Ein Wochenende

Das Wichtigste zuerst: mir geht es schlecht, sehr sehr schlecht. Warum genau, dass weiß ich auch nicht so genau, aber ich hoffe, dieser Blogbeitrag trägt zur Aufklärung bei.

Ich war mit den beiden Kindern für ein langes Wochenende bei meinen Eltern und seit wir wieder daheim sind, hat mich eine Erschöpfung gepackt und drückt mich nieder, so dass es mir tatsächlich schwer fällt, aufrecht zu stehen. Immerhin konnte ich recht schnell die Ursache ausmachen, weil sie quasi schon das gesamte Wochenende wie ein Damoklesschwert über mir schwebte.

Es ist natürlich meine Ma. Mein Verhältnis zu ihr war immer schon schwierig und eigentlich dachte ich, dass es sich über die Jahre gebessert hätte, aber ganz offensichtlich war das nur eine Illusion. Die letzten vier Tage waren der aus meiner Kindheit gewohnte und verhasste Tanz auf der Rasierklinge.

Alles fing zudem noch denkbar schlecht an. Ich packte am Sonnabend Vormittag die Taschen für die 2 Kinder und mich. In meiner Tasche waren sämtliche von uns besorgten Geschenke für die Schuleinführung verstaut, unter meinen Klamotten, damit der Große nicht lunschen konnte. Jener war total aufgeregt, wuselte mir ständig zwischen den Beinen rum und plapperte mich von der Seite voll, so dass ich echte Mühe hatte, mich zu konzentrieren und auch wirklich alle benötigten Sachen einzupacken. Plan war, um 12 Uhr zu starten und das schafften wir auch ziemlich genau. Allerdings musste ich nach 10 Minuten umdrehen, weil ich vergessen hatte, die Medizin der Kleenen einzupacken. Damit war dann der Zeitplan Geschichte.

Auf der Autobahn ungewöhnlich viel Verkehr und 30 Kilometer vorm Ziel Stau, Stau, Baustelle, Stau, Baustelle und Fahrbahnverengung auf eine Spur und Stau. Gleichzeitig sprang die Außentemperatur von 25 Grad auf über 30 Grad und die Klimaanlage im Auto kam nicht mehr hinterher. Eh schon gestresst wegen des nicht eingehaltenen Zeitplans – meine Ma wartete bestimmt schon mit dem Essen auf uns – ronn mir der Schweiß in Strömen am Körper runter und ich merkte, wie mein Deo versagte. Kaum waren wir bei meinen Eltern angekommen, meinte meine Ma, ich würde nach Schweiß riechen und verzog angewidert das Gesicht. Ja Ma, ich freu mich auch dich zu sehen. Ich bot ihr an, fix zu duschen, aber das lehnte sie ab, weil sie zusätzlich zur Hitze nicht auch noch den Wasserdampf vom Duschen in der Wohnung haben wollte. Außerdem stand ja schon das Essen auf dem Tisch. So verbrachte ich den Rest des Nachmittags damit, mit angelegten Armen und möglichst wenigen Bewegungen meinen in der Tat unangenehmen Körpergeruch in Schach zu halten, was mit einem Mädchen, das ständig hochgenommen werden möchte, eine extra Herausforderung ist.

Das Schlimmste war allerdings, dass ich im Packstress vergessen hatte, die Reisetasche des Großen mit einzupacken, die stand jetzt mutterseelenallein in seinem Zimmer und der Süße hatte nur die Klamotten mit, die er anhatte: T-Shirt, Hose, Unterhose, Socken, Sandalen und einen Sonnenhut. Ganz großes Kino. Ich wollte gerade anbieten, schnell in die Stadt zu fahren und eine Grundausstattung zu holen – da meine Ma eh jeden Tag wäscht, hätte es nicht viel gebraucht – als sie anfing, die Schränke auszuräumen und hervorholte: 4 T-Shirts, 5 Unterhosen, diverse Paar Socken, eine lange Jeans, 2 kurze Hosen, einen dicken Pullover, eine Jeansjacke, eine Regenjacke, 2 Kappen, 2 Paar Sandalen. Mir hatte sie im Vorfeld gesagt, sie hätte nur Unterhosen und einen Schlafanzug da, den Rest müsste ich mitbringen. (Das war früher anders, als der Große einmal pro Monat für ein paar Tage bei ihnen übernachtete, da hatte sie immer komplette Garnituren vorrätig. Ich dachte jetzt, wo die Besuche durch die Schule eher selten werden, hätte sie uns diese überzähligen Sachen alle mitgegeben.) Einerseits fand ich das gut, weil so das Wochenende vorerst gerettet war, andererseits löste es in mir großes Unbehagen aus. Vermutlich erwartete sie überbordende Dankbarkeit, die ich wie immer nicht gezeigt hatte, oder sie wollte ihre gehorteten Schätze vor mir nicht preis geben, oder sie fand es doof, dass ich sie beim offensichtlichen Lügen erwischt hatte, jedenfalls war die Stimmung einfach nur frostig. Meine einzige Hoffnung war, dass sie für den Abend bei Freunden zum Geburtstag eingeladen waren und ich mit den Kindern den Abend alleine und entspannt verbringen konnte.

