Grenzenlos

Aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute einem Erziehungsthema und meinen Erfahrungen damit und meinen Gedanken dazu widmen.

Grenzen sind eine tolle Sache. Es gibt Ländergrenzen und Stadtgrenzen. Unser Sonnensystem hat eine Grenze, genauso wie eine Zelle. Gesellschaftliche Grenzen wurden über Tausende von Jahren innerhalb von Bevölkerungsgruppen gefestigt und sind heute als Gesetze erfasst. In meiner Noch-Firma gibt es sogenannte Spielregeln, an denen sich die Mitarbeiter im Umgang miteinander orientieren können. Im Straßenverkehr gibt es Vorschriften und viele davon regeln weltweit gültig den Verkehr.

Und wie Leitplanken auf einer Autobahn vermitteln Grenzen Sicherheit und geben einen Rahmen vor, innerhalb dessen man sich ausprobieren und entfalten kann. Man kann diese Grenzen austesten und mitunter sogar verschieben, muss aber in jedem Fall mit den Konsequenzen leben, positiv wie negativ.
Besonders Kinder, die gerade die Welt entdecken, benötigen die Sicherheit, die ihnen diese Grenzen geben. Nur so können sie furchtlos in alle Ecken kriechen, an neuen Dingen lutschen. Meine Süße beispielsweise muss sich immer wieder durch Blicke in meine Richtung versichern, dass es ok ist, was sie macht, dass ich auf sie aufpasse und sie vor drohenden Gefahren bewahre. Dabei steigt die Entfernung, die sie als sicher empfindet mit jedem Tag. Das wird aber nur möglich, weil sie sich sicher sein kann, dass ich sofort da bin, wenn sie unsicher wird.

Genauso wichtig wie die Regeln bzw. die Grenzen an sich, ist die konsequente Einhaltung. Kinder, die nur linear denken können, die abstrakte oder verwinkelte Gedankengänge nicht nachvollziehen können, brauchen klare Ansagen. Nein! Leg dich hin! Nicht in die Steckdose fassen! Das hast du gut gemacht!

Dabei muss das Nein, welches hier für sämtliche Grenzen steht, so lange wiederholt werden, bis das Kind es verstanden hat. Egal, wie laut es schreit oder wie oft es sich auf den Boden wirft. Das Kind will natürlich die Grenzen austesten, will schauen, wie weit es gehen kann, will sich ausprobieren. Weswegen man nicht jede Kleinigkeit reglementieren sollte, sondern nur die wirklich wichtigen. Welche einem als Eltern wichtig sind, entscheidet jeder für sich. Dem einen blutet vielleicht das Herz beim Anblick eines zerrissenen Buches, dem anderen ist der reinweise Sofabezug heilig.

Natürlich ist das erste Nein, die erste Grenze ein Weltuntergang für das Kind. Ebenso natürlich ist es für die Eltern schwer zu ertragen, wenn dicke Tränen über die kindlichen Wangen kullern, doch sollte man genau jetzt standhaft bleiben. Die ersten „Grenzkämpfe“ sind relativ schnell vorbei, so oder so, stellen aber die Weichen für die Zukunft. Hier lernt das Kind, ob es sich auf elterliche Ansagen verlassen kann, oder ob diese je nach Bedarf aufgeweicht werden. Jetzt nachgeben signalisiert dem Nachwuchs, dass es machen kann, was es will. Das mag im ersten Moment eine schöne Erfahrung für ihn sein, aber in der späteren Konsequenz wird er sich wie eine rollende Kugel auf einer endlosen Ebene fühlen: haltlos.

Es mag Eltern gerade am Anfang helfen, dass für Kinder so ziemlich alles ein Weltuntergang sein kann. Für unseren Großen war das Ende der Welt nahe, als er aus seiner Tüte alle orangenen Gummibärchen gefuttert hatte, obwohl noch alle grünen, weißen und roten drin waren. Oder das die Wagen seiner Holzeisenbahn nicht in der richtigen Reihenfolge angeordnet waren. Oder das in seiner Buchstabensuppe nur Ws und keine Ms drin waren.

