Henkersmahlzeit

Das war es also, das letzte gemeinsame Mittagessen mit meinen alten Kollegen. Ab Montag werden alle komplett an einem neuen Standort arbeiten. Ich werde sie ganz furchtbar vermissen, denn die gemeinsamen Mahlzeiten waren der Höhepunkt jeden Tages. Es spielten sich Dramen ab, wenn Termine in unsere Essenszeiten gelegt wurden. Und ich habe sie im Laufe der Zeit lieb gewonnen. Alle! Ausnahmslos.

Die Kollegen sind ebenfalls wehmütig, denn am neuen Standort gibt es keine Kantine und der Speiseraum fasst nur 10 Personen. Zuviel für unsere 40-Personen-Abteilung. Auch wenn ständig über das Essen gemeckert wurde, sind die Alternativen am Zielort wenig verlockend. An Döner oder Asianudeln hat man sich eben auch schnell übergessen.

Gestern Abend waren wir alle zum Abschluss gemeinsam Bowlen. Es war herrlich, wundervoll, lustig und tottraurig. Die Stimmung war wie zu den besten Zeiten, ausgelassen und fröhlich, alle lachten, alle waren integriert, niemand saß ausgegrenzt irgendwo am Rand. Es war ein Blick zurück ins Paradies, welches ab nächster Woche verloren ist. Leider konnte ich den Abend nicht geniessen, weil er mir allzu schmerzlich vor Augen führte, was sich in den vergangenen Monaten verändert hat, wie hoch die Fallhöhe tatsächlich ist und was ab kommenden Montag unwiderbringlich vorbei sein wird. Egal, wie sehr alle beschwören, in 2 Jahren wieder an einem gemeinsamen Standort vereint zu sein.

Selbst, wenn es diesen ominösen, bisher nur theoretisch angedachten Standort geben sollte, werden sich die Teams und die Menschen bis dahin so verändert haben, dass es illusorisch ist zu glauben, man könnte wieder zum Anfang zurück. Fast alle Kollegen, mit denen ich die letzten Tage gesprochen habe, signalisierten, dass sie sich anderweitig umschauen, da die Atmosphäre im Unternehmen untragbar geworden ist. Wer weiß, wer von denen in 2 Jahren tatsächlich noch dabei sein wird.

Guten Appetit!

Manchmal

wünschte ich mir ein klitzekleinwenig mehr Anerkennung für das, was ich so tue.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass jeder denkt, ich bin den ganzen Tag zuhause und müsste doch massig Zeit haben, am besten noch schön Chips futternd auf dem Sofa lümmelnd.

Mag sein, dass sich gerade der Vorurlaubsstress so richtig bei mir bemerkbar macht, trotzdem bin ich aktuell herb enttäuscht und kurz davor, aufzugeben. Mag jetzt dramatisch klingen, ist aber wohl nur eine kleine Sache, die mir an sich viel Spaß bereitete, der sich nun verflüchtigt hat.

Ich habe mit Freunden eine kleine Fussballtipprunde. Meist bin ich da sehr erfolgreich Letzter und schau den anderem beim Kampf um den Titel Popcorn futternd aus der Ferne zu. Diese Saison allerdings hab ich einen recht guten Start hingelegt und es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen aller Beteiligter.

Bis heute. Heute standen wieder Spiele an und wir wurden auch dran erinnert, doch war ich einfach viel zu beschäftigt mit Sachen zusammen suchen, Taschen packen, Verpflegung für die Fahrt organisieren, die morgige Familienfeier, an der wir zwar nur teilnehmen, die aber trotzdem 150 km entfernt stattfindet, nicht aus den Augen zu verlieren, die Katzensitter einzuweisen, meine Familie zu verköstigen, die Kleene zu bespaßen und generell alle Bälle in der Luft zu halten, um noch an diese Spiele bzw. die Tipps zu denken. Erst als der Große im Bett, der ganz Große satt und die Kleene dankenswerter zwischendurch einfach mal so eingeschlafen ist, hatte ich wieder Zeit, mich an den Rechner zu setzen und da fiel mir die Geschichte sofort siedendheiß wieder ein.

Ich fragte den Spielleiter, ob ich die Tipps noch abgeben darf, ich hätte auch nicht gelunscht, er nannte mir die Ansetzungen, ich tippte einfach ins Blaue und stellte danach erfreut fest, dass ich ganz gut getippt hatte. Bis mir der Spielleiter mitteilte, dass er die Tipps nicht mehr nachtragen würde, es wären ja alle Spiele schon zu Ende gewesen.
Warum sagt er dann erst ja?

Ich erklärte ihm die Situation, er erwiderte, dass er nicht weiß, wie er das den anderen Teilnehmern gegenüber rechtfertigen soll. Reicht meine Begründung (siehe oben) nicht als Erklärung aus? Ist es echt zuviel verlangt, solche außergewöhnlichen Umstände zu berücksichtigen? Durch die Nicht-Tipps liege ich jetzt so weit zurück, dass ein weiteres Mitspielen sinnlos erscheint. Und irgendwie ist mir auch die Lust daran vergangen.

