Autoritätsproblem

Bei meiner ersten stationären Therapie bescheinigte mir die für mich zuständige Psychologin ein Autoritätsproblem, was ich vehement verneinte. Diese Verneinung sah die Psychologin wiederum als Bestätigung ihrer Diagnose. :/

Nun bin ich immer noch der Meinung, dass ich kein Autoritätsproblem habe, denn wie sonst könnte ich seit Jahr und Tag als Angestellte mit unterschiedlichsten Vorgesetzten erfolgreich zusammenarbeiten? Ich habe kein Problem damit, wenn mir jemand Anweisungen gibt und in der Regel befolge ich diese auch. Allerdings folge ich nicht willenlos wie ein Schaf, sondern ich mache mir schon Gedanken über die Sinnhaftigkeit meines Tuns. Würde mein Chef von mir verlangen, dass ich für den Rest des Monats nur noch Büroklammern sortiere, dann werde ich sehr wohl nachfragen, zu welchem Zweck ich dies tun soll. Ob das dann als Autoritätsproblem gilt, darf jeder für sich selbst beantworten, ich habe mich jedenfalls dagegen entschieden.

In letzter Zeit muss ich jedoch öfter an mein Autoritätsproblem denken und stelle mir immer wieder die Frage, ob denn die Psychologin recht hatte. Denn ich komme mit der Klassenlehrerin des Großen überhaupt nicht klar. Im Grunde halte ich sie für eine doofe Nuss.
Natürlich sage ich das nicht in der Gegenwart des Großen und halte mich auch sonst mit negativen Einschätzungen zurück, denn ich möchte den Kleenen ja nicht mit meiner Meinung belasten oder sein Verhältnis zur Lehrerin stören.

Gestern war wieder so eine Situation, die sofort meinen Blutdruck in die Höhe schießen ließ. Ich hatte am Wochenende den Ranzen ausgeräumt, alle Sachen durchgesehen, den Ferienanmeldezettel des Horts gefunden, ausgefüllt und wieder in die Postmappe gelegt, das Hausaufgabenheft und alle Schulmaterialien durchgesehen, mich ein wenig über die sehr ramponierten Schutzumschläge geärgert und alles wieder ordentlich für den Montag fertig gemacht. Am Montag selbst habe ich wieder alles durchgeschaut, festgestellt, dass der Hortferienzettel vom Hortpersonal gefunden wurde und die Postmappe wieder leer ist. Weitere Zettel oder Mitteilungen fand ich nicht.

Dennoch prangte gestern im Hausaufgabenheft in dicker grüner Tinte der Satz:

Unterschrift Deutschtest fehlt!

Mein erster Reflex war zu sagen: Und jetzt? Das ist ein toller Aussagesatz, aber was soll ich damit anfangen? Mal ganz abgesehen davon, dass ich nirgendwo einen zu unterschreibenden Deutschtest gefunden habe.

Ich dachte an mein Autoritätsproblem und versuchte herauszufinden, warum dieser olle Satz mich so nervte. Zum einen sicherlich, weil kein Deutschtest im Ranzen war, aber den konnte ja auch das Kind verschlampt haben, wofür die Lehrerin nichts kann. Zum anderen aber deswegen, weil es nur eine Feststellung ist, es aber eigentlich eine Aufforderung ist, die ganz wunderbar passiv-aggressiv verpackt wurde. Und den passiv-aggressiven Scheiß kenne ich von meiner Mutter zur Genüge, den brauch ich nicht noch von der Lehrerin. Zumal von einer Deutschlehrerin, die sich der Vielfältigkeit und Interpretationsfülle von Sprache bewusst sein sollte. Wäre es denn so schlimm, den Satz als Aufforderung zu formulieren?

Bitte Deutschtest unterschreiben!