Genauso wichtig finde ich, sich zu überlegen, welche Grenzen man ziehen will. Jede Grenze bedeutet mitunter auch einen Kampf, jedes Mal, wenn diese Grenze erreicht wird, gerade, wenn diese Regel vom Kind nicht nachvollzogen werden kann. Außerdem kann sich ein Kind nur eine begrenzte Menge an Regeln merken. „Nicht an oder mit Steckdosen spielen.“ ist eine relativ eindeutige und notwendige Regel, auch wenn es ganz supertolle Steckdosensicherungen gibt. „Einem Auto wird kein Kleid angezogen.“ halte ich eher für unsinnig, ganz egal wie teuer das Auto oder Kleid war. Das Spielzeug gehört dem Kind (vorausgesetzt dem ist so), also darf es damit machen, was es will. Und wenn es es kaputt machen will, dann ist es eben so. Zudem lernt es nebenbei noch zwei weitere wichtige Lektionen: nicht alle Dinge sind reparabel und nicht alles ist endlos verfügbar.
Man sollte als Eltern, eventuell auch mit den Großeltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen, gemeinsam entscheiden, welche Regeln für das Kind gelten. Die Situation muss nicht unnötig dadurch verschärft werden, dass das Kind sagt, aber bei Papa oder Oma darf ich das.

„Aber ich will mein Kind nicht reglementieren und so in seiner freien Entfaltung stören!“ Kannst du ja gerne machen, aber dann hat dein Kind eben ein scheiß Benehmen. So wie Max im Krankenhaus. Sobald etwas nicht nach seinem Willen ging, verfiel er in einen absoluten Wutanfall. Er brüllte so lange mit voller Lautstärke, bis die Eltern einknickten und seinem Willen nachgaben. Dazwischen kamen von Mama immer wieder leise „Zschzschzsch, sei doch bitte ruhig, ja?“ oder gegen Ende nur noch resignierte Seufzer. Ich wäre da schon lange eingeschritten und hätte Stop gesagt, wenn das mein Kind gewesen wäre.

Aber woher soll das Kind auch wissen, was es machen darf. Wenn Mama verängstigt fragt: „Mag der Max sich jetzt mal hinlegen?“ Natürlich mag der Max gerade nicht, welches Kind will schon freiwillig schlafen. Stattdessen brüllt sich der Max lieber die Seele aus dem Leib, während Mama bettelnd fragt und fragt.
Das Max durchaus in der Lage ist zu begreifen, was seine Eltern von ihm wollen, zeigte sich, als seine Mama in einem Anfall von Inspiration zu ihm sagte: „Leg dich hin und schlaf.“ Zack, Max legte sich hin und versuchte zu schlafen.

Wär mir ja alles egal gewesen, wenn durch diese fehlenden Grenzen Max nicht so dermaßen unsicher gewesen wäre, dass seine Eltern keinen Meter von seinem Bett weichen durften und Fremde, schon gar keine mit weißen Kitteln, durften nicht näher als zwei Meter an sein Bett, ohne das es im Gebrüll endete.. Dies ging soweit, dass sich seine Mama zwei Stunden lang den Toilettengang verkniff, weil Max es ihr „verboten“ hat. Sie fragte ihn, ob es ok wäre, wenn sie mal kurz aufs Klo geht. Max fing sofort an zu weinen und als die Mama probehalber einen Schritt Richtung Bad ging, folgte der Wutanfall. Also blieb Mama solange am Bett stehen, bis Max eingeschlafen war.

Es macht einen Unterschied, ob ich meinem Kind erkläre, dass ich mal fix aufs Klo verschwinde, aber ganz bestimmt gleich wieder komme oder ob ich es frage, ob es in Ordnung ist, dass ich mal fix aufs Klo verschwinde. Bei Letzterem lasse ich zu, dass mein Kind mich erzieht statt andersrum. Bei ersterem wird das Kind anfangs unsicher sein, aber wenn ich wirklich fix zurückkehre, dann zeige ich meine Verlässlichkeit.

Die halbe Nacht brüllte Max nach seinem Papa, die andere Hälfte brüllte er einfach nur so. Er brüllte, als eine Schwester mit einem Ohrthermometer seine Temperatur messen wollte. Er brüllte, als selbige Schwester das Bett richtete. Er brüllte und brüllte, bis die Schwester mal eine Bemerkung Richtung Mama machte, dass diese doch bitte mal eingreifen und eine klare Ansage machen sollte. Was diese aber nicht tat. Entnervt rollte die Schwester, die sich wirklich alle Mühe gab, mit den Augen. Und Mama wunderte sich, dass die Schwestern ihr eher kühl begegneten.

Bitte helft mit, dass es weniger Maxe auf dieser Welt gibt 😉