Mulmig

Einer der Gründe, warum wir damals so vehement versucht haben, den Großen auf eine andere Schule als die für ihn vorbestimmte zu schicken war, dass der Schulweg wesentlich kürzer und sicherer ist. Das Ziel war, dass er später mal alleine zur Schule und auch wieder nach Hause laufen kann.

Während sich mein Mann sehr gegen diese Vorstellung sträubt, sehe ich die Sache ein wenig entspannter. Als ich so klein war, musste ich mehr oder weniger von Anfang an alleine in den Frühhort laufen und nach dem Hort oder der Schule auch alleine wieder zurück nach Hause. Dabei galt es, eine große und relativ viel befahrene Hauptstraße zu überqueren – natürlich ohne Ampel. Nun war dies in einem anderen Land und in einem anderen Jahrtausend, wo es bei weitem noch nicht so viel Verkehr gab wie heute, dennoch barg diese Straßenquerung einiges an Gefahr.

Definitiv kein Vergleich zum Schulweg des Großen. Der führt durch eine 30er Zone entlang, um dann an einer gut befahrenen Straße zu münden. Dort gibt es aber direkt vor der Schule eine Fußgängerampel. Allerdings ist diese derzeit außer Betrieb, weil die komplette Straße aufgerissen wurde und da sowieso keine Autos mehr fahren. Sehr viel gefahrloser kann ein Schulweg fast nicht sein.

Mein Mann vertritt die Ansicht, dass das Kind bis zum Ende der 4. Klasse gebracht und abgeholt werden muss, ganz egal wie sicher der Schulweg ist, allerdings denke ich, dass man dem Kind durchaus mehr Vertrauen entgegen bringen und es mehr Verantwortung übernehmen lassen kann. Und so habe ich schrittweise den gemeinsamen Schulweg verkürzt, immer in Absprache mit dem Kind, denn nur wenn es sich sicher genug fühlt, den Rest des Weges alleine zu bewältigen, wird er auch die Ruhe haben, um mögliche Gefahren vernünftig einzuschätzen.

Als erstes durfte er allein über die Ampel. Dann durfte er von der einen Straßenecke bis zur Ampel alleine gehen. Seit der Baustelle darf er von der Straßenecke ohne Ampel alleine über die Straße laufen.
So lief es jetzt eine ganze Weile und immer wieder fragte ich, ob er denn ein Stückchen mehr alleine laufen möchte, doch das traute er sich nicht zu. In der Zwischenzeit übte ich mit ihm, wo gute Stellen zum Überqueren der Straße sind oder zeigte, wie groß Auto sind und wie klein er ist und wie leicht er übersehen werden kann, wenn er zwischen Autos auf die Straße läuft. Immer wieder betonte ich dabei, dass wenn er sich in einer Situation unsicher ist, er lieber stehen bleiben und warten soll, bis das Fahrzeug vorbei ist, als einfach über die Straße zu rennen in der Hoffnung, dass es noch reicht. Das gilt vor allem, wenn er befürchtet zu spät zum Unterricht zu kommen, denn es ist weit weniger dramatisch, eine Tadel fürs Zuspätkommen zu erhalten, als in einen Unfall verwickelt zu werden.

Heute nun meinte er völlig unvermittelt auf halber Strecke, er wolle ab da alleine gehen. Ich fragte, ob er sicher ist, was er bejahte und fügte hinzu, dass ich so auch noch meinen Bus erwischen würde. Als ich sagte, dass dies nicht so wichtig wäre, winkte er nur ab. Also umarmte ich ihn, verabschiedete mich und gab ihm als letztes mit auf den Weg, dass ich stolz auf ihn bin. Dass mir plötzlich ganz mulmig wurde und mir das alles wieder viel zu schnell ging, sagte ich ihm nicht.

Ich sah ihm noch nach, bis er an die Straßenecke kam, wollte schauen, ob er wohlbehalten auf der anderen Straßenseite ankommt, aber leider verstellten mir Zäune und Autos den Blick. Ich wartete ein wenig, ob ich quietschende Reifen, lautes Meckern oder Schreie hörte, aber alles blieb ruhig. So drehte ich mich irgendwann um, lief zur Haltestelle und erreichte meinen Bus ganz bequem.

Mama, warum brennt eigentlich Holz?

