Himmelherrgottnochmal

Da les ich einen Artikel übers Scheitern in der Zeit und möchte am Liebsten die ganze Zeit meinen Kopf auf die Tischplatte hauen. Da dies aber erfahrungsgemäß sehr weh tut, rolle ich stattdessen mit den Augen, bis mir schwindlig wird.

Da jammert eine Studentin, die im Abi nur Einsen hatte, dass sie das erste Semester ihres Studiums damit verbracht hat, die fundamentalen Dinge des Lebens zu lernen:

wie man ein Konto eröffnet, ein Fahrrad repariert oder auch nur ein Spülmaschinensieb säubert

Wie man ein Fahrrad repariert hat mir mein Papa beigebracht, als ich 7 oder 8 Jahre alt war. Seitdem kann ich Reifen flicken, Ketten wechseln und ölen und vor allem kann ich Fahrräder putzen, was ich schon immer doof fand, aber mir das chromblitzendsaubere Fahrrad auch irgendwie irre gefiel.

Für eine Kontoeröffnung geht man zu einer Bank, sucht sich einen gelangweilten Angestellten und sagt ihm, dass man ein Konto eröffnen möchte. Im Allgemeinen folgt dann ein ausführliches Beratungsgespräch, wofür man das Konto benötigt und welche verschiedenen Optionen die Bank anbietet. Dabei hört man aufmerksam zu, lässt sich die AGB aushändigen und liest brav das Kleingedruckte. Wenn einem das alles zusagt, entscheidet man sich für eine Option, unterschreibt den Vertrag und hat ein Konto.

Hat mir nie jemand beigebracht, habe ich selber gelernt, dafür aber mit Sicherheit nicht ein Semester meines Studiums drauf verwendet, sondern nur eine Stunde an einem sonnigen Nachmittag.

Das Spülmaschinensieb fällt für mich in die Kategorie „allgemeine Lebensfähigkeit“, in die auch Nagel in die Wand schlagen, Autoreifen wechseln, Knopf an Hemd wieder annähen und Spaghetti mit Tomatensoße kochen fallen. Wurde einem entweder mal gezeigt, kann man auf der Verpackung nachlesen oder erschließt sich durch gesunden Menschenverstand. Dazu muss man aber tatsächlich seinen Kopf benutzen. Wobei, in Zeiten des Internets noch nicht mal das, da reicht es, wenn man weiß, wie man Google aufruft.

Vor einiger Zeit gab es einen ähnlichen Vorfall, wo eine Schülerin twitterte, dass sie eine Gedichtsanalyse in 4 Sprachen verfassen kann, aber nichts weiß über Steuern, Miete und Versicherungen. Und es wurden Rufe nach einem Unterrichtsfach „praktische Lebenshilfe“ laut, in der Dinge wie Kontoeröffnungen, Mietverträge oder Autoversicherungen abgehandelt werden.

Ich frage mich dann immer, unter welchem Stein haben diese Kinder und jungen Erwachsenen bisher gelebt bzw. warum muss die Schule etwas übernehmen, was praktischerweise nebenbei im Elternhaus stattfinden sollte?

Es mag daran liegen, dass die elterliche Wohnung, in der ich bis zu meinem 19. Geburtstag lebte, nur 55 Quadratmeter groß ist, aber dadurch war ich in alle elterlichen Dramen eingebunden. Seit mein Vater eine Katalogbestellung bezahlte, obwohl meine Mutter den Betrag zwei Tage zuvor bereits überwiesen hatte, weiß ich, dass man solche Dinge besser vorher bespricht und dass Zuvielüberweisungen bei einer zukünftigen Bestellung verrechnet werden und da kein Geld verloren geht. Bei Bankgeschäften war ich genauso dabei, wie bei den Versicherungsvertretern und den Autohändlern. Ich hörte die anschließenden Diskussionen meiner Eltern, das Abwägen der Pro und Kontras und bekam automatisch ein Gespür für Fallstricke.