Doch bevor sie zum Geburtstag starteten, wurde in einem Fort gegrummelt und alles, was sie möglicherweise an diesem Abend erwarten würde, von vornherein schlecht gemacht. „Ach, ich seh schon, dass ich mir das Anziehen auch hätte sparen können, wenn deren Köter mich erblickt und dann mit seinen dreckigen Pfoten an mich hochsteigt.“; „Die grillen bestimmt wieder, das dauert immer so ewig, besonders die gegrillten Käse und Tofuwürste [der vegetarischen Gastgeberin], da sitze stundenlang vor den leeren Tellern.“; „Die haben mit Sicherheit auch wieder die und den eingeladen, da hab ich jetzt schon keinen Bock mehr.“; „Bei dem Wind da draußen hätte ich mir das Haare föhnen auch sparen können.“

Meine Eltern waren irgendwann weg, ich konnte in Ruhe duschen und wir drei Übriggebliebenen aßen ganz in Ruhe und friedlich Abendbrot. Dann brachte ich die Kinder ins Bett, die Kleene brauchte ein wenig länger als sonst, aber alles im Rahmen und dann wartete ich auf die Rückkehr meiner Eltern. Seltsamerweise waren sie gut gelaunt, als sie ankamen, offensichtlich hatten sie einen schönen Abend gehabt und nicht eine der zuvor geäußerten Befürchtungen ist eingetreten.

Die Nacht war denkbar schlecht, meine Süße war irgendwie ständig wach und jammerte und war generell sehr unruhig. Ich versuchte mein Bestes, sie zu beruhigen und konnte sie mehr oder weniger bis halb 8 in Schach halten, bis der Große wach wurde. Ich war wie gerädert und hatte furchtbare Kopfschmerzen. Die Klimaanlage im Auto am Vortag hat mir einen völlig verspannten Nacken beschert, begünstigt durch den angespannten Nachmittag. Meine Ma wollte nach dem Frühstück unbedingt etwas unternehmen, aber ich konnte kaum meine Augen offen halten. Als ich auf keinen der Vorschläge einging und nur noch mit Gähnen antwortete, wurde auf Plan B umgeschaltet. Friedhofsbesuch und ich durfte mich noch mal hinlegen und eine Runde schlafen. Ich war wirklich dankbar, aber konnte es vermutlich nicht deutlich genug zeigen, weil ich einfach zu müde dazu war. Aber an diesem Punkt war mir alles egal, die Kopfschmerzen brachten mich um, da waren die stechenden Blicke meiner Ma nur ein Klacks.

Nach 2 Stunden komatösen Schlafs waren die Ausflügler wieder zurück und es gab Mittagessen. Danach warf ich mir 2 Ibus ein und die Kinder wurden zum Mittagsschlaf geschickt. Dann wurde die Schuleinführung geplant. Das heißt, meine Ma plante und mein Pa und ich durften nicken.

Das Thema verfolgt mich eh schon seit mehreren Monaten bzw. tut meine Ma das. Eine Freundin erzählte, dass sie letztes Jahr ihren großen Jungen eingeschult hatte und die anschließende Feier bei ihnen im Garten stattfand. Mir gefiel diese Idee, nur fehlt es uns am Garten. Also fragten wir den Bruder meines Mannes, der hat ein kleines Häuschen im Umland, mit Terrasse und Garten. Wir könnten grillen und viele Dinge selber machen und vorbereiten und das Kind hätte im Garten rumspringen und so seine Aufregung abbauen können. Alles war soweit fertig geplant, unklar war eigentlich nur, ob der Kartoffelsalat mit Gurken oder ohne sein soll und welche Biersorten wir kaufen. Nachdem wir aber vorletztes Wochenende bei meinem Schwager zum Geburtstag waren und da eine so grauslige Stimmung herrschte, dass mein Mann mehrere Tage brauchte, um sich wieder einzukriegen, verwarfen wir den Plan und wollten die Feier bei uns im Hof machen oder bei schlechtem Wetter bei uns in der Wohnung. Wäre zwar etwas kuschlig von den Platzverhältnissen geworden, aber trotzdem gegangen. Aber diese Variante, die sich in keinster Weise von der Schwager-Gartenvariante unterschieden hätte, lehnte meine Ma glattweg ab. Wir sollten doch in jener Gaststätte anrufen, vielleicht hätten die noch Plätze. Oder in dem anderen Restaurant, da ginge eventuell auch noch was. Alternativ würden sie bei ihrem Stammgriechen – wohlgemerkt in einer ganz anderen Stadt – nachfragen. Ich rief dann bei unserem Griechen an und konnte dort noch genügend Plätze reservieren.

Jetzt blieb nur noch die Nachmittagsgestaltung zu klären und das wollten wir eben an diesem Wochenende machen. Zusammen mit der Verteilung der Geschenke auf drei Schultüten: die elterliche, die großelterliche und die urgroßelterliche. Meine Ma packe alle Sachen auf den Tisch und verteilte dann ganz nach Belieben. Die große Legobox in ihre Tüte. Das kleine Lego in die urgroßväterliche. Dass ich dieses kleine Lego gerne als elterliches Geschenk genommen hätte, weil es einfach so supergut auf meinen Jungen passt, wurde übergangen. Und so wurden Sachen hin und her geschoben, immer begleitet mit den Worten „du musst sagen, wenn dir was nicht passt“, aber sobald ich den Mund aufmachte, wurde das entweder überhört oder mit „ach, das ist doch aber so viel besser“ abgeschmettert. Da die Ibus noch nicht ganz ihre Wirkung entfaltet hatten und es am Ende ja doch alles irgendwie meinem Kind geschenkt wird, verkniff ich mir den Streit an dieser Stelle. Nachdem meine Ma mit dem Aufteilen fertig war, durfte ich meinen Teil wieder einpacken, immerhin hatte ich den Piratensorgenfresser für unsere Schultüte gerettet! Den Fußballschal musste ich allerdings auch aufgeben. Meine Ma bemerkte, dass sie außer einem großen Lego gar kein Spielzeug in der Zuckertüte hat, also bot ich ihr eine Box mit Metallknobelspielen an. Nur widerwillig nahm sie diese, denn die Box würde ja in der Zuckertüte klappern.

