Lernen durch Schmerz

Wer auch immer der Meinung war, Lernen durch Schmerz funktioniere und das auch noch gut, hat unsere Kinder nicht erlebt.

Fing beim Großen damit an, dass er den Kater immer wieder am Ohr oder Schwanz zupfte, und im Gegenzug nähere Bekanntschaft mit den Katzenkrallen machen durfte. Gingen wir anfangs davon aus, dass sich das wegen der nicht unbeträchtlichen Schmerzen schnell von selbst geben würde, gaben wir diese Hoffnung bald auf und kauften stattdessen Jodtinktur, damit sich die zahlreichen Kratzer nicht entzündeten.

Allerdings hofften wir, dass Mädchen anders drauf sind und das sind sie tatsächlich. Die können noch viel mehr einstecken, zumindest unseres. Wo der Große schon lange lautestes Wehklagen angestimmt hätte, schüttelt sich die Kurze nur und weiter geht’s. Aber manchmal tut es eben doch richtig weh und wir hofften, dass schmerzliche Lerneffekte besser greifen.

Aber nö. Katzenkratzer noch und nöcher. Blutige Wunden am Kopf, weil das Kindlein nicht begreift, dass es mittlerweile zu groß ist, um aufrecht unter meinem Schreibtisch lang zu laufen und sich deswegen immer wieder die Rübe an der Unterkante des Tisches rammelt. Das Wäscheständer umfallen, wenn man zu sehr an einer Seite zieht, will auch nicht in das kleine Babyhirn rein und so mussten wir die Süße mehr als einmal unter der frisch gewaschenen Wäsche hervorziehen.

Jetzt hoffe ich einfach mal drauf, dass sie größer wird und die Vernunft einsetzt. Wobei, wenn ich mir ihren Bruder so anschaue – ach, lassen wir das 🙂

Werbeanzeigen

Weichei

Hier, ich! Ein ganz großes sogar.

Als ich vor zwei Monaten bei meinem Zahnarzt zu meiner jährlichen Kontrolle war, schaute dieser etwas besorgt in meinen Mund und meinte, dass da zwei Füllungen nicht mehr so dolle aussehen und demnächst ersetzt werden sollten. Ich nahm diese Aussage ohne größere Regung hin, mein letztes Loch ist um die 15 Jahre her und zudem ist es ja nur ein Tausch, was soll da schon schlimmes passieren.

Außerdem habe ich eine ausreichend lange und intensive Zahnarztgeschichte. Durch einen viel zu kleinen Kiefer haben meine wunderschönen Prachtbeißer nicht mal ansatzweise genug Platz und kaum hatten die bleibenden meine Milchzähne ersetzt, wurden mir 3 davon auch schon wieder gezogen. War aber immer noch ziemlich eng alles und der Platzmangel wurde durch die Weisheitszähne noch verschärft. Also durfte ich drei davon in zwei Operationen, zur dritten und letzten habe ich es aus irgendwelchen Gründen nie geschafft, wieder abgeben. Einen dieser blutigen Zähne habe ich sogar hübsch in Plastik eingeschweißt mit nach Hause bekommen. Begleitet wurden diese ganzen Aktionen von zahllosen Zahnspangen, Behandlungen, Röntgenaufnahmen, Gebissabdrücke, etc. Für ein halbes Jahr oder so war außerhalb (zum Glück) der Schule ein Headgear mein Begleiter.

Alles in allem dauerte die komplette Behandlung um die 20 Jahre und ich konnte es mir einfach nicht erlauben, Angst vorm Zahnarzt zu haben. Und auch heute noch geh ich eher gutgelaunt zu den Terminen, was soll wie gesagt schon passieren.

Bis heute. Furchtlos wie ich war, habe ich mir einen extra langen Termin geben lassen, um beide Füllungen in einem Rutsch erneuern zu lassen. Lächelnd hüpfte ich auf den Behandlungsstuhl, Arzt und Assistentin waren ebenfalls gut drauf. Doch dann wurde ich gefragt, ob ich mit oder ohne Betäubung behandelt werden will.

Betäubung? Bei so was simplen wie einem Füllungstausch? Bei mir, die ich zwei Kinder so auf die Welt gebracht habe? Pah! Die Spritze tut mehr weh als die ganze Prozedur und das sagte ich dem Arzt auch. Er nahm das so hin, meinte aber, ich könne jederzeit Bescheid sagen, falls ich doch das Schmerzmittel haben wollte. Hand heben genügt.