Ist bestimmt alles total kindisch und in einiger Zeit werde ich mich aufregen, dass ich mich darüber aufgeregt habe, aber gerade jetzt im Moment ist mir einfach nur zum Heulen. Vermutlich brauche ich wirklich einfach nur Urlaub.

Traurig

Ich habe heute den Großen in der Schule angemeldet. Da ich, wie zu erwarten, nicht die einzige war, vertrieb ich mir die Wartezeit, indem ich mich in der Schule umschaute. Im Gang vor dem Sekretariat waren Bilder aufgehängt, vermutlich von Flüchtlingskindern aus nahöstlichen Kriegsgebieten. Leider gab es keine erklärende Tafel dazu.

Viele Bilder gaben der Hoffnung nach Frieden Ausdruck, in dem Tauben und Hände haltende Menschen gezeichnet wurden. Ein Bild zeigte in krakeliger Kinderhand zerfetzte Menschen und Strichmännchensoldaten mit riesigen Maschinengewehren. Auf einem anderen Bild sah man ein Mädchen, welches an einen Baum gelehnt auf ein Grab schaut. Es trug den Titel „was von Vater blieb“.

Das für mich verstörendste, bewegendste Bild zeigte eine achtlos auf dem Boden liegende Gitarre. Der Titel lautete:
„Ich habe vergessen, wie Musik klingt.“

Tiefpunkt

Mir geht’s grad nicht so gut. Um ehrlich zu sein geht’s mir grad richtig beschissen. Ich lieg wie jede Nacht wach im Bett, aber heute auch mit vollem Programm, heulen und so.

Naja, andererseits hat es sich ja schon einige Zeit angedeutet, nur habe ich das mehr oder weniger erfolgreich verdrängt. Mich selber belogen. Mir war schon klar, was die Schlafstörungen bedeuten, die innere Unruhe, die Schmerzen in Schulter und Rücken. Aber zugeben, mir eingestehen, dass da doch wieder die Depressionen da sind und die Ängste, ist nun mal scheiße.

Ich krieg im Moment überhaupt nichts mehr auf die Reihe, versuche einfach nur, die Tage zu überleben, die sollen nur vorbei sein. Ich lenke mich so gut es geht mit den Schicksalen anderer Menschen ab, die Blogwelt ist immerhin voll davon, bloß um nicht auf mein eigenes Elend schauen zu müssen.

Das Beschäftigungsverbot ist wie ein Fluch für mich. Klar, es war durch die körperlichen Symptome indiziert, ganz so leichtfertig gibt ein Arzt so einen Schein nicht raus. Aber psychisch hat es mich total aus der Bahn geworfen. Keine Struktur mehr im Tag, keine Ziele, keine Aufgaben. Ich wurde nicht mehr wirklich gebraucht. Das fehlt mir. Und mir fehlen meine Kollegen. Der Schwatz aufm Gang. Das bei Problemen helfen können. Die Bestätigung, etwas geleistet zu haben. Es ist erschreckend, wie schnell ich ersetzt wurde und das auch noch ohne große Probleme. Dazu die Zweifel, ob meine Vertretung nicht besser ist als ich, beliebter, anerkannter.

Im Freundeskreis isses auch grad richtig mau. Da gab es im Sommer mit der Frau meines besten Freundes einen Riesenknatsch. Ich konnte meine Klappe mal wieder nicht halten, sie beharrte auf ihrem Standpunkt, Ende der Kommunikation. Und seitdem ist auch das Verhältnis zu meinem besten Freund etwas frostig. Wir reden zwar noch miteinander, aber irgendwie fehlt die Vertrautheit. Und sonst bin ich nicht mit besonders vielen engen Freunden gesegnet bzw. habe ich in der Vergangenheit einfach niemanden mehr an mich rangelassen, da ist einfach zuviel Mist passiert.

Die finanzielle Lage ist auch ein wenig angespannt. So toll der Urlaub gewesen ist, er hat ein größeres Loch in die Kasse gerissen, als ich angenommen hatte. Dazu dann noch das neue Notebook. Ich hatte vor der Bestellung extra noch den Kontostand geprüft, doch kaum war das Teil bezahlt, purzelten lauter Rechnungen, mit denen ich nicht gerechnet hatte, ein. Zum einen die viel zu verspätete Kreditkartenabrechnung aus dem Urlaub. Dann noch die Jahresgebühr für Xing. KFZ-Versicherung. Handyrechnung, die Geburtstage meiner Eltern und Weihnachten stehen vor der Tür. Keine Ahnung, wann ich da wieder eine schwarze Null sehe. Dann überleg ich mir, wie es denn nun mit dem Erziehungsgeld werden soll. Reicht das tatsächlich? Auch wenn 600 Euro im Monat fehlen? Da hab ich das neue Notebook und sollte als Technikfreak aus dem Häuschen sein und kann mich Null daran freuen. Ich sollte angesichts der Leistung des Teils grenzdebil vor mich hinsabbern, stattdessen bleibt mir nur noch die Spucke weg.