Das große Kind ist sehr neugierig, was ich sehr gut finde. Es versucht, die Welt zu verstehen und wenn es sich etwas nicht selber erklären kann, dann fragt es. Meistens werden mir solch fundamentalen Grundlagenfragen früh morgens auf dem Schulweg gestellt. Ich als Mama darf dann mein halbwaches Gehirn auf Hochtouren bringen, um dem Kind eine gescheite Antwort zu geben. Falls ich keine Antwort weiß, dann verspreche ich ihm, abends im Internet nach der Antwort zu suchen.
Da ich die Fragen total spannend finde, möchte ich euch in loser Folge daran teilhaben lassen und habe dafür die Kategorie „Schulwegsfragen“ eingeführt. Gerne dürft ihr eure Erklärungsansätze kommentieren 🙂

Als erste Frage nun die von heute morgen: Mama, warum brennt eigentlich Holz?

Uff! Wie immer meine erste Reaktion. Ja, warum brennt eigentlich Holz? Also als erstes ein Diskurs in die Chemie.

Mama: Feuer ist eine chemische Reaktion, eine sogenannte Oxidation. Dafür wird Sauerstoff benötigt, der Fachbegriff für Sauerstoff lautet Oxygen, deswegen heißt die Reaktion Oxidation, Oxigen – Oxidation. Der Sauerstoff in der Luft, und nur der [bei einer früheren Fragerunde habe ich ihm bereits die Zusammensetzung von Luft erklärt] reagiert mit dem Holz und verändert es.

Kind: Ja, aber warum denn nun ausgerechnet Holz?

Mama: Das liegt an der Zusammensetzung des Holzes. Es gibt ja verschiedene chemische Stoffe und die haben alle unterschiedliche Eigenschaften. Metall zum Beispiel – und zeige dabei auf ein Verkehrsschild – oder Stein – zeige auf den Fußboden – brennen eher nicht.

Kind: … weil die ganz fest sind, oder?

Ich stutze. Brennt ganz festes Eichenholz wirklich so gut? Und fackelt Balsaholz beim kleinsten Funken in Sekunden komplett ab?

Mama: Das kann durchaus sein, liegt aber eher an den Inhaltsstoffen vom Holz. Papier brennt ja auch ganz gut. Hmm, wobei, Papier ist ja auch nur kleingehäckseltes Holz.

Kind: Ja, das hatten wir in der Schule, das hat mir Jakob erzählt. Aber warum ist Papier denn weiß?

Mama: Papier ist nicht grundsätzlich weiß. Das Holz wird bei der Papierherstellung ganz fein gehäckselt und die Späne dann mit Wasser vermischt, bis ein Brei entsteht und der wird dann ganz flach gestrichen, wo er dann zu Papier trocknet. So hergestelltes Papier ist dann beige, so wie das große Regal in deinem Zimmer.

Kind: Und wie wird das Papier dann weiß?

Mama: Es wird gebleicht. Dazu gibt es verschiedene Verfahren. Man kann das mit der Sonne machen. Wenn die Sonne ganz lange auf etwas scheint, dann bleicht das aus. Kann man ganz wunderbar sehen, wenn man in einem Zimmer, in dem lange nicht mehr neu tapeziert wurde, ein Bild von der Wand nimmt, dann ist die Wand dort, wo das Bild hing, dunkler als der Rest.

Ich schaue mich hektisch um, ob ich auf dem Schulweg ein praktisches Beispiel finde, aber da stehen nur neugebaute Häuser, deren Fassadenfarben alle noch frisch strahlen.

Mama: Man kann auch mit Chlor bleichen, aber Chlor ist giftig, das wird nicht mehr so häufig verwendet. Und es gibt bestimmt noch andere Möglichkeiten, aber die kenne ich nicht.

Wir sind an der Straßenecke angekommen, an dem ich das Kind verabschiede und die letzten Meter zur Schule allein laufen lasse.

© Foto von Flickr/Sebastian Michalke „Lagerfeuer“, (CC BY-ND 2.0)

Bald bin ich ein Schulkind

Die Stadt, in der ich lebe, ist für viele Dinge bekannt. Touristen schätzen die historischen Stätten, Denkmäler und Sehenswürdigkeiten und kommen in Scharen hierher. Die Einwohner kennen vor allem die schlampige, teilweise korrupte Kommunalpolitik und die sehr fragwürdigen Entscheidungen des Stadtrats.

Mich hätten also die Absurditäten, die mit der Schulanmeldung unseres Großen einher gehen, gar nicht wundern sollen. Im nächsten Frühjahr wird mein Junge 6 Jahre alt und kommt dann entsprechend im Sommer in die Schule. Damit wir auch die Schuleinführung feiern können, müssen wir das Kind jetzt im September an „seiner“ Schule anmelden.