Anschließend ging es um die Organisation der Feier. Sie fragte, ob ich denn Einladungen verschicken wolle. Wollte ich nicht. Denn meine Tante würde im Vorfeld ausführlich von meinen Eltern informiert, meine Cousine hat per WhatsApp bereits alle Daten erhalten und mein Schwager wurde von meinem Mann eingeladen. Meine Ma kramte drei Einladungskarten aus einer großen Kartenbox hervor und meinte, die verschickst du an die drei und schreibst dann rein, wo genau das Restaurant ist und wann es los geht. Zu diesem Zeitpunkt war ich so dankbar, dass die Ibus endlich wirkten und ich wider halbwegs geradeaus schauen konnte, dass ich die Karten eben einsteckte und sie demnächst bekrakeln werde.

Es blieb noch die Nachmittagsplanung. Meine Idee war, bei schönem Wetter eines der Wahrzeichen der Stadt zu besuchen und dort ein kleines Picknick zu veranstalten. Genug Wiese gibt es dort und eben auch öffentliche Toiletten und, so man möchte, eine fantastische Aussicht. Und nicht zu vergessen Parkplätze. Bei schlechtem Wetter gäbe es das Kaffeetrinken bei uns in der Wohnung, mit bereits oben erwähntem Kuschelfaktor, wobei ich wirklich sehr hoffe, dass halbwegs gutes Wetter ist. Der Kleene geht mir an so einem aufregenden Tag ein, wenn er sich nicht wenigstens einmal richtig austoben kann und das geht in der Wohnung eher schlecht. Meine Ma fand meinen Vorschlag irgendwie gut, aber eben auch nicht so richtig, weil irgendwie sollen wir auch bei schönen Wetter alles in der Wohnung vorbereiten. Die Erklärung habe ich nicht verstanden, ist aber auch egal, denn wir machen das jetzt so. Und wir SOLLEN DOCH BITTE DIE TAGE DAVOR GRÜNDLICHEN BUDENSCHWUNG MACHEN, damit es nicht wie Humbatz bei uns aussieht. So wie sonst immer, vergass sie zu erwähnen.

Zugegeben, bei uns herrscht das organisierte Chaos und weder mein Mann noch ich lieben Putzen. Dennoch muss niemand bei uns durch knöchelhohen Dreck waten oder muss Angst haben, sich seine Klamotten beim Setzen auf die Couch dreckig zu machen. Man kann bei uns nicht vom Boden essen – wobei, bei dem was die Kinder so beim Essen fallen lassen, könnte man durchaus davon satt werden, wenn einen die Katzenhaare nicht stören, die spätestens 5 Minuten nach dem Wischen wieder überall herumfliegen. Bei meiner Ma ist es immer und zu jeder Zeit OP-Saal-mäßig sauber und alles, was diesen Standard nicht erfüllt ist dreckig. Ich allerdings vertrete die Ansicht, dass 2 Kinder, 2 Katzen und ein Mann einfach soviel Leben in die Bude bringen, dass klinisch rein eine Illusion ist und man nur einigermaßen versuchen kann, dieses Chaos zu beherrschen. Wenn ich eine aufgeräumte Wohnung sehen will, kauf ich mir SCHÖNER WOHNEN!

Nachdem nun die Partyplanung abgeschlossen war, wurde beschlossen, dass wir noch in die Stadt fahren, Parkeisenbahn fahren. Ehrlich, ich bin es gewohnt, um die Ecke zu denken und auch Eventualitäten einzuplanen, aber manchmal bin ich echt überfordert. Wir warteten am Bahnsteig auf den Zug und sahen auf dem gegenüberliegenden Gleis einen Zug. Dessen vordere Passagierwagen waren überdacht, die hintere Hälfte war topless. So, wie ich meine Ma kenne, bevorzugt sie Schatten und mag nicht, wenn sie in der prallen Sonne sitzt. Also postierte ich mich am vorderen Ende des Bahnsteigs, in der Hoffnung, ein überdachtes leeres Abteil für uns zu ergattern. Meine Ma verteilte den Rest der Familie – Pa und sich selbst – strategisch auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr ein, ich fand tatsächlich ein überdachtes leeres Abteil, steig ein und winkte den Rest zu mir. Diese jedoch winkten zurück – aus einem nicht überdachten Wagen. Ich also mit der Süßen auf dem Arm und Wickelrucksack auf dem anderen zum anderen Abteil getrabt. „Mit Dach überm Kopf bekomme ich Beklemmungen.“
Ja ne, is klar. Hätte ich mich hinten postiert und ein freies oben rum offenes Abteil erkämpft, hätte sie vorne gestanden und ein überdachtes genommen. „Die pralle Sonne vertrag ich nicht so.“

Egal. Ich hab den Großen meine Kamera um den Hals gehängt und er hat freudestrahlend ein Bild nach dem anderen geschossen. Danach sind wir in einen Biergarten gefahren. Wir fanden ein schönes, schattiges Plätzchen weitab von der Band und den überlauten Lautsprechern. Die Band packte gerade zusammen und meine Ma fragte mich, ob denn in der Nähe der Bühne ein Tisch frei wäre. War keiner und bei meiner Suche stellte ich fest, dass die Lautsprecher ihrem Namen alle Ehre machten und laut waren, so laut, dass man nicht sein eigenes Wort verstand. Der Große war auf dem Spielplatz spielen, Pa war Getränke holen, ich begleitete die Süße bei Treppensteigversuchen. Meine Ma war also ca. 10 Minuten alleine. Zuviel. Kaum hatte mein Pa die Getränke abgestellt, wurde er losgeschickt, einen Platz in der Nähe der Bühne zu suchen. Er fand eine, winkte meine Ma heran, ich bekam das gerade so mit, weil die Süße eben wieder die Treppe heruntergekrabbelt war, Ich half also beim Gläser, Jacken und Taschen tragen und noch bevor wir Pas Tisch erreicht hatten, schwenkte meine Ma auf einen ganz anderen Tisch um. Weil da mehr Schatten war. Oder weiß der Geier.
Meine Ma jedenfalls saß jetzt perfekt, hatte alles im Blick, niemanden im Rücken und konnte sich trefflich über den wirklich gut erzogenen Hund zwei Tische weiter aufregen.