Dies ist eine klare Ansage, eine höflich formulierte Bitte, nicht länger als die ursprüngliche Feststellung und ohne versteckte Anklage (du vergesslicher Elternteil hast dich nicht gekümmert und jetzt fehlt die Unterschrift). Ich könnte daraufhin schauen, wo der Deutschtest geblieben ist, ob ihn das Kind nur vergessen hat einzupacken oder ob ich ihn in dem Wust von Kinderzeichnungen, Sachkundearbeitsmaterialien und der Papierfliegerarmada übersehen habe. Ich würde dies tun, ohne mich in die „du hast das verschlampt“ Ecke gedrängt zu fühlen.

So aber bin ich automatisch im Abwehr- und Rechtfertigungsmodus, was mich extrem nervt.

Diesen Satz hatten wir jetzt übrigens schon mehrmals im Hausaufgabenheft, weil ich tatsächlich oft vergesse, jeden Tag in die Postmappe zu schauen. Ich finde das auch nicht dramatisch, weil ich der Meinung bin, dass niemandem ein Zacken aus der Krone fällt, wenn der Test erst eine Woche später unterschrieben zurück geht. Ändert am Ergebnis ja eh nix mehr.

Schön war auch die Aufforderung im Hausaufgabenheft, dass wir mit dem Großen doch bitte Schreiben üben sollen, weil seine Handschrift noch sehr krakelig und unleserlich ist. Ich habe ungelogen 10 Minuten gebraucht, um den Satz zu entziffern, denn er sah vom Schriftbild her sehr schön und gleichmäßig aus, war aber einfach nur unleserlich, was nicht zuletzt an der dicken grünen Tinte lag, die die einzelnen Striche ineinander verlaufen ließ. Zugegeben, die dadurch entstandene Ironie hat mich mehr amüsiert als aufgeregt.

Mein persönliches Highlight ist bislang allerdings ein Satz aus dem Zwischenzeugnis.

Das Kindlein hatte im Herbst eine sogenannte Projektwoche, auf die uns die Lehrerin mit einem Zettel hinwies und auf dem stand, was die Kinder für Materialien bräuchten und wie es ablaufen sollte. Unter anderem stand da, dass die Kinder bis zur 4. Stunde Unterricht haben. Ich packte also den Ranzen und schickte das Kind damit zur Schulprojektwoche. War aber falsch, denn da hätte ein Rucksack mit Federmappe und Hausaufgabenheft genügt.

Weil ich wissen wollte, ob ich schlicht zu doof für die deutsche Sprache bin, hab ich den Zettel bzw. dessen Inhalt bei Facebook gepostet und meine Freundescrowd gefragt, wie diese den verstehen würde. Die jüngeren Bekannten und die projektwochenerfahrenen Wessis hatten ihn im Sinne der Lehrerin interpretiert, die nur im Osten zur Schule gegangenen so wie ich. Der Text war schlicht nicht eindeutig formuliert.

Mir tat mein Junge leid, weil er sich den einen oder anderen doofen Kommentar wegen meines Falschpackens anhören musste. Nachdem ich ihm das so gut es ging erklärt habe, war er es zufrieden und hat mir meinen Fehler auch schnell verziehen.

Irgendwann hatte ich unabhängig davon im Montagmorgenpackstress vergessen, eines der 5 verschiedenen Deutschhefte einzupacken, was natürlich sofort mit einem dickgrüntintlichen Satz im Hausaufgabenheft quittiert wurde. Ich ärgerte mich natürlich darüber, aber der Ärger war nichts im Vergleich zu dem, was ich empfand, als ich das Zwischenzeugnis las. Nach einer längeren, im Allgemeinen guten Einschätzung des Kindes stand als Abschluss:

Leider hat K. nicht immer die erforderlichen Unterrichtsmaterialien parat.

Ernsthaft jetzt? Wegen EINES vergessenen Heftes und EINMAL Ranzen statt Rucksack steht jetzt dieser Satz für alle Zeit auf dem Zeugnis? Der Satz, der so klingt, als würde ich den Kleenen jeden Tag nur mit einem Blatt Papier und einem angenagten Bleistift in die Schule schicken. Leider gab es seitdem keinen Elternabend mehr, denn dazu hätte ich der Lehrerin gerne ein paar Takte gesagt!

