Nun aber hat eine einzelne Person einen schrecklichen letzten Ausweg gesucht und dabei alle psychisch Kranken unter Generalverdacht gestellt. Auch ich habe eine Lücke in meinem Lebenslauf, 3 Jahre, in denen ich aufgrund der Krankheit nicht arbeiten konnte. In Vorstellungsgesprächen wurde ich bislang nie auf diese Lücke angesprochen, doch hatte ich mir bisher immer vorgenommen, falls die Frage kommt, wahrheitsgemäß zu antworten. Ich finde, es ist nichts, wofür ich mich schämen sollte. Ich war krank, ich habe alles mir Mögliche dagegen unternommen und bin, soweit dies bei dem Krankheitsbild möglich ist, genesen.

Jetzt allerdings überlege ich, ob ich nicht doch besser eine Ausrede nutzen sollte, Arbeitslosigkeit und Elternzeit, um meine Chancen am Arbeitsmarkt nicht zu torpedieren.

Und so hat dieser Flugzeugabsturz viel mehr zerstört als 150 Leben und ein Flugzeug.

Den Spiegel vorgehalten

Nachdem mich gestern ein Hilferuf meiner Schwangerschaftsvertretung Susi auf Arbeit erreichte, habe ich also heute meinen Kollegen mal wieder einen Besuch abgestattet. Da heute der Nachfolger meines Chefs, welcher uns leider zum Jahresende verlässt, um in meiner alten Firma anzufangen, zur Einarbeitung da war, saß Susi heute bei den IT-Kollegen im Büro.

Susi hatte beim ersten Kennenlernen einen ambivalenten Eindruck bei mir hinterlassen, den ich nicht richtig einordnen konnte. Sie war nicht wirklich unsympathisch, aber irgendwie konnte ich sie auch nicht richtig leiden, ohne genau zu wissen, warum.

Wir unterhielten uns über ihre Fragen und kamen auf ihre bevorstehenden Dienstreisen zu sprechen und ich fragte sie, ob sie schon mal in unserer Außenstelle an der Ostsee war, einfach um zu wissen, ob sie schon Bekanntschaft mit den Kollegen dort gemacht hat. Stattdessen erzählte sie mir ausführlich, dass sie die Kollegen nicht kannte, aber dafür die Stadt oder besser gesagt das Stadion, schließlich fahre sie ja zu fast jedem Auswärtsspiel ihrer Lieblingsmannschaft.

Einige Zeit später kam das Gespräch irgendwie auf ihren Freund und dessen Dienstfahrzeug und sie erzählte stolz, dass er damit heute nach Stadt-irgendwo-in-Hessen unterwegs ist. Meine Bewunderung hielt sich in Grenzen, immerhin war das sein Job. Sie fing darauf hin an, von Waffen zu sprechen und glänzte dadurch, dass sie wusste, dass ein bestimmter Gewehrtyp bei Stargate benutzt würde. Um das ganze zu toppen, posaunte sie hinaus, dass sie ALLE Science Fiction Serien auswendig könnte und zählte diese auch kurzerhand auf. Wir wurden kurz darauf sehr schief von ihr angeschaut, dass wir nicht sofort sämtliche Erzählstränge aller Bud Spencer und Terence Hill Filme parat hatten.

Es gipfelte darin, dass ich mir einen unfreiwilligen Witz wegen des fremdländischen Nachnamens eines neuen Kollegens, der gerade 4 Tage an Bord ist, erklären lassen musste. Susi meinte abschließend, sie hätte ja nur Russisch in der Schule gehabt, worauf hin ich erwähnte, dass ich auch Russisch hatte, dazu Englisch, Französisch und ein wenig Latein. Aber Susi hatte dafür Naturwissenschaften in der Schule, jawollja!

Und hier merkte ich dann endlich, was mich so unglaublich nervte: bei allem, was man sagte, trat man unbewusst in einen Wettkampf mit Susi, den sie unbedingt gewinnen musste. Sie übertrumpfte die Aussagen der anderen immer und freute sich diebisch, dass sie in ihren Augen besser ist als die anderen. Und ständig den anderen unter die Nase zu reiben, dass diese selber schlechter sind, bringt keine Sympathiepunkte.

Was für mich allerdings sehr erschreckend war ist, wie sehr mich Susi an mich selber erinnert hat. Als ich jünger war, war ich haargenauso wie sie. Ich musste mir auch ständig beweisen, dass ich besser bin als die anderen. Ich wusste mehr, ich hatte mehr erlebt, ich war klüger und ich interessierte mich nicht die Bohne, wie es anderen damit ging. Kurz, ich war ein arrogantes Arschloch. Ich konnte auch nie verstehen, warum andere mich nicht mochten, wo ich doch so toll war.

Ich habe lange und hart lernen müssen, dass ich mich nicht darüber definiere, um wie viel ich besser war als andere, dass Wissen und Intelligenz mangelnde Empathie und fehlenden Respekt nicht aufwiegen und es tatsächlich nicht schaden kann, sich selber nicht als Nabel der Welt zu sehen. Ich reagiere immer noch ein wenig empfindlich, wenn mich jemand in einen solchen Wettkampf drängt, zu tief sitzen die Mechanismen, die mich auch gern diesen Kampf gewinnen, mich auch über den anderen erheben lassen wollen. Ich habe mich heute nur jeweils ganz kurz auf diese Kämpfe eingelassen, mir ist es schlicht nicht mehr wichtig, diese zu gewinnen. An den Reaktionen meiner Kollegen konnte ich sehen, dass diese auch keine Lust auf solche Auseinandersetzungen hatten.

Susi hat mir also heute wunderbar einen Spiegel vorgehalten, ein Zeitportal zu einem jüngeren Selbst von mir. Zugleich hat sie mir auch gezeigt, dass sich die Quälerei der vergangenen Jahre gelohnt hat, dass ich doch eine ganze Menge an meiner Persönlichkeit gearbeitet und auch schon ein großes Stück geschafft habe. Es hat mir aber auch gezeigt, dass noch ein gutes Stück Weg vor mir liegt.

Aber der Anfang ist gemacht und darauf bin ich stolz 🙂