Anna

Diese Geschichte ist nicht schön und hat kein Happy End. Sie handelt von Missbrauch und kann evtl. triggern.

——————————————————————-

Leise öffnet sich die Zimmertür. Ein schmaler Lichtstreifen, der langsam größer wird, fällt vom Flur herein. Sie hört die Schritte nicht, aber das Knarzen einer Diele weckt sie auf. Verschlafen blinzelt sie ins Licht. Die Zimmertür wird geschlossen, die Diele knarzt erneut und sie merkt, wie sich jemand auf ihr Bett setzt. Jemand Großes. Die Nachttischlampe wird angeknipst.
„Vati, was ist denn?“ murmelt sie müde und setzt sich auf.
„Nichts“, beruhigt er sie. Er streicht ihr sanft über den Kopf, fährt bedächtig über die Haare, bis seine große, fleischige Hand auf ihrer Schulter zum Liegen kommt.
„Ich möchte schlafen, ich bin müde.“
„Anna, weißt du, wie schön du bist?“
„Bin ich?“
„Ja, bist du. Jetzt, wo du zu einer richtigen Frau wirst, sogar noch mehr.“ Seine Hand gleitet weiter über den Rücken hinab.
„Vati?“
Er reagiert nicht. Stattdessen wandert seine Hand auf ihren Bauch und von dort nach oben.
„Ich möchte das nicht.“
„Gefällt es dir etwa nicht?“
„Es ist mir unangenehm.“
„Magst du mich denn nicht?“
„Doch, aber mir ist das peinlich.“
„Das muss dir nicht peinlich sein. Ich mag dich sehr und das ist meine Art, es dir zu zeigen.“
Er streichelt weiter ihre gerade knospenden Brüste.
„Vati, ich will das nicht.“
„Ach komm, was soll das. Dir gefällt das auch, du weißt das nur noch nicht.“
Er nimmt ihren Kopf in beide Hände, dreht ihr Gesicht zu sich. Sein Atem riecht nach Bier und Schnaps. Er hat wieder getrunken, wie jeden Abend. Sie versucht, ihren Kopf zur Seite zu drehen, doch sein Griff ist zu stark. Er küsst sie auf den Mund, zwängt seine dicke, nasse Zunge zwischen ihre Lippen.
„Siehst du, so machen das die Erwachsenen. Du gehörst doch jetzt dazu.“
Sie hat Mühe, ihren Ekel zu verbergen.
Sie nickt leicht.
„Und weil du jetzt dazu gehörst, kann ich dir auch zeigen, was Erwachsene noch so machen.“
Er zieht ihr langes, baumwollenes Nachthemd über den Kopf, wirft es achtlos auf den Boden. Anna versucht mit ihren Armen, ihre Brüste zu verdecken.
„Stell dich nicht so an, du kannst doch zeigen, was du hast.“
Sie lässt ihre Arme sinken, den Kopf zur Seite gedreht. Er greift ihr zwischen die Beine, rubbelt unsanft dort herum.
„Aua, das tut weh.“
Er ignoriert ihren Protest. Er packt sie an beiden Armen und drückt sie aufs Bett.
„Wenn du schreist, erzähle ich deiner Mutter, was für eine Schlampe du bist und wie du mich verführt hast. Deinen Brüdern erzähle ich es auch, und deinen Schulfreunden.“
Tränen schießen in Annas Augen, sie hat Angst zu schreien, Angst vor dem, was noch kommen wird. Er zieht seine Unterhose aus. Er drückt sie aufs Bett und legt sich auf sie. Sie beißt die Zähne zusammen, als er in sie eindringt, hart, trocken, unerbittlich, schmerzhaft. Sie spürt, wie ihr das Abendessen hochkommt, hat schon den sauren Geschmack auf der Zunge. Sie riecht seinen Schweiß, hört sein Stöhnen bei jeder ruckartigen Bewegung. Wie ein großer Sack voller Steine liegt er auf ihr, drückt sie mit seinen 120 Kilo tief in die Matratze ihres Kinderbettes. Selbst wenn sie wollte, könnte sie sich nicht bewegen. Sie hat nur noch einen Gedanken: „Lass es vorbei sein.“
Und mit einen letzten Zucken ist es irgendwann vorbei. Er steht auf und zieht seine Unterhose wieder an. Er setzt sich neben sie aufs Bett, streicht ihr übers Haar.
„War doch gar nicht so schlecht, oder? Machen wir bestimmt bald wieder.“
Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und verlässt das Zimmer.
Sie bleibt regungslos liegen, spürt, wie ihr etwas Klebriges die Beine herunter läuft. Die Tränen, die sie lautlos weint, spürt sie nicht.