Aber die Frau ist eh ein wenig weltfremd. Der Kleene trägt den Spitznamen „Kleener“ nicht nur, weil er im Vergleich zu uns so klein ist, sondern weil er auch im Vergleich zu Gleichaltrigen ein wenig kleiner ist. Außerdem ist an dem Kerl nix dran, da kannste Klavier auf den Rippen spielen. Ich bemühte mich daher, seinen Schulranzen so leicht wie möglich zu packen und eine Maßnahme war, ihm seine Trinkflasche leer mitzugeben und er füllt sie dann am Waschbecken im Klassenzimmer auf.

Das wiederum fand die Lehrerin überhaupt nicht witzig. Das Kind durfte seine Flasche nämlich nicht am Waschbecken auffüllen, da die Lehrerin der Meinung war, das Wasser wäre mit Bakterien verseucht und überhaupt nicht zum Trinken geeignet, weil die Wasserleitungen total veraltet sind.

Ja ne, is klar. Eine vor 20 Jahren modernisierte Schule, eine Wasserleitung, aus der regelmäßig Wasser entnommen wird, ein dichtes Kontrollnetz gerade bei öffentlichen Einrichtungen, aber das Wasser ist bakterienverseucht. Immerhin hat sie ihm Wasser aus ihrer Wasserflasche abgefüllt. Seltsamerweise darf er im Hort, zwei Stockwerke darunter, Wasser aus dem Wasserhahn nehmen und die Hortner schüttelten nur mit dem Kopf, als ich mich wegen des Wassers erkundigte.
Wie auch immer, seitdem muss das Kind jetzt jeden Tag mit einem halben Kilo zusätzlich auf dem Rücken zur Schule laufen :/

Und dann war noch die Füllergeschichte. Beim allerersten vorbereitenden Elternabend wurde uns mitgeteilt, dass die Kinder zunächst mit Bleistift schreiben lernen und erst, wenn sie das gut können, auf Füller gewechselt wird. Typischerweise findet das um Weihnachten herum statt, so dass es sich anbietet, den ersten Füller als Weihnachtsgeschenk zu präsentieren. Wir würden aber vorher entsprechend informiert und das Kind erhält einen sogenannten Füllerpass und erst mit diesem Pass wäre ihm erlaubt, auch mit Füller zu schreiben.

Wir warteten auf den Füllerpass, aber Weihnachten und Neujahr, sogar die Winterferien vergingen, ohne dass das Thema Füller aufploppte. Beim Durchsehen der Postmappe fand ich eines schönen Donnerstags einen Zettel, dass die Kinder ab Montag mit Füller anfangen zu schreiben. Datiert war der Zettel auf den vergangenen Dienstag. Da ich tags zuvor die Postmappe ebenfalls kontrolliert habe, wusste ich, dass der Zettel wirklich erst am Donnerstag da reingelegt wurde. Blieben uns also 2,5 Tage zum Füllerkauf. An diesem Abend war es bereits zu spät zum Einkaufen, am Freitag ist Fußballtraining und den Sonnabend hatten wir komplett verplant. Mir blieb also nichts weiteres übrig, das Risiko einzugehen, einen erneuten grünen Eintrag ins Hausaufgabenheft zu bekommen, weil das Kind am Montag füllerlos in der Klasse auftauchte.

Als ich das Kind am Montag von der Schule abholte, fragte ich, ob sie denn schon mit dem Füller geschrieben hätten. Das Kind verneinte, denn es hätten zu wenige Kinder überhaupt einen Füller dabei gehabt.
Puhh, waren also auch andere Eltern von der Kurzfristigkeit des Anliegens überrascht worden.