Als wir abends, nachdem die Kinder im Bett waren, noch gemütlich beisammen saßen, kam die Sprache aufs Geld. Meine Ma meinte, dass wir ja momentan ganz arg am Hungertuch zu knabbern hätten – haben wir nicht – und dass die Uroma tatsächlich was vererbt hätte. Ich bezweifle das ein wenig, drei Jahre im betreuten Wohnen werden wohl sämtliche Spareinlagen selbst bei der recht guten Witwenrente meiner Oma aufgefressen haben. Dennoch beharrten sie darauf, dass die Oma ihren drei Kindern jeweils 1.000 Euro vererbt hätte und meine Eltern würden ihren Anteil mit uns teilen. Ob das nun so ist oder nicht, ich wollte das Geld nicht so einfach im Alltag versumpfen lassen. Spontan kam mir die Idee, das Geld in irgendeiner Form anzulegen und dem Großen zugute kommen zu lassen. Zum Führerschein oder als Studienbeihilfe, was auch immer. Eben einfach nur für ihn, für später, wenn er groß ist. Ich dachte an ein Sparbuch oder Tagesgeldkonto, irgendetwas das sicher ist und vielleicht ein paar Zinsen abwirft. Wobei da das Sparbuch ja schon raus ist. Wie auch immer, bei meinen Eltern lagerte noch mein Sparbuch von anno dazumals mit dem sagenhaften Betrag von 66 Euro. Allerdings konnte dies nur durch mich persönlich aufgelöst werden. Und wenn wir schon mal bei der Sparkasse sind, können wir uns doch gleich beraten lassen, was es für Möglichkeiten für die 500 Euro gibt, die im Laufe der Zeit durch Geburtstagsgelder, Jugendweihen, Sommerarbeiten, etc. aufgepolstert werden könnten.

Mein Pa und ich sind also Montag nachmittag – meine Ma musste arbeiten – zur Sparkasse gegangen, haben mein Sparbuch aufgelöst. Das ging erstaunlich einfach, nur mussten die sagenhaften 66 Euro auf ein Girokonto überwiesen werden, Barauszahlung war nicht möglich. Ein versierter Bankberater hatte auch zufällig Zeit und beriet uns ganz trefflich, nämlich ohne irgendwelche Zinsraten, Gewinnspannen oder Fallstricke zu nennen. Auf dem Papier klang die Enkelvorsorgeversicherung echt super, in Echt hat sie einfach nur unzählige Fragen zurück gelassen. Anlagen mit Wertpapieranteil konnten nicht beraten werden, da dafür beide Erziehungsberechtigte, bzw. einer mit Vollmacht des anderen, hätte anwesend sein müssen. War mir eh ganz recht, denn der Große hatte den Hydroblumentopf mit den bunten Steinen im Büro des Beraters entdeckt, was wiederum die Süße veranlasste, alle Steine aus dem Topf anzulutschen. Wir bedankten uns für die Beratung, und gingen ohne etwas zu unterschreiben nach Hause. Dort angekommen stellten wir fest, dass Ma bereits dreimal angerufen hatte, augenscheinlich was wirklich Wichtiges. Mein Pa rief zurück, aber sie nahm nicht ab, vermutlich war sie einfach zu beschäftigt. Mein Pa verzog sich mit seinem Enkel in den Keller, sie wollten an einem Projekt basteln, irgendwas mit Holz, Räder und Farbe.
Als meine Ma erneut anrief, berichtete sie mir, dass einer ihrer Kunden auch Sparkassenberater wäre und er ihr ganz dringend von einer Anlage bei der Sparkasse abgeraten hätte. Ich meinte, wir würden am Abend, wenn sie zuhause wäre, in Ruhe darüber sprechen und das ihr Berater gar nicht so unrecht hätte. Sie schwafelte noch 2 Minuten, dass sie uns gerne vor unserem Termin bei der Sparkasse erreicht hätte, dann hätten wir uns den nämlich ersparen können. Ich sagte nichts mehr dazu.
Eine halbe Stunde später rief sie erneut bei uns an und erwischte meinen Pa und erzählte ihm dasselbe, woraufhin er meinte, wir würden das Ganze am Abend, wenn sie zuhause wäre, diskutieren.

Es wurde Abend, Ma kam heim, die Kinder gingen ins Bett, wir redeten über den Tag. Ich fasste die Ereignisse beim Berater zusammen, neutral und ohne Wertung. Meine Ma tickte aus, als hätten wir bereits irgendwas unterschrieben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich zuhause mit meiner Bank reden würde, mir deren Angebote erklären lassen würde. Zudem würde ich meinen unabhängigen Versicherungsmakler anrufen, wenn diese Enkelvorsorgeversicherung eine echte Versicherung wäre, dann hätte der bestimmt etwas ähnliches zu vielleicht besseren Konditionen im Angebot. Generell würden wir nichts überstürzen, ein oder zwei Monate mehr bzw. weniger würden das Kraut echt nicht fett machen. Meine Ma reagierte darauf gar nicht, sie war fest davon überzeugt, wir würden am nächsten Tag die Enkelvorsorge bei der Sparkasse unterschreiben. Sie lamentierte lang und breit, wie niemand auf sie hören würde und sie wüsste ja eh alles immer am Besten und wir würden nur auf die billigen Tricks der Berater hereinfallen.

