Vorahnung

Am 30. Oktober feierte mein Opa seinen 98. Geburtstag. Da durch den bundesweiten Feiertag am 31.10. der Montag davor schulfrei war, dachte ich, dass es eine gute Idee wäre, zu eben jenem Geburtstag in meine Heimatstadt zu fahren und am Ehrentag dabei zu sein. Schließlich ist in dem Alter die Anzahl zukünftiger Geburtstage recht überschaubar.

Ich rief meine Eltern an, ob es ok wäre, wenn ich mit dem Großen vorbeikommen und auch gleich dort übernachten würde. War es nicht. Weil meine Ma Frühschicht hatte und bis 14 Uhr an diesem Tag arbeiten musste. Außerdem war der Tisch in der Gaststätte, in der gefeiert werden sollte, nur für 12 Personen ausgelegt und lag in einer Nische, so dass zusätzliche Personen schlicht keinen Platz daran gehabt hätten. Mein Vorschlag, doch zum Essen selbst an einen Nebentisch zu gehen und zum Quatschen, wo Armfreiheit nicht so wichtig ist, an den großen Tisch zu kommen, fand keinen Anklang.

Ich war einigermaßen sauer, weil ich beides für bloße Ausreden hielt, die meiner Ma zusätzlichen Aufwand vom Halse halten wollte. Ich überlegte, ob ich auf gut Glück fahre, als special guest, aber auf den Stress mit meinen Eltern hatte ich irgendwie auch keine Lust.

Eigentlich wollte ich direkt am Geburtstag meinen Opa anrufen und gratulieren, war aber mit dem Großen in der Stadt unterwegs. Als ich anrufen wollte, war mein Opa bereits in der Gaststätte, so dass ich den Anruf verschieben musste.

So rief ich denn am nächsten Tag an und ließ mir ausführlich von der Feier erzählen. Mein Großer gratulierte ebenfalls, schließlich sind die beiden ganz dicke miteinander und immer, wenn sein Urenkel zu Besuch bei den Großeltern war, musste der Uropa besucht werden, der sich jedes Mal sehr darüber freute.
Außerdem fragte ich, wie es ihm ginge, was mein Opa etwas unverbindlich mit „geht so“ beantwortete. Bei der Verabschiedung meinte ich, dass wir uns bestimmt zu Weihnachten sehen. Dies hat sich in den letzten Jahren zur Tradition entwickelt, dass er für einen Nachmittag zu meinen Eltern kam oder wir zu ihm, je nach Laune und Verfassung.

Leider teilte er meine Vorfreude nicht, sondern meinte, dass er sich gar nicht sicher sei, ob er zu Weihnachten noch da wäre. Ich erwiderte, er solle nicht so etwas sagen, er ist doch noch fit für sein Alter und so lange ist es auch nicht hin. Er sagte erneut, dass er sich nicht sicher sei, dass Leben sei schon sehr beschwerlich und die Einsamkeit machte ihm sehr zu schaffen. Ratlos, was ich dazu sagen sollte, verabschiedete ich mich.

Die nächsten Tage wuchs meine Sorge. Am Telefon hatte mein Opa gemeint, dass er mir zu meinem Geburtstag einen Tag später eine Karte per Einschreiben schicken würde, diese aber wegen des Feiertags wohl ein wenig verspätet ankommt. Ich sagte, dass dies überhaupt kein Problem sei. Bis zum Ende der Woche war keine Geburtstagskarte im Briefkasten. Ich kontaktierte meine Eltern, ob sie denn Neuigkeiten vom Opa hätten, hatten sie aber nicht. Am Dienstag bat ich meine Eltern, beim Opa anzurufen oder vorbeizuschauen, ich hätte so ein ungutes Gefühl, da die Karte immer noch nicht da sei, was äußerst ungewöhnlich war, da mein Opa an sich sehr zuverlässig ist.

Sie riefen mich an, sagten, sie hätten Opa erreicht und die Karte wäre wegen einer falschen Hausnummer zurückgekommen. Sie würde die nächsten Tage erneut, diesmal mit richtiger Hausnummer, losgeschickt. Zudem erzählten sie, dass der Neffe meines Opas jeden zweiten Tag bei ihm vorbeischauen würde und er sofort Bescheid sagte, wenn etwas nicht stimmte.

Ich war erleichtert und beruhigte mich ein wenig. Meine Sorge war nicht unbegründet, gab es in der Vergangenheit doch mehrere Episoden, wo mein Opa versucht hatte, sein Leben zu beenden. So wurde er mehrfach von der Bahnpolizei aufgegriffen, weil er im Gleisbett in der Nähe von Bahnhöfen herumirrte, um sich im passenden Moment vor einen Zug zu werfen. Zum Glück waren die Polizisten immer schneller als der nächste Zug.