Ich bin direkt an diesem Montag mit dem Kind in die Stadt gefahren und wir haben im gut sortierten Einzelhandel jede Menge Füller probiert, bis wir zwei fanden, die dem Kind gut in der Hand lagen, nicht den Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens hatten und vom Design her den hohen kindlichen Ansprüchen genügten. Wir kauften dazu auch ein Glas mit 100 Tintenpatronen, denn man kann ja nie wissen.
Stolz packte ich die Füller in die Federmappe und freute mich, dass mein Kind bei der morgigen Frage nach dem Füllerbestand die Hand heben konnte.

Ich fragte am nächsten Tag nach, ob sie denn heute mit dem Füller geschrieben hätten. Das Kind verneinte erneut. Nach zwei Wochen verneinte es immer noch, da sie noch nicht alle Buchstaben gelernt hatten. Nach drei Wochen auch.
Aber bloß gut, dass wir den Füller so dringend besorgen mussten.

Einen Füllerpass haben wir übrigens bis heute nicht zu sehen bekommen.

Aber hey, liegt bestimmt alles nur an meinem Autoritätsproblem.

© Foto von Flickr/Roberto Verzo „Teacher“, (CC BY-NC-ND 2.0)

Chop Suey

Ich hatte imer schon viele und intensive Träume, aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass die Träume an Intensität und Absurdität nochmals heftig zugenommen haben. Diese Träume wirken noch weit bis in den Tag hinein, der heutige ganz besonders, weswegen ich ihn jetzt aufschreibe.

Es beginnt an einem Sportplatz. Von dem Platz habe ich früher bereits geträumt, er ist nicht real existierend, soweit ich weiß, sondern setzt sich aus verschiedenen Plätzen zusammen. Es hat sich eine größere Gruppe Menschen verabredet. Was die ursprüngliche Intention der Verabredung war, weiß ich nicht mehr, aber ich bin pünktlich da, lächle erwartungsfroh in die Runde. Es wird beschlossen, dass wir alle in die nahe gelegene Schwimmhalle gehen.

Dort angekommen ziere ich mich, ich mag mich nicht im Badeanzug zeigen. Ich beschliesse, ganz schnell ins Wasser zu gehen, denn dort sieht man nur meinen Kopf und kann nicht mehr über die Cellulite lästern. Ich plansche ein wenig am Beckenrand, während die große Masse wie wild durchs Wasser tobt.

Spontan wechseln wir alle in ein anderes Becken mit Sprungturm, wo ich den anderen vom Rand aus zuschaue. Ich würde auch gern springen, aber erstens müsste ich mich dann wieder zeigen, sehr exponiert dieses Mal sogar, und zweitens sind mir die Springer zu wild. In endloser, dicht gedrängter Abfolge stürzen sie sich wild durcheinander von den Plattformen, schauen nicht mal, ob im Wasser genügend Platz ist.

Die Szene verschwimmt und plötzlich stehen gedeckte Tische wie in einem Restaurant neben dem Sprungbecken. Links dahinter geht es in die Umkleide, die mit den Sachen der Beteiligten vollgestopft ist. Seltsamerweise gibt es statt Sitzbänken nur Toilettenbecken, alle nebeneinander, ohne Trennwände oder gar Türen. Ich möchte mich umziehen und auch gerne aufs Klo, aber mir sind das zu viele Menschen. In einem günstigen Moment, als tatsächlich niemand in der Umkleide ist, verriegel ich die Tür, was seltsamerweise geht, erleichter mich und ziehe mich um, während die anderen von draußen wild an die Tür klopfen, teilweise sogar versuchen, die Tür aufzubrechen.

Als ich fertig bin, öffne ich die Tür und mir purzeln mehrere Menschen entgegen, zu perplex um noch wütend zu sein. Mit zwei anderen, einer Frau und einem Mann, setze ich mich an einen der Tische. Die beiden sind mir nicht bekannt, scheinen aber vom Gefühl her Freunde zu sein. Wir schauen in die Karte, die vornehmlich fernöstliche Gerichte auflistet, doch ich kann mich für keines der Gerichte entscheiden.