In meinem jugendlichen Leichtsinn bin ich davon ausgegangen, dass die für ihn zuständige Schule die ist, die gleich bei uns um die Ecke liegt. Würde auch Sinn machen, da der Schulweg über eine wenig befahrene Nebenstraße mit Zone 30 führt und direkt vor der Schule eine Fußgängerampel ist. Außerdem ist der Schulweg nur gute 200 m lang. Zudem können wir die Schule von unserer Wohnung aus sehen:

schule

Aber weit gefehlt. Die uns zugeordnete Schule liegt in einem anderen Stadtteil, der Schulweg führt an 2 großen Hauptstraßen entlang und ist ca. einen Kilometer lang. Ich habe die Schule noch nie von Nahem gesehen, da wir so gut wie nie in diesem Viertel sind. 2 Straßen weiter ist übrigens der an anderer Stelle erwähnte integrative Kindergarten, bei dem die Integration darin besteht, dass die Eltern ihre Kinder schlagen. Und noch eine Straße weiter ist die Bronx unserer Stadt, in der Messerattacken und Schußwechsel quasi an der Tagesordnung sind. Sorry, ich möchte nicht, dass mein Kind dorthin zur Schule geht.

Nun könnte man denken, dass wir einfach nur Pech hatten. Nein. Denn auch die Kinder, die direkt gegenüber der Schule wohnen, dürfen nicht in diese gehen, sondern müssen auch in die Bronx-nahe Schule. Kinder, deren Schulweg darin bestehen würde, nur durch einen kleinen Park und über gar keine Straße zu gehen, müssen in die Bronx-Schule, und ihr Schulweg führt sie wegen der Fußgängerampel auch noch direkt an dieser Schule vorbei. Das nenn ich doch mal richtig gut durchdacht.

Neulich saß ich mit einer Nachbarin bei uns im Hof zusammen und wir redeten auch über die Schule, da sie eine 9-jährige Tochter hat. Sie konnte nur mit dem Kopf schütteln, sie findet die Regelung genauso unsinnig. Sie erzählte mir, dass sie gegen diese Zuordnung Einspruch einlegen wollte, die Stadt dafür aber 32 Euro verlangt. Da sie diesen Betrag nicht aufbringen wollte, geht ihr Kind nun in diese Schule. Ich finde es schade, dass in Deutschlands Sozialhauptstadt so mit der Not der Einwohner umgegangen wird. Wir jedenfalls sind in der glücklichen Lage, Einsprüche noch und nöcher einzulegen, denn ich werde alles tun, damit mein Kind nicht in die Bronx-nahe Schule muss.

Eine Kollegin meines Mannes gab uns noch den Hinweis, dass, wenn man Einspruch einlegt, die folgenden Gründe die besten Erfolgsaussichten haben:

  • der beste Freund geht in diese Schule – da müssen wir mal im Kindergarten rumhorchen. Ich weiß, dass ein paar Kinder auch aus unserer Ecke kommen und hoffentlich reicht die Namensangabe, nicht, dass der Kleene noch befragt wird, ob dies wirklich sein best buddy ist.
  • das Schulprofil ist anders und entspricht mehr unseren Vorstellungen – da es sich um die Grundschule handelt, weiß ich nicht, wie unterschiedlich die Profile sein können und ob dies bei den beiden Schulen überhaupt zutrifft. Muss ich mich mal schlau machen.
  • der Schulweg ist unpraktisch, weil dadurch der Arbeitsweg o.ä. maßgeblich verlängert wird – unsere größte Hoffnung. Für mich würde der Schulweg den Arbeitsweg fast verdoppeln, da die Bronxschule völlig abseits von meinem Arbeitsweg liegt, während die Schule um die Ecke direkt auf meinem Arbeitsweg liegt. Bei meinem Mann wäre es noch komplizierter, da wir davon ausgehen, dass die Kleene in die Krippe im Kindergarten des Großen kommt. Mein Mann müsste also erst zu Fuß in die entgegensetzte Richtung zur Schule, dann zu Fuß wieder bei uns an der Wohnung vorbei zur Bushaltestelle, dann zum Kindergarten und von dort zur Arbeit. Dauer ca. 2 Stunden. Hingegen liegt die Schule um die Ecke auch hier auf seinem Weg zur Bushaltestelle, Arbeitsweg ca. 1 Stunde inkl. Kinderauslieferung. Dabei eingerechnet ist noch nicht mal die Kindabholung, die sicher auch lustig wird.

Wir werden versuchen, eine Kombination dieser drei Gründe zu basteln, um die größten Erfolgschancen zu haben. Ich bin gespannt, wie es nach der Anmeldung im September weiter geht, ich rechne mit diversen heißen Tänzen auf den Ämtern. Auf jeden Fall werde ich alles tun um zu verhindern, dass unser Kind in die Bronx-Schule kommt. Notfalls ziehen wir eben nochmal um.