Dann fing er an, die Füllung aus dem Zahn zu klauben und ich zuckte diverse Mal heftigst zusammen. Mei, waren das Schmerzen. War das früher auch so? Er fragte dann, ob ich nicht doch lieber eine Spritze haben möchte. Ich nickte heftig und er betonte, was für ein sanfter Spritzer er sei. Ha!

Die Außenseite hat er auch wirklich fast schmerzlos hinbekommen, die Innenseite jedoch drückte, aber bei weitem nicht so, wie ich es in Erinnerung hatte. Nach kurzer Pause, in der die Betäubung ihre Wirkung entfalten sollte, ging es weiter. Die Reste der Füllung wurden weiter entfernt und es stellte sich heraus, dass unter der kaputten Füllung Kariesbakterien eine ausgiebige Party gefeiert hatten, welche erstmal restlos entfernt wurde. Die Bohrgeräusche an sich sind ja schon fies, aber wenn es dann im ganzen Kopf rumpelt und kreischt, das raubt einem wirklich den letzten Nerv.

Trotzdem ich durch die Spritze keine Schmerzen mehr spürte, merkte ich, wie mein Kreislauf so ein wenig wegkippte. Dazu das Rumpeln und Kreischen, das krampfhafte Offenhalten des Mundes („Können Sie den Mund bitte noch ein bisschen weiter auf machen.“ – „Gnjmnj“ – „Danke.“) sowie eine latent einsetzende Panik (warum auch immer) ließen mich zu einem verkrampften und verängstigten Häuflein Elend auf dem Behandlungsstuhl zusammenrutschen.

Irgendwann war es dann ganz plötzlich vorbei und der Arzt entließ mich mit der Bitte, mir doch für die zweite Füllung einen neuen Termin geben zu lassen. Das hätte auch den Vorteil, dass mein Mund nicht beidseitig betäubt wäre und es war doch alles gar nicht so schlimm, oder?
Doch, war es. Ich hab mehrere Liter Blut und Wasser schwitzend auf dem Stuhl verloren und meine Knie waren sehr wacklig auf dem Heimweg.

Wie hab ich das früher alles ausgehalten? Kann man sich an sowas auch gewöhnen? Oder verweichlicht man im Alter? Jedenfalls bin ich jetzt bei weitem nicht mehr so entspannt vor dem nächsten Termin im Februar. Sanfter Spritzer hin oder her!

Erst oder Schon?

Ist es wirklich erst zwei Wochen her, dass mein Mann die Bombe platzen ließ oder sind es eher schon zwei Wochen. Die Zeit hält sich nicht mehr an ihre gewohnten Gesetzmäßigkeiten. Einerseits fließen die Tage an mir vorbei, monoton wie im Nebel und oft bin ich erstaunt, dass schon wieder so viele Stunden vergangen sind. Andererseits ziehen sich Tage wie Kaugummi, ich schaue auf die Uhr und sehe, dass anstatt der gefühlten 5 Stunden erst 3 Minuten vorbei sind. Genauso wie die Zeit schwanke ich zwischen den Extremen, absolute Hoffnungslosigkeit und gnadenloser Optimismus, manchmal im Minutentakt wechselnd.

Jedes Jahr zu Weihnachten schenke ich der Familie Fotokalender mit Bildern der Kinder. Diese Bilder wollen natürlich sorgfältig aus denen des vergangenen Jahres ausgesucht werden, was bei der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Fotos alles andere als einfach ist. Doch dieses Jahr war es eine echte Quälerei. Wir haben so viele schöne Bilder von gemeinsamen Erlebnissen, fröhlich lachende Kinder, die Grimassen schneiden und sich des Lebens freuen. Beim Anschauen dieser Bilder freue ich mich mit ihnen, habe die Momente, in denen sie entstanden sind, vor meinen Augen, habe den Geruch in der Nase, spüre die Sonne auf meiner Haut oder den Regen oder den Wind, erinnere mich an die dazu gesprochenen Sätze, höre das Lachen, muss selber lachen und im gleichen Moment versetzt es mir einen Stich ins Herz, wenn ich daran denke, dass wir solche Momente nie mehr zusammen erleben werden. Wir werden nicht mal mehr die Fotos zusammen anschauen und gemeinsam in den Erinnerungen schwelgen. Alles hat den faden Beigeschmack der Trennung an sich.