Erst als meine Cousine, die als Rettungsassistentin arbeitet und bereits mehrfach menschliche Überreste von Triebwagen und Gleisen kratzen musste, ein Machtwort sprach, hörte er damit auf. Sie meinte, dass wir alle es nicht verhindern könnten, wenn er sich unbedingt etwas antun wolle, aber er solle doch bitteschön darauf achten, keine anderen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen und es gäbe bereits genug Lokführer, die mit einem lebenslangen Trauma klarkommen müssten, weil jemand keine andere Lösung gefunden hatte.

Als wieder einige Tage später immer noch keine Karte im Briefkasten war, wuchs meine Unruhe erneut. Besonders der angesprochene Punkt Einsamkeit beschäftigte mich. Die letzten Jahre waren wahrlich nicht optimal verlaufen. Nicht allzu lange nach dem Tod meiner Oma vor knapp 8 Jahren enthüllte mein Opa ein lange gehütetes Geheimnis. Er habe vor 40 Jahren eine Affäre gehabt, aus der eine uneheliche Tochter entstanden ist. Jetzt würde er die Beziehung zu eben jenem Kind intensivieren wollen.
Seine große Tochter war außer sich. Sie brach für lange Zeit jeglichen Kontakt ab und auch ihr Kinder verringerten ihre Besuche. Sein Sohn war bestürzt, hielt aber den Kontakt so gut es ging aufrecht, was sich in der Vergangenheit eh bereits auf 2-3 Besuche im Jahr beschränkte, da sie ziemlich weit weg wohnten.
Meine Ma nahm die Geschichte gelassen. Sicher war sie gekränkt, dass ihre Mutter betrogen worden war, aber kannte sie das Leben im Allgemeinen doch so gut, dass sie auch diese Wendung mit einiger Gelassenheit hinnahm. Sie war auch die erste aus der Familie, die die Halbschwester begrüßte und ein normales, wenn auch nicht inniges, Verhältnis anstrebte.

Ich bin eh die Allerletzte, die andere Menschen verurteilte und so war es mir von Anfang an gleich. Ich kenne alle Facetten des Lebens und weiß auch, wie schnell es mit so einer Affäre gehen kann. Deswegen hatte ich auch keinerlei Probleme damit, weiterhin engen Kontakt mit meinem Opa zu halten. Schließlich gab es viele gute Erinnerungen, an gemeinsam verbrachte Ferien, Feiertage, Urlaube, Wanderungen und Ausflüge. Meine Großeltern, beide, konnten wundervoll kochen. Sie waren beide Naturfreunde, brachten mir die Grundzüge des Kletterns bei (nicht auf den Knien), zeigten mir die Schönheiten der Natur und waren ganz generell viel weniger streng als meine Ma.

Heute nun kam der Anruf meines Papas, den ich so lange befürchtet hatte. Mein Opa habe sich in der letzten Nacht das Leben genommen, indem er sich von einer Brücke stürzte. Meine erste Frage war, ob dabei andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wurden sie nicht.
Ich konnte nicht lange mit meinem Pa reden, da ich den Großen von einer Geburtstagsparty abholen musste. Auf dem Weg dahin fragte ich mich immer und immer wieder, ob ich hätte mehr tun müssen. Ich war traurig, dass ich nicht meinem Impuls gefolgt bin, ihn zu seinem Geburtstag zu besuchen. Und ich war wütend. Ich wollte meinen Opa anschreien, was er doch für ein Idiot sei. Aber gleichzeitig hatte ich tiefes Verständnis für ihn. Doch auch dies konnte nicht verhindern, dass ich einen totalen Heulkrampf im Auto hatte. Ich war selber überrascht, dass mich sein Tod so sehr mitnimmt. Mit 98 Jahren sollte ein Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet sein. Aber dieser ist es!

Am Abend telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie waren ebenso wenig überrascht wie ich, vielleicht hatten sie sogar schon eher geahnt, dass dies kommen würde. Meine Ma erzählte, dass mein Opa, der Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Autofahrer war, in letzter Zeit einige leichtsinnige Unfälle gebaut habe und sein Führerschein vermutlich in naher Zukunft eingezogen worden wäre. Er hatte bereits vorher angekündigt, dass wenn dies passieren würde, er sich da Leben nähme.

Nun war es anscheinend soweit 😥

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De mortuis nihil nisi bene

Gestern war die Beerdigung meines Schwiegervaters.

