Rosa ist scheiße

Ich habe mich ja auch hin und wieder schon aufgeregt, dass meine Tochter für einen Jungen gehalten wird, weil sie keine rosanen Klamotten trägt. Nicht, weil ich rosa nicht mag, aber weil mir dieses Rollenklischee gehörig auf die Nüsse geht und es teilweise sehr schwierig ist, überhaupt ansprechende Kinderkleidung zu finden, die eben nicht stereotypisch blau mit Autos oder rosa mit Herzen ist.

Neulich beim Schlüpferkauf – und ja, diese Teile heißen Schlüpfer oder Unterhosen, aber auf gar keinen Fall Schlübbis – ist mir das auf absurdeste Weise wieder aufgefallen. Es standen zur Auswahl: Grundton weiß, rosa oder pastelllila; Motive: Elsa aus Frozen oder Disney-Prinzessinnen oder Minnie Maus, in der Nicht-Markenabteilung kotzesüße Katzenbabies. Es fehlten: normale einfarbige Schlüpfer in bunt. Bei den Jungs geht das komischerweise. Der Große hat Unterhosen in knallbunt in orange, rot, grün, blau, grau, schwarz, mit Smileys oder Streifen, eher selten mit Autos oder Raketen.

Nun bin ich nicht die Einzige, die das nervt und jetzt hat es eine Journalistin professionell auf den Punkt gebracht:
Rosa ist scheiße

Noch ein wenig amateurhaft ärgert sie sich im Beitrag, dass sie sich entweder ständig erklären muss oder für merkwürdig gehalten wird. Da ich auch ohne Kinder für merkwürdig gehalten werde, prallten solche Resentiments schon immer an mir ab. Mit dem restlichen Artikel spricht sie mir allerdings voll aus der Seele. Vor allem, was den unterschiedlichen Umgang mit Mädchen und Jungs angeht.

Unser Mädchen hat die Bagger- und Traktorensammlung ihres großen Bruders geerbt. Sie hat mehr Schrammen an Knien und Schienbeinen als ihr Bruder, nicht weil sie ungeschickter ist, sondern wagemutiger und damit auch öfter mal auf die Nase fällt. Der Große wollte früher lange Haare haben, damit er Haargummis und – spangen verwenden kann, hat er bekommen. Nagellack wollten beide, haben auch beide bekommen. Ich ermahne meine Tochter nicht, dass sie sich nicht schmutzig machen soll, sondern ziehe ihr stattdessen robuste, erdfarbene Klamotten an. Ihr Lieblingsshirt ist grün und hat ein Kermitbild drauf. Das Lieblingsshirt des Großen ist gelb und trägt den Schriftzug „Auf Forschungsreise, bitte nicht stören“.

Es sind Kinder, sie wollen die Welt entdecken, auf ihre Weise, ungestüm oder beobachtend, immer neugierig, neuen Sachen grundsätzlich aufgeschlossen, solange immer genügend Gummibärchen vorrätig sind. Warum sollte dieser Forschungsdrang in eine Geschlechterrolle gepresst werden, wo Mädchen nur mit Puppen und Jungs nur mit Autos spielen dürfen? In dieser ganzen Diskussion muss ich dauernd an zwei Memes denken, die in schöner Regelmäßigkeit in meiner Facebooktimeline auftauchen:

  • „Das ist aber ein süßer Junge.“
    „Das ist ein Mädchen.“
    „Aber es trägt blau.“
    „Ja, wir erziehen unser Kind zweifarbig.“
  • „Vorsicht, dein Junge spielt mit einer Puppe, er könnte schwul werden.“
    „Ja und? Er könnte auch einfach ein guter Papa werden.“

Leider wird, und das wird im Artikel auch angesprochen, sehr viel Einfluß von der Umgebung ausgeübt. Im Kindergarten, in der Schule, auf dem Spielplatz, wo auch immer, überall werden die Kinder mit den althergebrachten Stereotypen konfrontiert und müssen sich dann rechtfertigen. So kam mein Großer letztens sehr geknickt aus der Schule. Nach einigem Herumdrucksen rückte er endlich mit der Sprache heraus, dass ihn die anderen Kinder in der Schule ausgelacht hatten, weil er Glitzersachen mag. Seitdem will er partout nichts glitzriges oder glänzendes mehr haben und seine Bilder verziert er nicht mehr wie sonst mit Glitter, nur noch mit Buntstiften und da ja keine Pastelltöne. Und seine Winnie-Pooh-Brotdose findet er doof, weil ein Junge ihn deswegen gehänselt hat.

Mich macht das sehr sehr traurig.

Geschlechterk(r)ampf

Immer wieder passiert es, dass Fremde mein Baby als männlich wahr nehmen.

Im Krankenhaus wurde sie von Schwestern und Ärzten gleichermaßen als „er“ tituliert. Ich erwarte jetzt nicht, dass sich die Gesundheitsritter jeden einzelnen Patienten namentlich merken, dazu ist die Durchlaufrate der Patienten zu hoch. Zudem werden sie intern meist eh nur mit ihren Krankheiten tituliert: die Niere hat Durchfall, der Ventrikel Fieber und der Fuß kann morgen entlassen werden.
Dennoch hat es mich irritiert, als eine Schwester Fieber messen wollte und mich bat, „ihn mal bitte auszuziehen“. Bei der Anästhesieaufklärung erläuterte mir der Arzt, dass er „ihm nur schnell in den Mund schauen wolle“ (wegen Kiefer-Gaumen-Spalte und den Zähnen). Selbst die Schwester im Aufwachraum nach der OP hielt mein Mädchen anfangs für einen Jungen.

Beim Fußball am Wochenende waren wir wohl ein so ungewöhnlicher Anblick, dass viele Zuschauer uns neugierig anschauten und Fragen stellten: wie alt er denn jetzt sei oder ob ihm denn der Lärm nichts ausmache. (Eine Frau raunzte ihren Mann sogar an, dass sie da ja auch ihre Kinder mit zum Eishockey nehmen können und erkundigte sich bei mir, wo wir die Ohrenschützer her hätten. 🙂 )

Als ich ein Foto meiner schlafenden Süßen bei einer Facebookgruppe anderer Märzmamis postete, kam „er ist aber niedlich“.

Mich stört diese Referenzierung nicht, zumal man am Gesicht in diesem Alter sehr schlecht erkennen kann, ob das Kindlein männlich oder weiblich ist. Allerdings kam auch niemand auf die Idee zu fragen, ob es ein Junge oder Mädchen sei, es wurde einfach so angenommen.

Mir stellt sich die Frage: Warum eigentlich?

Ich stelle jetzt die zugegeben sehr steile These auf: Weil unser Mädchen keine rosafarbenen oder andere typisch weibliche Klamotten trägt. Keine Kleidchen, keine Blüschen, keine Haarbänder. Stattdessen sind ihre Strampler grün und orange.
Unsere Gesellschaft ist mittlerweile so darauf geeicht, dass Mädchen von Geburt an in pink gewandet werden, dass alles Abweichende automatisch ein Junge ist.

Mir ist egal, ob meine Kleene weiterhin dem falschenmännlichen Geschlecht zugeordnet wird, ich werde auch zukünftig die Leute nicht über ihren Irrtum aufklären. Sie wird sich, wenn die Zeit gekommen ist, ihr Spielzeug selber aussuchen dürfen, so wie der Große schon. Sollten es Puppen sein, dann ist es eben so. Bei Autos wird sie sich mit ihrem Bruder darum balgen müssen 😉