Im Schlafzimmer hatten wir auf dem Kleiderschrank drei Wäschekörbe stehen: einen für Kochwäsche, einen für bunte Baumwollsachen, einen für Feinwäsche. Mir wurde früh beigebracht, in welchen Korb meine verschiedenen Kleidungsstücke jeweils gehörten und ich wäre nie auf die Idee gekommen, Wollsocken in die Kochwäsche zu geben, ganz abgesehen davon, dass ich Wollsocken furchtbar kratzig finde. Mein großes Kind darf mittlerweile auch schon seine Wäsche sortieren.

Als wir unsere Wohnung komplett neu tapeziert haben und ich so 9 oder 10 Jahre alt war, musste ich die alte Tapete mit von der Wand kratzen, durfte dem Malermeister beim Tapezieren der Decke zusehen und half beim Einkleistern der Tapetenbahnen für die Wände. Beim Streichen durfte ich ebenso helfen und lernte, wann Farbe kleckst und wann man den Pinsel einmal zu oft am Eimer abgestrichen hat.

Meine eine Oma brachte mir Stricken bei, meine Mama Häkeln, meine andere Oma Nähen. Ich könnte sofort auf der Nähmaschine eine Hose nähen, weil sie mir das Prinzip beigebracht hat. Die Hose wäre vermutlich weder besonders gerade noch besonders schön, aber falls mal der Krieg ausbricht und alles ganz anders kommt, hätten wir immerhin Hosen zum anziehen. Das Kleidernähen habe ich mir dann mit diesem Vorwissen selber beigebracht und meiner Barbie alles auf den Leib geschneidert, was ich auf dem roten Teppich so flanieren sah.

Die im obigen Artikel erwähnte Studentin fällt dann durch eine Prüfung. Zum allerersten Mal. Ein Weltuntergang. Und die ganze Welt hat es mitbekommen. Sie stellt darauf hin ihr gesamtes Leben in Frage.

Geht’s nicht ne Nummer kleiner? Wurde ihr denn nie beigebracht, dass man auch mal eine Prüfung versemmeln kann und sich die Erde trotzdem weiter dreht? Kommt das dabei heraus, wenn man sonst immer nur Einsen geschrieben hat? Wenn ja, sollte ich vielleicht dankbar sein, dass ich in der 10. Klasse mal grandios beim Spicken erwischt worden bin. In einer Biologiearbeit, wo ich alle Fragen ohne Mühe und ohne Spicker beantworten konnte, ewig zeitig fertig war und dann aus purer Langeweile anfing, die Antworten mit dem Spickzettel abzugleichen, was dann irgendwann auch der Lehrerin auffiel. Setzen, 6!
Klar fand ich das doof und irgendwie ungerecht, aber eben auch selten dämlich von mir und ich konnte schon nach kurzer Zeit drüber lachen – ohne Bier und Freunde dafür zu benötigen.

Dies scheint leider kein so seltenes Problem zu sein, denn während meiner Studienzeit hatte ich öfter mit Studenten zu tun, die völlig verzweifelt ob verhauener Prüfungen waren und mitunter war auch jemand dabei, wo ich tatsächlich befürchtete, dass er oder sie sich etwas antun könnte. Ich ließ mir jeweils ausführlich das Problem schildern und verwies jedes Mal ans Prüfungsamt. Wenn sich jemand mit der Prüfungsordnung, mit Ausnahmen, Sondergenehmigungen und Alternativen auskennt, dann das Amt. Außerdem, so war meine Hoffnung, arbeiten dort Menschen und wenn man denen erklärt, warum ausgerechnet diese eine Prüfung nicht bestanden wurde (von akuter Faulheit mal abgesehen), fanden sich eigentlich immer Wege, um nicht das gesamte Studium schmeißen zu müssen.

Ich kann nicht abschließend sagen, woran es lag, dass ich völlig furchtlos in mein selbstständiges Leben abseits von Mama und Papa gestartet bin. Ich hatte nie das Gefühl, nicht ausreichend aufs Leben allein vorbereitet zu sein. Vor einigen Jahren habe ich sogar mal selber eine Steuererklärung ausgefüllt und das war jetzt wirklich nicht soooo kompliziert.