An diesem Punkt wollte ich sie am liebsten anschreien: „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, ich bin mittlerweile erwachsen und durchaus in der Lage, vernünftige Entscheidungen alleine zu treffen!“

Hätte ich auch nur den geringsten Funken Hoffnung gehabt, dass es irgendwas bewirkt, ja irgendwas geändert hätte, wäre ich auf Konfrontation gegangen. So habe ich es sein gelassen, habe mich meinem Schicksal gefügt.

Ich war dieses Wochenende wieder das kleine Kind, dass keinerlei Macht über seine Eltern, um ehrlich zu sein, nur seine Mutter, hat. Dass sich gegen die Ungerechtigkeiten, die beiläufigen Verletzungen nicht wehrt, in dem verzweifelten Versuch geliebt zu werden. Wir haben an diesem Wochenende viel zusammen unternommen, beide Enkel stehen vor wichtigen Meilensteinen, die Anerkennung verdienen. Der Große versucht alles zu lesen, was ihm unter die Augen kommt. „Feuerwehrzufahrt“, „Speisekarte“, „Lisa (5) Berlin“ – fantastische Leistung für einen Vorschüler, fast nicht beachtet von der Oma.
Meine Süße lernt Wörter, vergisst dabei gerne das O. „ma“, „alle“, „ben“, „pa“, „Ja“. Sie kann sich verständlich machen, wenn man sich bemüht, ihre Wörter zu verstehen. Aber wenn „Oma“ nicht korrekt ausgesprochen wird, hat man schlechte Karten. Oma versteht nicht, dass man die halbe Nacht wach ist und jammert, weil gerade so ein furchtbar riesiger Backenzahn gerade den Durchbruch wagt. Sie versteht auch nicht, dass in einem solchen Moment die Mamabrust das einzig wahre Tröstliche ist. Stattdessen wird gefragt: „Muss das sein?“, „Kommt da überhaupt noch was?“

Ich könnte jetzt sagen, das wär mir alles egal, da steh ich drüber. Tu ich aber leider nicht. Ich mach mir nen Kopp.

Es gab einen Moment an diesem Wochenende. Wir saßen auf dem Balkon, die Kinder haben Mittagsschlaf gemacht. Es gab nichts zu bereden. Ich sah auf die Füße meiner Mutter und fand sie einfach nur hässlich. Ich blickte  nach oben, betrachtete sie. Ich versuchte, meine Gefühle für sie zu ergründen.  Ich finde dies immer am einfachsten, wenn ich mir vorstelle, ich wäre auf der Beerdigung dieser Person. Also stellte ich mir vor, was wäre, wenn ich meine Ma beerdigen würde. Was würde ich fühlen? Wäre ich traurig? Würde ich sie vermissen? Was würde sie bemerkenswert machen?

Meine Antworten erstaunten mich. Vor diesem Wochenende habe ich mir ganz ähnliche Gedanken gemacht, vor allem im Rahmen meiner Therapiesitzungen. Eigentlich war ich ganz stolz auf meine Ma, ich fand, sie hatte bestimmte Dinge ganz gut gemacht. Sie hat mir viel Vertrauen geschenkt, mich mit 16 bis 21 oder 22 Uhr rausgelassen. Mich nicht kontrolliert, vermutlich weil es damals keine Handies gab. Ich durfte mit 12 meinen eigenen ersten Computer kaufen, von meinem Ersparten, aber immerhin. Ich fand als Teenager so ganz generell meine Ma als ganz cool. Mein Pa war um Längen cooler, aber ist ja auch der Vater.

Ich betrachtete ihre Zehen und fand sie einfach nur abstoßend. Obwohl sie meinen eigenen so ähnlich waren, fand ich sie eklig. Ich sah mich in der Trauerhalle des örtlichen Friedhofs und nicht eine Träne wollte mir beim Anblick ihres Sarges/ihrer Urne über die Wange laufen. Immer wieder dachte ich mir, hey, das ist deine Ma, du musst doch trauern. Aber dieses Gefühl wollte einfach nicht kommen. Ich überlegte, ob ich sie vermissen würde und wenn ja, was? Ihre Umarmungen? Ihre Küsse? Ihr Verständnis? Ihre Ratschläge? Ihre Wärme?

Nichts von alledem! Nichts von alledem hatte ich als Kind erlebt.

Derzeit wäre sie ein Trauerfall wie meine 99-jährige Oma. Schade, dass sie geht. Gut, dass sie nicht leiden musste.

Und wie immer frage ich mich, ob es irgendetwas nützen würde, sie darauf anzusprechen. Und wie immer grätschte die Stimme meines Pa dazwischen. „Sie würde es nicht verstehen. Sie wüsste nicht, worüber du redest.“ – „Aber wie hältst du das aus?“ – „Ich lasse sie einfach machen. Für den Rest habe ich meinen Keller, meine Arbeit oder meinen MP3-Player.“

Vielleicht erlange ich irgendwann diese Bewusstseinsstufe, sie einfach machen zu lassen …

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Normal ist für andere

Am Freitag war die Beerdigung meiner Oma und wir hatten alles wie immer vorbereitet, nämlich scheinbar gar nicht. Das morgendliche Duschen und Stylen klappte noch wie geplant, aber dann wurden die Kinder wach und das Chaos nahm seinen Lauf.