Ich hatte mir extra einen halben Tag frei genommen, ein paar meiner Überstunden abgebaut. Tatsächlich Urlaub opfern wollte ich nicht. Trotzdem wollte ich unbedingt wissen, wer alles zur Trauerfeier erscheint und was dabei gesagt wird.

Es waren überraschend viele Trauergäste zur Feier erschienen. Ein wenig verlegen standen sie in der strahlenden Sonne, während Anna mit der Trauerrednerin letzte Details zur Rede besprach. Mein Mann war entsetzt, dass seine Mutter mittlerweile im Rollstuhl sitzt. Aus der Nähe sahen wir, dass seine Mama so ausgemergelt war, dass sie kaum aufrecht im Rollstuhl sitzen konnte.

Wir begrüßten den bekannten Familienteil und ließen uns dann die unbekannten Gäste vorstellen. Vom Pflegedienst des betreuten Wohnens, wo meine Schwiegereltern zuletzt gelebt hatten, waren 4 Mitarbeiter erschienen. Dazu ein alter Arbeitskollege des Verstorbenen und ein befreundetes Ehepaar. Insgesamt waren es um die 20 Personen.

Die Trauerfeier begann mit einem Lied, welches passender kaum hätte sein können: „Hells Bells“ von AC/DC. Vermutlich war dem Verstorbenen der eigentliche Inhalt des Liedes nicht bekannt, denn sonst hätte er vielleicht einen anderen Titel gewählt. So aber konnte ich mir ein innerliches diabolisches Grinsen nicht verkneifen.

Die Trauerrednerin begann den Nachruf mit dem Ziel, das Leben zu feiern, anstatt in tiefster Trauer zu versinken. An sich gefällt mir dieser Ansatz, gerade bei eher älteren Menschen, doch war die Rednerin für meinen Geschmack zu überdreht. Ein wenig mehr Zurückhaltung hätte ich für angemessener gehalten.

Die Rednerin beschrieb als erstes die menschlichen Seiten: humorvoll, witzig, gesellig. Er war ein lebenslustiger, unterhaltsamer Mensch, der viel unternahm und bis fast zum Schluss aufopferungsvoll seine Frau pflegte. Ich staunte ein wenig, kannte ihn aber auch nur die letzten 10 Jahre und habe ihn dort ganz anders erlebt. Auch die Erzählungen meines Mannes über seine Erlebnisse hatten mir ein anderes Bild vermittelt.

Im Nachruf wurde auf die Kindheit eingegangen, dass der Verstorbene in einer eher ländlichen Gegend aufgewachsen ist und als Kind viel Unsinn angestellt hatte und nicht der Geschickteste war. So hatte er als Kind seinem Teddy die Welt durchs Fenster zeigen wollen und dabei die Fensterscheibe eingedrückt. Was als lustige Anekdote gedacht wurde, hinterließ bei meinem Mann und mir einen sehr faden Beigeschmack, denn wir wussten, dass die Großeltern (also die Eltern des Vaters) sehr strenge Menschen waren, die wenig Nachsicht kannten und dem Kind vermutlich mit einer Eisenbahnerkoppel massiv den Hintern versohlt hatten ob dieser Untat.

Nach einer weiteren Anekdote folgte die Überleitung ins Berufsleben. Schule, Ausbildung bei der Post, jahrelange Tätigkeit als Zusteller, Wechsel als Heizer, später Hausmeister beim örtlichen Zeitungsverlag. Ein schwerer Arbeitsunfall, unverschuldet und zudem vermeidbar. Bevor die nicht zu überhörende Verbitterung über diese Ungerechtigkeiten überhand nehmen konnte, wurde das zweite Lied gespielt: Johnny Hill mit „Ruf Teddybär 1-4“, weil die musikalischen Vorlieben des Verstorbenen sehr breit gefächert waren.

Der sich nun anschließende Teil mit dem Familienleben ist mir noch fast wortwörtlich in Erinnerung, wohl auch, weil mich dieser Abschnitt oder besser gesagt die Verpackung dieses Abschnitts am meisten interessierte.

Bei seiner Tätigkeit bei der Post lernte er seine Frau kennen, die ebenfalls dort arbeitete. Sie verliebten sich ineinander und heirateten am 22. April 1972. Das Familienleben gestaltete sich intensiv.

Ein spannender Euphemismus, der unglaublich viel Interpretationsspielraum lässt. Es wurde mit keinem Wort darauf eingegangen, wie die Familie sich ursprünglich zusammen setzte, dass die Ehefrau bereits 4 Kinder hatte und dass als einziges leibliches Kind 1973 mein Mann folgte. Von den insgesamt 5 Kindern wurden überhaupt nur 3 erwähnt, die 2 älteren Mädchen fielen komplett unter den Tisch. Auch schien es niemanden zu stören, dass immer wieder Boris zwar erwähnt wurde, aber er selbst und der gesamte Familienzweig nicht bei der Trauerfeier anwesend war.