Der asiatisch aussehende Kellner kommt und nimmt die Bestellung der anderen beiden entgegen, während ich verlegen auf die rot-weiß karierte Tischdecke starre und darum bitte, noch ein wenig nachdenken zu dürfen. Der Kellner nickt und geht.

Zehn Minuten später bringt er drei Gerichte, die zwei bestellten und eines für mich, obwohl ich mich immer noch nicht entschieden habe. Ich protestiere lautstark auf Englisch, worüber ich mich kurz wundere, denn bei der Bestellung haben alle Deutsch geredet. Der Kellner redet ebenfalls Englisch, also wird es schon so passen. Ich bestelle dann das gleiche Gericht wie die Freundin.

Während ich auf mein Essen warte, steht das dritte Gericht noch vor mir und ich esse davon. Als der Teller halb leer ist, fällt mir auf, dass ich nur Soße auf dem Teller habe, der Reis oder sonstige feste Bestandteile fehlen. Als der Kellner mit meinem Essen kommt, ist es das Falsche, worüber ich mich beschwere, ebenso wie darüber, dass beim ersten Versuch nur Soße geliefert wurde, wieder alles auf Englisch. Dabei mache ich einen Grammatikfehler, den alle inklusive mir bemerken und wir kurz betreten schweigen. Der Kellner erklärt auf deutsch, dass er mir nun mein bestelltes Gericht bringen würde. Wieder warte ich, wieder esse, diesmal vom 2. Gericht und stelle erneut fest, dass nur die Soße auf dem Teller ist, diesmal allerdings mit Hühnchenfleisch.
Mittlerweile bin ich pappsatt und mag nicht mehr auf mein eigentliches Essen warten.

Die Szene verschwimmt erneut. Diesmal stehe ich auf dem Balkon meiner Eltern und schaue in den Garten hinterm Haus. Es rückt eine Baumannschaft an und planiert die eine Hälfte des Gartens. Es werden dicke Holzbohlen auf dem Boden verlegt. Ich drehe mich um, um dies meinen Eltern zu sagen und als ich wieder in den Garten schaue, steht da ein herrlicher Pavillon aus Holz und Glas, sehr hell und innen mit bunten Lichtern geschmückt. Dieser grellbunte Eindruck wird allerlei im Inneren verteilten Schnickschnall verstärkt. Neugierig wie ich bin, möchte ich mir das aus der Nähe anschauen und betrete den Pavillon.

Doch die Szene ändert sich schlagartig, der Pavillon ist verschwunden, dafür stürzt eine Freundin von hinten auf mich zu, verliert das Gleichgewicht. Ich kann sie gerade so noch auffangen und verhindern, dass sie in scharfkantigen Stacheldraht fällt, der vor dem Zaun hinter mir liegt. Ich stauche die Freundin zusammen, wie sie so verrückt sein kann und dass sie hätte sterben können und was sie sich dabei gedacht hat …

Der Wecker klingelt.

Selbst jetzt, einen halben Tag später blitzen immer wieder Bilder aus dem Traum vor meinen Augen auf, die Karos der Tischdecken, der Stacheldraht, die Umkleide. Ich versuche die tieferliegende Bedeutung des Traums zu ergründen, aber so recht erschließt sich mir keine Erklärung.

Mal schauen, was der nächste Traum so bringt.

©Foto von Flickr/Dennis Dixon „Guey Lon Chop Suey“, (CC BY-NC-ND 2.0)

 

 

Breikost

Seit drei Wochen versuche ich, meinem Mädchen die Vorzüge von Breinahrung nahe zu bringen. Ich find die ehrlich sehr lecker, zumindest einige Sorten wie Pastinake oder Kürbis oder beides in Kombination mit Kartoffeln. Da ich jetzt eher nicht so das Hausmütterchen bin, greife ich auf die praktischen Gläschen der Drogerieeigenmarken zurück. Die sind preiswert, aus biologischem Anbau und die Gemüsesorten ab dem 4. Monat sind ohne Zucker oder andere doofe Zusätze.