Ständig wuselte der Große zwischen meinen Beinen rum, die Kleene nutzte die Gelegenheit der vielen offenen Türen und erkundete Flur, Küche, Bad und Katzenfutter und der Mann grummelte wie gewohnt vor sich hin. Ich packte die Taschen für die Kinder und mich, bereitete ein schnelles Frühstück vor und versuchte, nicht die Nerven zu verlieren.

Nach dem Essen wurde die Familie in die vorbereitete Kleidung gewandet, die letzten Sachen in den Taschen verstaut, kurz überlegt, ob wir was vergessen hätten und dann alles ins Auto verfrachtet. Mit nur einer halben Stunde Verspätung startete ich das Auto und hörte nur ein müdes Röcheln.

Großartiges Timing, so wie es sich gehört.

Auch weitere Versuche endeten nur in diesem unschönen Röcheln. Mein erster Gedanke war, dass die Batterie mal wieder den Geist aufgegeben hat. Zum Glück nutzte gerade die einzige mir bekannte Nachbarin das fantastische Frühlingswetter aus und hängte ihre Wäsche auf dem Trockenplatz hinter meinem Parkplatz auf. Ich sprach sie an, ob denn nicht ihr Mann oder der Mann ihrer Schwester zufällig zuhause seien und sie uns fix Starthilfe geben könnte. Wir hatten genug Vorlauf eingeplant, so dass in Panik verfallen noch nicht angezeigt war.

Leider waren beide Hoffnungsträger samt ihrer fahrbaren Untersätze auf Arbeit und ich kam ein wenig ins Schwitzen, was nichts mit der mir auf den Rücken prasselnden Sonne zu tun hatte. Allerdings meinte die Nachbarin, dass es da noch ihren Onkel gebe und der sei bestimmte zuhause. Prompt schickte sie ihre Tochter los und keine zwei Minuten später öffnete sich im Haus gegenüber im ersten Stock ein Fenster und ein Mann steckte seinen Kopf heraus und fragte, was denn los sei. Meine Erklärung wurde mit dem Hinweis quittiert, dass er schon helfen könne, er sich aber noch anziehen müsse und das könnte dauern.

Ich wollte schon abwinken und den ADAC anrufen, als es dann doch ganz schnell ging und besagter Onkel in der Haustür erschien und mich fragte, ob wir denn überhaupt Starthilfekabel hätten.

Immer diese schwierigen Fragen.

Wenn, dann maximal irgendwo im Kofferraum beim Ersatzrad, wo auch der Abschlepphaken und Wagenheber rumlungerten. Also den in bester Tetrismanier gepackten Kofferraum wieder ausgeräumt, beim Ersatzrad geschaut und festgestellt, dass, wenn da mal Kabel vorhanden waren, diese sich in Staub, Dreck und altes Laub verwandelt haben.

Wieder war ich gerade dabei, das Handy zu zücken und den Pannendienst anzurufen, als der Onkel samt Auto um die Ecke bog und freudestrahlend mit Kabeln winkte. Nun könnte man annehmen, dass ich wüsste, wie Starthilfe geht, immerhin brauche ich die mindestens einmal pro Winter, aber offenbar ist dies mein blinder Fleck. Der Onkel tat aber fachmännisch, klippste hier und da die Kabel an, startete sein Auto, dann startete ich meins – und hörte wieder nur das höhnische Röcheln.

Nach einer halben Stunde also doch der ADAC. Angerufen, dem netten Herren am Telefon das Problem geschildert und seinen Hinweis „in 60 Minuten ist jemand bei Ihnen“ als Anlass genommen, ihn zu bitten, ausnahmsweise das Ganze ein wenig dringlicher zu gestalten, da mittlerweile die Zeit doch ein wenig knapp wurde. Ich drängel sonst nie, weil es erstens nichts bringt und zweitens die gelben Engel auch nur ihren Job machen, aber unter diesen Umständen meinte ich, mal eine Ausnahme machen zu können. Der Telefonist zeigte sich verständnisvoll und versprach mir Hilfe innerhalb der nächsten 30 Minuten.
Gefiel mir gut, da wir damit immer noch im Zeitrahmen wären. Wir müssten zwar direkt zum Friedhof fahren und könnten nicht wie geplant vorher bei meinen Eltern vorbei schauen, aber ein wirkliches Problem war das nicht.

Nachdem sich das Gepäck bereits eine Weile sonnen durfte, entluden wir nun auch die Kinder. Der Große durfte im Sandkasten spielen mit dem Hinweis, sich bitte nicht allzu sehr dreckig zu machen, immerhin wollten wir noch zu der Beerdigung. Die Kleene tapste vorsichtig auf der Wiese rum und freute sich ihrer neu gewonnenen Freiheit.

Nach einer Viertelstunde bog ein weiterer Nachbar mit seinem Auto auf den Hof, sah unser offensichtlich havariertes Fahrzeug und bot seine Hilfe an. Er sei Kraftfahrer und hätte Ahnung. Mir war mittlerweile alles recht und ich ließ ihn gewähren. Er interpretierte das ominöse Röcheln als Fehler des Magnetschalters des Anlassers. Da müsste man vermutlich nur mal feste mit einem Hammer drauf hauen und alles würde wieder laufen. Zum Glück ist der Motorraum meines Auto mit vielerlei Plastikabdeckungen versehen, so dass der freie Zugang zum widerspenstigen Anlasser versperrt war.

Ich wurde so langsam nervös, da die angekündigte halbe Stunde seit 10 Minuten vorbei war. Eventuell fand der Engel die Zufahrt nicht, die ein wenig versteckt zwischen einem Blumenladen und einem Bäcker liegt. Ich begab mich also zwecks Einweisung zur Zufahrt und wartete dort. Als aus den 30 Minuten 60 geworden waren, bog endlich das ADAC-Auto ums Eck und ich geleitete es zu unserem Auto.