© Foto von Flickr/Dennis Skley „Prüfungen des Lebens 199/365“, (CC BY-ND 2.0)

Zum Scheitern verurteilt

Auf das Thema „Scheitern als Eltern“ bin ich durch den Blogbeitrag von Andrea Harmonika gestoßen, welchen sie im Rahmen einer Blogparade verfasst hat. Ich fand den Beitrag amüsant, da er mir in sehr angenehmer Art vor Augen hielt, dass ich jeden Tag an der Aufgabe Elternsein scheitere und kommentierte das entsprechend.

Doch seit dem lässt mich dieses Thema nicht mehr los. Es geistert in meinem Kopf, schiebt sich immer wieder in mein Bewusstsein, weil ich einfach nicht akzeptieren kann, dass ich als Muttern gescheitert sein soll. Ich fühle mich nicht als gescheitert! Wenn ich meine Kinder so anschaue, dann habe ich bestimmt einiges falsch, aber auch jede Menge richtig gemacht. OK, ich kann keine Hosen für meine Kinder nähen und mit dem Backen ist es auch nicht weit her, aber ist das tatsächlich ein brauchbarer Maßstab für gelungene Elternschaft?

Wer legt denn überhaupt die Maßstäbe fest? Und mit welchem Recht? Beim Sport ist das meist relativ klar geregelt. Wer beim Hochsprung am höchsten springt, hat gewonnen, wer die Latte reißt, ist an dieser Höhe gescheitert. Ist man im Hochsprung nicht besonders gut, dann kann man vielleicht ganz schnell laufen oder etwas sehr weit werfen. Und wem nichts von alledem gut gelingt, der kann immer noch als Zuschauer auf den Rängen Platz nehmen und die Athleten anfeuern.

Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, das Publikum als gescheitert anzusehen. Oder den Hochspringer, der zwangsläufig beim Kugelstoßen versagen muss.
Warum dann also die strengen Vorgaben für Eltern?

Nimmt man sich zwei beliebige Elternratgeber und vergleicht die Ratschläge, dann findet man höchstwahrscheinlich mindestens einen Punkt, der völlig konträr zum gleichen Abschnitt im anderen Buch beschrieben wird. Folge ich nun dem einen Ratgeber, muss ich zwangsläufig an den Maßstäben des anderen Ratgebers scheitern. Das ist übrigens der Grund, warum ich diese Elternratgeber meide wie die Pest, da sie mich letztendlich mehr verwirren als sie mir helfen.

Folgt man den Tipps von Freundinnen, Eltern, Großeltern, Tanten oder den eh alles besserwissenden Miteinkäufern im Supermarkt, bietet sich das gleiche Bild. Der eine rät, man solle das Kind in der Quengelzone schreien lassen, der andere fühlt sich dadurch massiv belästigt und hält das Kind für völlig verzogen. Der Onkel, der entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn wir erzählen, dass wir mit unseren Kindern regelmäßig in Restaurants (und damit meine ich jetzt nicht diese „Restaurants“ zu den goldenen Bögen etc.) zum Essen gehen und wir dort bis 21 Uhr oder gar noch länger bleiben. Dem entgegen steht die Bedienung in besagten Restaurants, die sich freut, dass wir kommen und es schön findet, dass auch Deutsche mal so unverkrampft mit ihren Kindern umgehen (O-Ton).

Wer hat denn jetzt Recht bzw. welcher Maßstab ist denn nun der, an dem ich mich als Mutter messen lassen muss?

Da Menschen Individuen sind mit unterschiedlichsten Erfahrung, Moralvorstellungen und kulturellen Hintergründen, und Eltern entgegen der landläufigen Meinung eben auch nur Menschen sind, können solche allgemeingültigen Maßstäbe gar nicht angelegt werden.

Eine Freundin brachte es, wie ich finde, schön prägnant auf den Punkt: „Als gescheitert würde ich mich betrachten, wenn meine Kinder mir nicht ihre Sorgen anvertrauen können oder sich von mir nicht geliebt fühlen. Alles andere ist doch nur Bonus.“

Ob man dieses Ziel nun mit selbstgenähten Hosen oder selbstgebackenem smartiesgefüllten Regenbogenkuchen schafft oder täglich den Lieferservice bestellt, ist doch letztendlich egal.

 

#geschichtenvomscheitern