Stattdessen wurde von den vielen Reisen berichtet, die das Paar unternommen hatte, die letzte größere nach Südtirol zu den Kastelruther Spatzen, die sie dort auch leibhaftig getroffen hatten. Denn dies war eine große gemeinsame Leidenschaft und sie besuchten mindestens ein Spatzenkonzert in der Heimatstadt, wusste die Rednerin zu berichten.

Als letzter musikalischer Beitrag folgte daher ein Lied von Andreas Gabalier „Amoi seg‘ ma uns wieder“. Mitte der zweiten Strophe wurde die Urne auf einen Katafalk gesetzt und die Trauergemeinschaft lief der Urne hinterher zum Grab.

An der letzten Ruhestädte angekommen, wurde die Urne ins Grab eingelassen und jeder Anwesende durfte in Ruhe Abschied nehmen und eine handvoll Blütenblätter auf die Urne streuen. Ich dankte meinem Schwiegervater für meinen Mann und wünschte ihm, dass er eine gerechte Strafe für seine Taten im Leben erhalten möge.

Da kein Leichenschmaus oder eine andere gemeinsame Aktion im Anschluss an die Beerdigung geplant war, verabschiedeten wir uns relativ schnell und fuhren nach Hause. Im Auto unterhielten wir uns über die Rede und mein Mann, der gerade eben seinen Vater beerdigt hatte, meinte, dass der Großteil des Gesagten schlicht lächerlich war.

Gesellig mag ja stimmen, aber stand wohl wie in einem Arbeitszeugnis als Code für Alkoholismus. Als unternehmenslustig kannte er seinen Vater ebenso wenig, ich selbst hatte ihn nur als phlegmatisch in seinem vollgequaltem Zimmer vor dem Computer hockend erlebt. Meinen Mann ärgerte die Beschreibung der Familie und des Familienlebens. Entweder lässt man alle „unerwünschten“ Kinder weg oder zählt alle auf.

Was meinen Mann verwunderte war, wie sehr die Trauerfeier seine Schwester und Nichten und Neffen mitnahm. Wir waren uns einig, dass Anna komplett stockholmisiert war und die Enkel die wahren Hintergründe nicht kannten und so wirklich und wahrhaftig um ihren Opa trauern konnten. Genauso wie die 4 Mitarbeiter des Pflegedienstes, die vermutlich nur den eingangs beschriebenen Menschen kannten, dem im Alter die Kraft zum Rassismus und zu bösartigen Scherzen fehlte und der vermutlich erkannte, dass es unklug wäre, Menschen, auf die er dringend angewiesen ist, zu vergrätzen.

Als wir die Geschichte mit den Kastelruther Spatzen besprachen, meinte mein Mann, dass sein Vater die gehasst hätte wie sonst was. Ich meinte daraufhin, dass sie doch aber beim Konzert und sogar in Südtirol waren, worauf mein Mann erwiderte, dass er das nur seiner Frau zuliebe gemacht hätte und er Volksmusik nicht ausstehen konnte.
Entweder war das seiner Schwester komplett entgangen oder es war ihre kleine, persönliche Rache, sozusagen ein finaler ausgestreckter Mittelfinger in Richtung ihres Peinigers.

Immer noch im Auto sitzend, rief mein Mann dann seinen Bruder Boris an, um ihm von der Beerdigung zu erzählen. Ihm war nämlich von Anna verboten wurden, Boris eher etwas zu sagen, weil sie unbedingt vermeiden wollte, dass er bei der Trauerfeier auftaucht, denn dies war der ausdrücklichste Wunsch des Verstorbenen.

Boris war stinksauer. Er wäre eh nicht gekommen, hätte doch aber schon gerne wenigstens vom Tod gewusst, denn vor drei Wochen hatte er seine Mutter besucht und sie nach seinem Stiefvater gefragt, obwohl dieser da schon eine Woche tot war. Dieses riesige Fettnäpfchen hätte er sehr gerne vermieden.

Das wiederum machte meinen Mann sauer und nach dem Telefonat tobte er rum, dass er es eh niemandem recht machen könne. Hätte er Boris informiert, wäre seine Schwester wütend gewesen, so hat er nichts gesagt und jetzt ist Boris wütend. Ich konnte förmlich den kleinen Jungen sehen, hin- und hergerissen zwischen seinen Geschwistern, ohne elterlichen Beistand und sehr sehr hilflos. Er tat mir leid, aber mehr als trösten konnte ich ihn nicht.