Beim Frühstück am nächsten Morgen ist sie mit ihrer Mutter allein. Vati hat Frühschicht im Heizwerk und ist schon lange aus dem Haus, ihre Brüder sind in der Schule. Sie starrt lange auf ihre Teetasse, ihr Marmeladenbrötchen auf dem Zwiebelmusterteller rührt sie nicht an. Sie zählt die Blumen auf der Wachstuchdecke. Ihre Mutter kümmert sich um den Abwasch.
„Mutti, ich …“ Weiter kommt sie nicht, zu groß ist ihr Kloß im Hals. Außerdem war sie zu leise, ihre Mutter hat sie über dem Tellerklirren nicht gehört. Sie holt tief Luft.
„Mutti, ich muss dir etwas sagen.“
Ohne vom Waschbecken aufzusehen, fragt ihre Mutter: „Was?“
„Der Vati war letzte Nacht in meinem Zimmer.“ Es hat Anna ihren ganzen Mut gekostet, diesen Satz zu sagen.
„Ja und?“
„Und.“ Anna schluckt schwer. „Und er hat Dinge mit mir gemacht.“ Sie spürt den Ekel erneut hochkommen, sie hat den Schweißgeruch wieder in der Nase, als ob er direkt neben ihr stehen würde.
„Was denn für Dinge?“ Annas Mutter schrubbt das Besteck.
„Er hat mich geküsst.“ Ein Schauer läuft über Annas Rücken.
„Ja und, er hat dich eben lieb.“
Anna schaut verzweifelt auf den Rücken ihrer Mutter. Ihr fehlen die Worte, ihre Kehle ist trocken, ihre Augen brennen.
„Und er hat …“ Ihre Stimme verliert sich im Nirgendwo.
„Man Mädel, jetzt sag, was los ist oder lass es.“ Die Stimme ihrer Mutter klingt schrill, genervt.
„Er hat mit mir geschlafen.“ Sie spürt das Brennen in ihrem Hals, springt auf und rennt Richtung Bad. Sie schafft es gerade so, auch wenn nur Tee und Galle hochkommen. Sie kniet auf dem kalten Fliesenboden und zittert. Wie lange sie dort hockt, weiß sie nicht. Als sie zurück in die Küche kommt, trocknet ihre Mutter das Geschirr ab.
Anna setzt sich wieder an den Tisch, schließt ihre Hände um die Teetasse, spürt deren tröstliche Wärme. Ihr Hals kratzt und sie muss husten. Sie hört das Quietschen, als ein Glas poliert wird.
„Und jetzt?“, fragt sie leise.
„Was, und jetzt?“
„Kannst du nicht mit Vati reden? Ich möchte das nicht.“
„Und dann? Was soll das denn bringen? Willst du, dass er uns dann verlässt, so wie dein richtiger Vater? Soll ich euch etwa alleine durchbringen? Oder soll ich mich wegen dir verprügeln lassen?“
„Aber er tut mir weh dabei!“ Die Tränen laufen über Annas Gesicht.
„Besser dir als mir!“
Anna bebt vor Wut, vor Angst, vor Verzweiflung, vor Fassungslosigkeit, vor Einsamkeit. Ihre Mutter ist fertig mit Abtrocken und räumt das saubere Geschirr in die Schränke. Ihre Tochter sieht sie nicht ein einziges Mal an an diesem Morgen.

Sechs Jahre später klingelt es nachmittags an der Wohnungstür. Der kleine Bruder Jens, mittlerweile 14 Jahre alt, öffnet die Tür. Vor ihm steht eine junge Frau, die ihm seltsam bekannt vorkommt.
„Hallo. Ist deine Mutter da?“
„Nein, bin nur ich da.“
„Ich bin Tamara, deine Schwester.“ Sie sagt es so, als wenn er das auch hätte selber wissen müssen.
„Ok, komm rein.“ Er hält ihr die Tür auf. Sie geht in die Küche, nimmt sich ein Glas aus dem Schrank und füllt es mit Wasser aus dem Wasserhahn. Offenbar scheint sie sich hier auszukennen.
„Meine Güte bist du groß geworden. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du gerade 4 Jahre alt.“ Sie wuschelt ihm über den Kopf.
Er dreht sich weg, er ist doch kein Kind mehr.
„Das ist dann 10 Jahre her.“
„Ich weiß.“
„Wo warst du denn?“
„Ach, hier und da. Erst im Kinderheim, dann in einem Wohnheim, habe meine Lehre gemacht. Bin jetzt Schneiderin.“
„Ok.“
„Geht es dir gut?“
Jens nickt. Er weiß nicht, was er sagen oder überhaupt von der Situation halten soll. Er glaubt, sich an Tamara erinnern zu können. Damals hatte sie schöne lange pechschwarze Haare. Er erinnert sich an ihre Haare, hat sie geliebt.
„Wo sind deine langen Haare?“, platzt er unvermittelt heraus.
Tamara lächelt. Sie fährt sich ein wenig verlegen durch ihre kurzen blonden Haare.
„Ich habe sie abgeschnitten. Damals, als ich weggegangen bin.“ Für einen kurzen Moment verzieht sich ihr Mund zu einem bitteren Lächeln.
„Warum bist du denn weggegangen?“
Sie antwortet nicht, blickt stattdessen aus dem Fenster.
„Du warst damals noch so klein, du hast das alles gar nicht verstanden. Ich musste einfach weg. Glaub mir, das war besser so.“
„Wenn du das sagst. Wie alt warst du denn, als du fortgingst?“
„14.“