Dann die Sorgen um den Krümel. Diese blöde Feindiagnostik hat mich so unsäglich verunsichert. Was, wenn doch nicht alles ok ist? Was, wenn doch noch irgendwas gefunden wird? Um mich herum schlägt eine Horrorgeschichte nach der anderen ein, wo Kinder viel zu früh kamen, oder es innerhalb oder außerhalb des Bauchs nicht geschafft haben. Dazu kommt, dass der Krümel die letzten Tage ungewöhnlich ruhig ist.

Es ist dann auch nicht hilfreich, dass meine Eltern, die dem Krümel eh von Anfang an skeptisch gegenüber standen, nicht einmal aufmunternde Worte nach dem Feindiagnostiktermin fanden. Nicht einmal kam, dass wir das schon gemeinsam packen würden oder es würde schon alles gut werden. Irgend so ein belangloses Zeug. Irgendwas. Bloß nicht dieses unterschwellige „dann treib’s doch ab“.

Dazu noch dieses leidige Thema von vor 1,5 Jahren. Bis jetzt konnte ich mit niemandem darüber reden, trotzdem es jeden Tag an meiner Seele frisst, sich immer wieder in meinen Kopf drängt. Ich weiß, dass ich dieses Thema angehen muss, aber wem soll ich mich anvertrauen? Wer würde zuhören, ohne mich zu verurteilen, denn das tue ich selber schon genug. Meine Eltern sicher nicht, die hätten sich einen anderen Ausgang gewünscht. Meinen Mann würde es zu sehr verletzen. Und mehr gibt es da grad nicht. Also versuche ich, das Thema mit mir klar zu machen, aber es gelingt mir nicht, sondern raubt mir nur die Kraft.

Und so mache ich, was ich immer in solchen Situationen mache. Ich verkrieche mich in mir, ziehe mich in mein Schneckenhaus zurück. Ich gehe nicht mehr raus, es sei denn, es geht nicht anders, ich hab einen wichtigen Termin. Ich nehme meine Umwelt kaum noch wahr, kümmer mich weder um sie noch um mich. Esse unregelmäßig, stopfe irgendwas in mich rein oder vergesse das Essen.

Die Wohnung versifft. Ich sehe es und es kotzt mich an, aber ich habe keine Kraft, mich aufzuraffen und es zu ändern. Ich mag derzeit niemanden in unsere Wohnung lassen, weil ich mich schäme, wie es hier aussieht.
Ich schaffe es nur unter Mühen, die gewaschene Wäsche auch aufzuhängen. Immer wieder muss ich eine Waschladung ein zweites Mal waschen, da sie beim ersten Mal zu lange in der Waschmaschine lag und angefangen hat zu stocken.

Am meisten tut es mir leid für den Kleenen. Ich bin ihm derzeit keine echte Mama mehr. Ich sollte für ihn da sein, ihm zuhören, wenn er etwas erzählt, ihn trösten, wenn er traurig ist, ihn loben, generell an seinem Leben teilhaben. Stattdessen ist mir das alles zuviel. Ich bin genervt von ihm wegen Kleinigkeiten. Ich weiß, wie falsch mein Verhalten ist, wie sehr es ihm schadet und weh tut. Aber es ist, als würde ich als Beobachter daneben stehen und nicht eingreifen. Ich vermisse den Kleenen, obwohl er jeden Tag bei mir ist. Nur wenn er im Bett liegt und friedlich schläft, kann ich mich in Ruhe neben ihn setzen und ihm beim Schlafen zuschauen und ihm nah sein. Doch das schlechte Gewissen bleibt. Und jedes Mal vorm Einschlafen fasse ich den Entschluss, es am nächsten Tag besser zu machen. Um dann wieder und wieder daran zu scheitern.

Und professionelle Hilfe suchen? Schön wär’s, wenn ich es könnte. Mal abgesehen davon, dass Termine beim Psychotherapeuten erst in einem halben Jahr zu haben sind, würde es nicht bezahlt werden. Da der Abschluss meiner letzten Therapie erst 2,5 Jahre her ist und man erst nach 3 Jahren wieder neu darf. Und Medikamente mag ich keine nehmen, da ich nicht glaube, dass Psychopharmaka so sonderlich gesund für den Krümel sind.

Also hock ich hier, heule Rotz und Wasser und denke über Möglichkeiten nach, wie ich mich selber wieder aus diesem dunklen Loch rausziehen kann.
Ich warte darauf, dass irgendetwas passiert, dass mich in Bewegung versetzt, mir den nötigen Anstoß gibt. Irgendwas.
Gleichzeitig habe ich Angst, dass es so bleibt oder noch schlimmer wird. Und diese Hilflosigkeit macht mich alle.

Aber aufgeben gültet nicht, auch wenn ich nicht so richtig weiß, wie ich weitermachen soll.