Diese Familie hat schon so viel ertragen und vielleicht könnte diese Beerdigung tatsächlich etwas wie ein Neuanfang sein. Jetzt, wo dieses große, alles überschattende Übel nicht mehr da ist.

Mama, wie lange lebt man eigentlich noch …

… wenn einem der Kopf abfällt?

Ja, diese Frage wurde mir von meinem 7-jährigen Kind auf dem Schulweg gestellt. Am frühen Morgen, nicht etwa auf dem Heimweg. Dem vorangegangen war ein Urlaub bei den Großeltern, bei dem er mit der Störtebeker-Sage in Berührung kam, was ihn offensichtlich nachhaltig beeindruckt hat. (Und nein, wir lassen das Kind keine Actionfilme schauen und selbst bei den Nachrichten schalten wir bei den grausligeren Themen kurz um.)

Mama: Das kommt drauf an, wo der Kopf entfernt wurde. Wenn das eher weit oben passiert, dann ist man sofort tot. Weiter unten lebt man noch so 20-30 Sekunden.

Kind: Oh. Und warum stirbt man dann?

Mama: Weil zum einen der Kopf kein Blut und somit keinen Sauerstoff mehr bekommt und zum anderen, weil das Herz und der Rest des Körpers vom Gehirn keine Anweisungen mehr bekommen, was sie tun sollen.
Der Kopf, also das Gehirn denkt ja ganz viel und macht ganz viele Sachen. Es sagt dem Herz, es soll schlagen, der Lunge, sie soll Luft holen, den Beinen, sie sollen laufen. Im Gegenzug versorgt der Körper das Gehirn mit Sauerstoff und Nährstoffen, damit es weiterhin denken kann.

Kind: Und wenn man den Kopf ganz schnell wieder drauf setzt und festnäht?

Mama: Tja, im Prinzip ist das eine tolle Idee, aber um das wirklich machen zu können, müsste man ganz schnell und ganz genau alles wieder zusammennähen können und das geht leider nicht. Es läuft einem schlicht die Zeit davon. Man muss ja Blutgefäße, Sehnen, Nerven, Luft- und Speiseröhre zusammennähen und hat dafür maximal 5 Minuten Zeit. Das ist ungefähr so lang wie dein Schulweg dauert. Bei einer abgetrennten Hand ist das anders, da geht das, weil man viel mehr Zeit hat, aber bei einem Kopf eben nicht. Zumal die wichtigste Nervenverbindung vermutlich nicht in dem Umfang wiederhergestellt werden kann, wie es nötig ist, damit das Gehirn alle Körperfunktionen steuern kann.
Einen abgefallenen Kopf kann man wirklich nicht mehr reparieren.

Kind: Schade.

Grundsätzlich muss ich feststellen, dass das Thema Tod den Großen schon sehr interessiert, vermutlich weil das Konzept für ihn so wenig greifbar ist.

© Foto von Flickr/Véronique Debord-Lazaro „What?“, (CC BY-SA 2.0)

Letztes Geleit

Morgen, einen Tag vor ihrem 100. Geburtstag, wird meine Oma beerdigt.

Um eine würdige Abschiednahme für die ganze Familie zu ermöglichen, renne ich seit Wochen in der Stadt rum, um für das große Kind gescheite schwarze oder wenigstens dunkle Klamotten zu erstehen.

Seltsamerweise war dies für mein Mädchen gar kein Problem, da gab es vor einigen Wochen zwei Kleider im Sonderangebot bei H&M. Ein schwarzes Samtkleid, absolut passend für den Anlass, für 5 Euro, und ein schwarz-weiß-gestreiftes Kleid mit schwarzem Bolerojäckchen für 7 Euro. Das Jäckchen kommt jetzt zum Samtkleid, darunter ein schwarzer Body, ebenfalls H&M, aber schon vor Ewigkeiten für den Italienurlaub gekauft. Dazu ein paar schwarze Strumpfhosen und ein paar dunkelblaue Stoffstiefel, Chucks nicht unähnlich und fertig ist die Trauerkleidung.

Nun ist es aber viel wichtiger, dass mein Junge angemessene Sachen trägt. Er war sehr mit seiner Uroma verbunden, besuchte sie viel und hat auch die Tage nach der traurigen Nachricht viel geweint. Deswegen möchte ich, dass er mit allem Drum und Dran Abschied nehmen kann, damit er sich später nicht ärgert, weil irgendwas nicht stimmte, ganz egal, ob die Konventionen überholt sind oder für Kinder nicht gelten.