Der Mechaniker kannte mich bereits, vermutlich hatte ich beim letzten Mal einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Genauso wie der Sand auf den Klamotten meines Jungen, die in der Zwischenzeit und mütterlichen Abwesenheit ein einheitliches Grau angenommen hatten.
Während ich so gut wie möglich das Kindlein vom Staub befreite, klemmte der Autokenner ein Prüfgerät an die Autobatterie und meinte dann, dass mit 11 Watt (? – Frauen und Technik) Restleistung nichts mehr zu reißen wäre. Nachdem nun das Wunderding einmal angeschlossen war, sollte ich den Motor mal starten und siehe, das Kätzchen schnurrte wieder und dem Anlasser blieb die angedrohte Hammerbehandlung erspart.

Der ADACler wollte den Motor ein wenig laufen lassen und die Batterie aufladen, damit ich beim nächsten Motorabwürgen das Auto auch wieder starten kann (pah, als wenn mir das jemals schon passiert wäre [aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte]). Ich verbesserte meine Tetrisfähigkeiten und lud den Kofferraum wieder ein, die Beifahrer wurden auf die entsprechenden Sitze geschnallt und der Retter in Not stellte mir noch einen ich-war-da-und-habe-geholfen-Zettel aus.

Mit noch verbleibenden 55 Minuten bis zum Trauerfeierstart machten wir uns endlich auf den Weg. 75 Minuten später landeten wir am Zielort und bekamen wie durch ein Wunder direkt einen Parkplatz vorm Eingang. Jeder der Großen schnappte sich einen Kleinen und wir ranntengingen so würdig wie möglich zur Trauerhalle, wo wir uns leise hineinschlichen und in die letzte Reihe setzten. Der Trauerredner verlass gerade die letzten Sätze der sehr guten Rede, wie mir anschließend versichert wurde und dann setzte das Schlußlied ein, das es schaffte, uns innerhalb kürzester Zeit in die nötige Stimmung zu versetzen.

Nachdem die letzten Takte verklungen waren, sammelte die Gemeinschaft den Blumenschmuck ein und folgte dem Bestatter samt Urne zum Grab. Meine Oma hatte bei Opas Tod vor 19 Jahren ein 4er Urnengrab ausgesucht, damit sie dereinst neben ihrem Mann bestattet werden kann. Leider hatte es der Steinmetz nicht mehr rechtzeitig geschafft, den Grabstein mit den Lebensdaten der Oma zu versehen. Die Urne wurde im Grab versenkt und der Reihe nach warfen alle Anwesenden eigene Blumen und die vom Bestatter bereit gestellten Blüten ins Grab und verabschiedeten sich.

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Wir waren als letzte dran. Der Große war von der Auswahl an Blüten im Schälchen des Bestatters überfordert, wollte er doch die größte und schönste Blüte für das Grab haben. Außerdem traute er sich nicht, mehr als nur eine Blüte zu nehmen, was ich unglaublich rührend fand. Am Ende schaute er nochmals intensiv auf das Grab und murmelte „Tschüß Uroma“.

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Ursprünglich war geplant, anschließend gemeinsam Kaffee trinken zu gehen, aber die Pläne waren kurzfristig geändert worden und so machten wir uns kurz danach auf den Weg zu meinen Eltern.

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Nachdem wir ordentlich mit Kuchen und heißen Getränken vollgestopft worden waren, wollten meine Eltern noch in die Stadt fahren, die Uroma mit gescheitem Gerstensaft begießen. Die Stammkneipe meiner Eltern eignet sich sehr gut dafür, der Große kann draußen in der Fußgängerzone an den diversen Brunnen rumtoben und die Erwachsenen eine Kleinigkeit essen.

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Wir unterhielten uns über meine Großeltern, mein Papa erzählte, woran er sich noch erinnern konnte, an all die kleinen Schrullen und Angewohnheiten, die bekannten und unbekannten Anekdoten, den schon immer ausgeprägten Gesundheitswahn meiner Oma, an die verzweigte Familie und alte Freunde. Es tat gut, das alles zu hören und meinen Großeltern hätte es mit Sicherheit auch gefallen. Eine gern zum Besten gegebene Geschichte erzählt vom Renteneintritt meines Opa, wo er die gesamte Familie in einer Gaststätte versammelte und sagte, dass niemand nach Hause ginge, bevor nicht seine komplette erste Rente versoffen wäre. Nun ist unsere Familie recht groß, seine Rente war aber noch größer und so wurden nach einer langen Nacht am nächsten Tag alle wieder zum Mittagessen in die Schänke einbestellt 🙂

Pünktlich zum Sonnenuntergang machten wir noch einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt, etwas, dass sich immer wieder und zu jeder Jahreszeit lohnt.

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Am nächsten Tag traf sich die komplette Familie zum Mittagessen, wir tauschten die aktuellsten Neuigkeiten aus, bestaunten die Neuzugänge, bedauerten die Abgänge und genossen ganz generell die Gesellschaft und den ersten echten Frühlingstag dieses Jahres.

Für alle kleineren Enkel und Urenkel hatte meine Tante, die große Tochter der Oma, kleine Geschenke zusammengestellt, damit diese auch etwas hatten, was sie an die Oma/Uroma erinnern sollte. Meine Süße bekam einen großen, superkuschligen Teddy, den sie den ganzen Tag stolz durch die Gegend schleppte ❤

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P.S. An dem Wochenende sind noch viele andere nicht geplante Dinge passiert, aber es scheint, dass mein Tageserzählmaximum bei 1.500 Wörtern liegt.