Meine Süße findet die Breie auch voll toll, weil man herrlich mit den Fingern darin rummatschen kann und falls doch mal ein Löffelchen seinen Weg in den kindlichen Mund gefunden hat, kann man den Inhalt wunderbar wieder herausprusten. Genau so, als wenn man jemandem geräuschvoll die Zunge rausstreckt. Ganz großes Kino.

Mit ganz viel Mühe schafft die Kleene es wenigstens einmal am Tag, so zwei oder drei große Löffel, verteilt auf viele kleine Portionen, Brei zu sich zu nehmen. Manchmal macht sie sogar den Schnabel richtig weit auf, wenn sie den Löffel sieht, aber ich muss dann sehr schnell und treffsicher den Löffel im Mund versenken, sonst klappt die Ladeluke wieder zu und nur die äußerste Löffelspitze hat den Weg ins Ziel gefunden. So richtig optimal ist das nicht.

Das mit dem Trinken funktioniert gar nicht. Zur U2 oder U3 hatten wir vom Kinderarzt ein Starterpaket bekommen und darin war auch eine Flasche mit Sauger, welche wir für die ersten Trinkversuche nutzen. Ganz doofe Idee. Der Nubbel fühlt sich zwar entfernt wie eine Brust an, aber der Inhalt entsprach überhaupt nicht den Vorstellungen. Ich habe dann also breitere Sauger, die wie Aufsätze für Schnabeltassen aussehen, geholt und damit hatten wir minimal bessere Erfolge. Da wird zwar das Wasser rausgesaugt, aber nicht geschluckt, sondern einfach so aus dem Mund wieder rauslaufen gelassen.

An sich könnte mir das alles egal sein, ich habe keine Eile mit dem Füttern und Trinken, mich stört das Stillen nicht. Aber leider stehe ich ein wenig unter Zeitdruck.
So hatte ich ja für Juli diesen Jahres eine Vorladung als Schöffe für drei Verhandlungstermine erhalten, welche ich aber mit der Begründung, dass meine Süße zu diesem Zeitpunkt noch viel zu klein ist, um mehr als zwei Stunden ohne mütterliche Versorgung auszukommen, absagte. Zudem bat ich darum, aus eben diesem Grund von weiteren Terminen bis zum Ablauf der Elternzeit im März nächsten Jahres abzusehen.
Den ersten Teil hat der bearbeitende Gerichtsdiener verstanden, den zweiten jedoch nicht und so flatterte mir im August eine Vorladung für einen Gerichtstermin am 25.11. in den Briefkasten. Ich überschlug im Kopf, wie weit das Kindlein dann sei und kam zu dem Schluss, dass es bis dahin eigentlich mit Brei und Tee ganz gut über die Runden kommen müsste und schickte die „Ich bin dabei“-Bestätigungskarte ans Gericht.

Nach dem Ausbleiben von großartigen Erfolgen oder nennenswerten Fortschritten, was die externe Versorgung des Babies angeht, bin ich derzeit eher weniger optimistisch, mich in fünf Wochen für einen kompletten Tag verabschieden zu können. Außerdem bin ich ratlos, was ich machen soll.
Abwarten und hoffen, dass es sich bis dahin gibt? Dem Gericht Bescheid geben, dass sie sich doch bitte um einen Ersatz kümmern sollen? Noch eine Woche warten und dann Bescheid geben?

Einerseits bin ich schon neugierig, wie das bei Gericht ist, aber dann den ganzen Tag voller Sorge ums Kind dem Verfahren beiwohnen ist wohl auch nicht das Gelbe vom Ei. Mein Mann kann mich ja nicht mal eben so aus der Verhandlung rauszerren, da müsste das ganze Verfahren neu aufgerollt werden, neuer Schöffe, neuer Termin und dass, wo die bei Gericht eh kaum freie Termine haben.

Gna, ich find die Situation gerade völlig unmöglich *seufz*