Es scheint aber heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, ein schwarzes T-Shirt oder eine schwarze Jacke zu bekommen, auf dem/der kein unmögliches Bild oder überdimensionales Logo prangt. So bin ich auf ein dunkelblaues Poloshirt ausgewichen, zusammen mit einer schwarzen Jeanshose, die er schon im Schrank hatte, und einer schwarzen Fleecejacke, die wir mal in der herrenlose Fundsachenbox im Kindergarten gefunden haben.

Ich hoffe, dass ich damit die Ansprüche meines Kindes erfülle und er morgen in stimmiger Kleidung seiner geliebten Uroma das letzte Geleit geben kann.

Neunundneunzig

So alt war meine Omi, als sie letzte Nacht friedlich für immer eingeschlafen ist 😥

Und auch, wenn bei Menschen über Neunzig der Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet kommt, war es bei meiner Oma doch überraschend. Bis zuletzt war sie erstaunlich fit, konnte sich größtenteils selbst versorgen und immer noch gut laufen. Erst vor drei Jahren kam sie ins betreute Wohnen, vorher lebte sie mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienst in ihrer eigenen Wohnung.

Mein Großer hatte von je her eine besondere Beziehung zu ihr. Er hat sie oft besucht, sie hatten ihre kleinen Rituale entwickelt, er durfte immer auf ihrem Rollator mitfahren und er hatte sogar ein paar Spielsachen bei ihr. Aufgrund ihres Alters, und vielleicht war es auch beginnende Demenz, ließ ihr Gedächtnis nach. Menschen, die sie selten besuchte, erkannte sie zwar noch als irgendwie bekannt, konnte sie aber nicht mehr zuordnen oder sich an den Namen erinnern. Ich war schon lange Zeit nur noch die Mama des Großen, mein Papa war ihr nur noch als ihr Sohn bekannt, aber meinen Großen nannte sie immer beim Namen.

Ich weiß noch nicht so richtig, wie ich ihm das beibringen soll, es ist der erste Todesfall in seinem bewussten Leben (seine andere Uroma starb, als er 1,5 Jahre alt war und er hatte sie nur einmal kurz gesehen). Der Tod gehört zum Leben dazu, ich werde das nicht vor ihm verheimlichen.

Am 11. April wäre meine Oma 100 Jahre alt geworden und wir hatten eine große Feier mit allen Familienmitgliedern geplant. Jetzt werden wir sie wohl an diesem Tag beerdigen, sich an ihr Leben erinnern und dieses feiern.

Mach’s gut, Omi!

Gute Reise, Sir

Mit großer Erschütterung habe ich vom heutigen Tod Sir Terry Pratchetts erfahren.

Auch, wenn er bereits lange krank war, ist der Tod dieses großartigen Menschens mit 66 Jahren eindeutig zu früh.

Als mein absoluter Lieblingsautor habe ich natürlich alle Bücher von ihm. Sein Schaffen gipfelte, wie ich finde, in der genialen Zusammenarbeit mit Neil Gaiman und dem Schreiben von Good Omens, ein Buch welches ich regelmäßig lese und verschenke.

Während meines Studiums kam ich das erste Mal mit Pratchetts Werken in Berührung und sie haben mich seitdem nachhaltig geprägt. So sehr, dass ich ihnen Tribut in Form von zwei Todessequenzen zollte in dem Online-Textrollenspiel, in welchem ich seit knapp 20 Jahren aktiv bin.

Wie in jedem anständigen Rollenspiel kann man als Spieler sterben und da der Tod dort relativ wenig bestraft wird, wird der Spieler gezwungen, eine kurze Spielpause einzulegen und die Zwischenzeit mit einer automatisch ablaufenden Textsequenz zu verbringen. Da ich die damals existierenden Sequenzen alle auswendig kannte (ja, ich bin öfter mal über die Klinge gehüpft), beschloss ich, meinen Teil gegen die Langeweile beizutragen.

Hier nun also die beiden von mir verzapften Texte:

Du liegst an dem Platz, an dem Dich Dein grausiges Schicksal ereilt hat. Ein Mann mit dunkler Kapuze steht neben Deiner Leiche. Er wischt die blutige Klinge einer grausigen Sense mit langsamen, gemessenen Bewegungen ab. Das muss TOD sein. Plötzlich hört er auf und schaut Dich mitleidig aus seinen leeren Augenhöhlen an…

Du sagst: Oh, das passt mir aber heute gar nicht. Heute ist kein guter Tag zum Sterben. Kann ich mich irgendwo darüber beschweren?