Letztes Geleit

Morgen, einen Tag vor ihrem 100. Geburtstag, wird meine Oma beerdigt.

Um eine würdige Abschiednahme für die ganze Familie zu ermöglichen, renne ich seit Wochen in der Stadt rum, um für das große Kind gescheite schwarze oder wenigstens dunkle Klamotten zu erstehen.

Seltsamerweise war dies für mein Mädchen gar kein Problem, da gab es vor einigen Wochen zwei Kleider im Sonderangebot bei H&M. Ein schwarzes Samtkleid, absolut passend für den Anlass, für 5 Euro, und ein schwarz-weiß-gestreiftes Kleid mit schwarzem Bolerojäckchen für 7 Euro. Das Jäckchen kommt jetzt zum Samtkleid, darunter ein schwarzer Body, ebenfalls H&M, aber schon vor Ewigkeiten für den Italienurlaub gekauft. Dazu ein paar schwarze Strumpfhosen und ein paar dunkelblaue Stoffstiefel, Chucks nicht unähnlich und fertig ist die Trauerkleidung.

Nun ist es aber viel wichtiger, dass mein Junge angemessene Sachen trägt. Er war sehr mit seiner Uroma verbunden, besuchte sie viel und hat auch die Tage nach der traurigen Nachricht viel geweint. Deswegen möchte ich, dass er mit allem Drum und Dran Abschied nehmen kann, damit er sich später nicht ärgert, weil irgendwas nicht stimmte, ganz egal, ob die Konventionen überholt sind oder für Kinder nicht gelten.

Es scheint aber heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, ein schwarzes T-Shirt oder eine schwarze Jacke zu bekommen, auf dem/der kein unmögliches Bild oder überdimensionales Logo prangt. So bin ich auf ein dunkelblaues Poloshirt ausgewichen, zusammen mit einer schwarzen Jeanshose, die er schon im Schrank hatte, und einer schwarzen Fleecejacke, die wir mal in der herrenlose Fundsachenbox im Kindergarten gefunden haben.

Ich hoffe, dass ich damit die Ansprüche meines Kindes erfülle und er morgen in stimmiger Kleidung seiner geliebten Uroma das letzte Geleit geben kann.

Neunundneunzig

So alt war meine Omi, als sie letzte Nacht friedlich für immer eingeschlafen ist 😥

Und auch, wenn bei Menschen über Neunzig der Tod nicht mehr plötzlich und unerwartet kommt, war es bei meiner Oma doch überraschend. Bis zuletzt war sie erstaunlich fit, konnte sich größtenteils selbst versorgen und immer noch gut laufen. Erst vor drei Jahren kam sie ins betreute Wohnen, vorher lebte sie mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienst in ihrer eigenen Wohnung.

Mein Großer hatte von je her eine besondere Beziehung zu ihr. Er hat sie oft besucht, sie hatten ihre kleinen Rituale entwickelt, er durfte immer auf ihrem Rollator mitfahren und er hatte sogar ein paar Spielsachen bei ihr. Aufgrund ihres Alters, und vielleicht war es auch beginnende Demenz, ließ ihr Gedächtnis nach. Menschen, die sie selten besuchte, erkannte sie zwar noch als irgendwie bekannt, konnte sie aber nicht mehr zuordnen oder sich an den Namen erinnern. Ich war schon lange Zeit nur noch die Mama des Großen, mein Papa war ihr nur noch als ihr Sohn bekannt, aber meinen Großen nannte sie immer beim Namen.

Ich weiß noch nicht so richtig, wie ich ihm das beibringen soll, es ist der erste Todesfall in seinem bewussten Leben (seine andere Uroma starb, als er 1,5 Jahre alt war und er hatte sie nur einmal kurz gesehen). Der Tod gehört zum Leben dazu, ich werde das nicht vor ihm verheimlichen.

Am 11. April wäre meine Oma 100 Jahre alt geworden und wir hatten eine große Feier mit allen Familienmitgliedern geplant. Jetzt werden wir sie wohl an diesem Tag beerdigen, sich an ihr Leben erinnern und dieses feiern.

Mach’s gut, Omi!

Kurzurlaub

Großeltern sind toll, vor allem, wenn sie so gerne Großeltern sind wie meine Eltern*. Daher war es nur eine Frage der Zeit, dass ich mit den Kindern zu ihnen fahre und wir uns dort so richtig verwöhnen lassen. Da meine Eltern beide noch voll und dazu noch in Schichten arbeiten, ist es gar nicht so einfach, geeignete Zeitfenster zu finden. Da ich derzeit etwaige Betreuungslücken überbrücken kann, ist die Terminfindung zum Glück ein wenig entspannter.

Wir sind also gestern mit Sack und Pack hergefahren. Den Papa haben wir zu Hause gelassen, damit er sich mal richtig ausschlafen und erholen kann. Wir werden hier ein bisschen shoppen gehen und das schöne Wetter genießen, meine Heimatstadt hat einige hübsche Plätzchen und eignet sich hervorragend dazu. Eventuell besuchen wir noch die Uroma und den Uropa, mal schauen, was sich so ergibt. Und zwischendurch werden wir mit superleckerem Essen vollgestopft 🙂

Am Montag abend geht es wieder nach Hause, nach einem hoffentlich für alle erholsamen Wochenende.

* Was hat meine Ma früher getätert, ich solle bloß nicht jung schwanger werden, sie möchte nicht in ihrem (damaligen) Alter von ihrem Enkel quer über die Straße „Oma“ gerufen werden. So ändern sich die Zeiten 😉