DU BIST TOT! IST DIR DAS IRGENDWIE BEWUSST?

„Du sagst: Tot? Das ist nicht möglich! Zumindest jetzt ist das nicht möglich! Später wäre mir ja ganz recht, aber grad jetzt? Ich bin noch nicht fertig mit meiner Arbeit. Ich muss noch ein paar Monster metzeln und ein paar Zaubertränke finden und ich bin sicher, dass ich noch nicht alle Forschungspunkte habe…

DAS IST JETZT UNWICHTIG!

Du siehst, dass TOD ein bisschen genervt und verwirrt ist. Normalerweise sind seine Kunden auch viel zu verwirrt, um Widerstand gegen ihn zu leisten. Und normalerweise sind seine Kunden auch nur erleichtert darüber, dass ihnen die schwere Bürde des Lebens endlich von den Schultern genommen wurde.
Du schaust Dich etwas genauer um und bemerkst, dass Du durch Dinge hindurchgehen kannst.

DU SIEHST ES SELBST. ODER GLAUBST DU, DAS WÄRE MÖGLICH, WENN DU NOCH LEBEN WÜRDEST?

Du sagst: Trotzdem passt es mir gerade nicht. Hätte man das nicht zu einem anderen Zeitpunkt arrangieren können?

SO ETWAS LÄSST SICH NUR ÜBER DAS MONSTER MACHEN, DASS DICH GETÖTET HAT. UND MANCHE MONSTER SIND EINFACH ZU UNKOOPERATIV DAZU.

Du sagst: Oh, sowas nenne ich einfach nur schlechte Organisation. Ich will mich beschweren, schließlich ist mit meinem Geld schon vielen Anfängern geholfen worden. Ich will dann auch irgendwas für das Geld bekommen!

ICH BIN TOD, NICHT IRGENDEIN STEUEREINTREIBER ODER BETTLER ODER WOHLTÄTIGER VEREIN. ICH KOMME MEISTENS NUR EINMAL!

Du sagst: Aber es passt mir einfach nicht!

ICH NEHME DAS LEBEN IMMER SO WIE ES KOMMT!

Du sagst: Ich glaube nicht, dass das ein guter Grundsatz fürs Leben ist! Es ist zumindest nicht immer möglich!

BEI MIR JEDENFALLS FUNKTIONIERT ES!

Du siehst, wie TOD sich hilfesuchend umschaut. Du glaubst, in seinen Augen tiefe Verzweiflung zu erkennen. Irgendwo in Deinem Kopf hörst Du TODs Gedanken – nicht gerade sehr freundliche…

SPIELER! IMMER TAUCHEN SIE IM UNPASSENDSTEN MOMENT AUF, ABER WENN MAN SIE MAL WIRKLICH BRAUCHT…

KÖNNTE ARACHNA* NICHT AUFTAUCHEN UND DIESES STERBLICHE WESEN EINFACH WIEDER MIT IN IHRE WELT NEHMEN? DIESMAL WÜRDE ICH NICHT MAL DISKUTIEREN MIT IHR!

Du denkst: Ich wusste gar nicht, dass man mit TOD diskutieren kann. Ich werde es mir auf jeden Fall merken. Vielleicht klappt es ja wieder mal…

ALLES MUSS MAN HIER SELBER MACHEN. ABER ICH SEHE IN DEINEN ARGUMENTEN AUCH VIEL WAHRHEIT. ICH WILL DIR DESHALB NOCH EINMAL EINE CHANCE GEBEN. KEHRE ZURÜCK INS LEBEN UND MACH ES DORT DEN MAGIERN** UND MONSTERN SO SCHWER WIE MÖGLICH. ABER DAS DÜRFTE DIR JA NICHT SCHWER FALLEN…

TOD seufzt erleichtert, als ihm bewusst wird, dass er Dich mit dieser Aussage endlich wieder los wird.
Mit einer kleinen Handbewegung öffnet TOD ein Tor aus hellem Licht, das Dich wieder in die Welt der Sterblichen zurückbringt. Du kannst ein leichtes Lächeln der Zufriedenheit erkennen, soweit ein Skelett überhaupt in der Lage ist zu lächeln.

Du winkst TOD noch ein letztes Mal und gehst dann auf das Tor aus hellem Licht zu, hinter dem Dein neues Leben liegt…
Hinter Dir hörst Du TOD erleichtert aufatmen. Ohne noch weiter darauf zu achten gehst Du weiter durch das Tor. Plötzlich wirst Du von einem Strudel erfasst und durch Raum und Zeit geschleudert. Du verlierst Dein Bewusstsein (welches eigentlich?) und kommst nach einiger Zeit wieder zu Dir und beginnst dunkel, Dich an das vorgefallene zu erinnern und Dich Deiner Körperlosigkeit bewusst zu werden.
Du solltest irgend etwas dagegen tun…

Hier die zweite:

Das hat Dich jetzt aber umgehauen. Du liegst irgendwo, und nicht mal unbequem…

Langsam kommst Du zu Dir und beginnst, Deine Umgebung zu erkunden.

Du liegst weich…

Du tastest die Unterlage ab und fühlst Leder…

Langsam öffnest Du die Augen und siehst – eine weiße Zimmerdecke.

Du kannst sogar einen Plastik-Gummibaum riechen…

Du hörst eine Stimme:

Die Stimme sagt: AH, WIR KOMMEN LANGSAM ZU UNS…

Du denkst: Wir? Und warum in Großbuchstaben?

Ein schrecklicher Gedanke macht sich in Dir breit…

Die Stimme fragt: WIE FÜHLEN WIR UNS HEUTE?

Du denkst: Wieder Wir? Wer Wir?

Du kannst förmlich die Großbuchstaben sehen.

Die Stimme fragt: SIND WIR BEREIT?

Du sagst: Also ich kann nur für mich sprechen und ich weiß ja nicht mal, wofür ich bereit sein soll.

Woran erinnern Dich diese Großbuchstaben nur?

ENTSPANNEN SIE SICH. SIE KÖNNEN MIR VOLL UND GANZ VERTRAUEN. ES GEHT LOS:
HABEN SIE ALS KIND EIN TRAUMATISCHES ERLEBNIS GEHABT?

Du sagst: Ich kann mich nicht erinnern, je eine Kindheit gehabt zu haben. Ich bin schon als ausgewachsener Spieler zur Welt gekommen.

HMMM, WURDEN SIE JEMALS GEHÄNSELT, GEMOBBT ODER DISKRIMINIERT?

Du sagst: Nur in den allgemein üblichen Maßen, aber nichts ernsthaftes.

TRÄUMEN SIE MANCHMAL VOM FLIEGEN?

Du sagst: Ich habe höchstens Alpträume davon – die Netzverbindungen sind doch in letzter Zeit echt das letzte…

ALSO AUCH NICHT SEXUELL UNBEFRIEDIGT?

Jetzt hast Du es. Aber – nein. Dass kann einfach nicht wahr sein. Aber warum eigentlich nicht…

Doch so schlimm warst Du wirklich nicht, um das zu verdienen.

Du denkst: Ich war doch immer lieb! Ich habe fast nie jemandem etwas Böses getan. Ich hab meistens geholfen. Oder zumindest hab ich es oft versucht. Ich kann mich ganz deutlich an einige Male erinnern. ich könnte mindestens ein Beispiel für meine Liebenswürdigkeit nennen – es fällt mir nur gerade nicht ein.
Aber DAS habe ich einfach nicht verdient.

Du beginnst zu zittern, als Dir die schreckliche Wahrheit auf einmal in vollem Maße bewusst wird: Du bist in der Hölle aller Höllen, schlimmer geht es einfach nicht.

Du befindest Dich in einem Psychiaterbüro auf einer schwarzen Couch, und der TOD versucht gerade die Freudsche Psychoanalyse an Dir.

Du schreist: AHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!

HEY, FÜR GROSSBUCHSTABEN BIN ICH ZUSTÄNDIG!

Du schreist: ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!

ICH KANN WIRKLICH NICHTS ABARTIGES FINDEN. DA MUSS EIN FEHLER VORLIEGEN. DA HABEN WIR NOCHMAL GLÜCK GEHABT – SIE KÖNNEN GEHEN. KOMMEN SIE.

Du stehst auf und läufst dem TOD hinterher. Schlimmer kann es wirklich nicht kommen.

Du stehst vor einem Fahrstuhlschacht. Du hörst ein Klingeln und die Türen öffnen sich.

Du drehst Dich nochmal erleichtert zum TOD um und winkst.

Dann trittst Du einen Schritt zurück – ins Leere…

Du schreist: AHHHHHHHHHHH – äh sorry – ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh…

…und fällst…

…und fällst…

…und fällst…

Du verlierst das Bewsstsein. Du merkst, wie Dich altbekannte Gefühle warm überkommen.

Als Du die Augen aufschlägst, wirst Du vom Licht geblendet. Langsam beginnst Du Konturen zu erkennen…

*Arachna: Mudgöttin, Schöpferin dieses Onlinespiels und allmächtiges Wesen
**Magier: die Hilfsschöpfer des Spiels, die dessen Inhalte erweitern und Fehler beheben