23 Jahre später treffen sich Jens und sein Bruder Boris im Biergarten. Sie haben sich eine Weile nicht mehr gesehen, jeder war mit seinem Leben beschäftigt. Boris hat geheiratet und mit seiner Frau 2 Kinder bekommen, sie haben ein Haus gebaut, sich wieder scheiden lassen. Jens hat studiert, sein Studium aber nie beendet, hat ebenfalls geheiratet, ein Kind, kein Haus. Sie reden über die alten Zeiten, über ihre Eltern, ihre Schwester.
„Ich war bei Annas 45. Geburtstag“, erzählt Jens. „Sie hat ihren Job im Kaufhaus aufgegeben, weil sie gemobbt wurde, sagt sie. Weil sie selber gekündigt hat, wurde ihr Arbeitslosengeld 3 Monate gesperrt, ausgerechnet zum Geburtstag der Zwillinge. Die machen jetzt übrigens Judo. Hab ich als Kind ja auch gemacht, ist bestimmt ganz hilfreich, wenn sie sich wehren können, so kurz vor der Pubertät. Vanessa macht nächstes Jahr ihr Abitur und will danach Eventmanagerin studieren. Ich weiß nicht, ob das was wird, sie sagte, das ginge nur auf einer Privatschule und die koste 500 Euro im Monat. Woher will Anna denn das Geld nehmen? Gerade jetzt, wo sie sich auch noch von Uwe getrennt hat.“
Jens trinkt einen großen Schluck Radler.
„Sie hat sich von Uwe getrennt? Also ist sie jetzt wieder allein erziehend, wie damals bei Vanessa und wie nach den Zwillingen?“ Boris seufzt. Er mag seine Schwester sehr, aber sie hat einfach kein Glück mit den Männern. Jedes Kind, außer natürlich den Zwillingen, von einem anderen Vater. Er teilt seine Gedanken mit Jens.
„Ich weiß, was du meinst. Ich wünschte auch, es wäre anders.“ Jens nimmt einen tiefen Zug aus dem Glas. „Sie ist jetzt wieder viel bei unseren Eltern.“
„Ach ja?“
„Ja, Mutter geht es wohl nicht so gut, sie muss sich viel um Vater kümmern. Er wiegt mittlerweile 150 Kilo und verlässt kaum noch sein Zimmer. Die Ärzte sagen, er müsse dringend abnehmen, aber er sagt, wenn er läuft, bekommt er keine Luft und seine Beine tun weh.“
„Ja klar, bei dem Gewicht.“
„Ich weiß, aber er ist so dickköpfig, dass er eben den ganzen Tag in seiner Bude bleibt.“
„Als ich das letzte Mal dort war, konnte man in dem Zimmer nicht mal das Fenster sehen, so verqualmt war es und die Wände waren dunkelgelb.“ Boris schaudert trotz der Hitze.
„Ist immer noch so. Er sitzt den ganzen Tag vor dem Rechner und daddelt und Mutter darf ihm Schnittchen machen.“ Jens‘ Ton ist verächtlich. „Was mich aber richtig nervt ist, dass die Zwillinge fast jeden Tag dort sind und dann auch stundenlang in dieser versifften Bude hocken. Nur, weil sie an seinem Rechner spielen dürfen. Wenn er wenigstens mal das Fenster aufmachen oder zumindest den Schweinskram vom Desktop löschen würde.“ Jens trinkt sein Radler aus.
„Willst du auch noch eines?“, fragt er Boris.
„Sehr gerne.“
Als Jens zurück ist, fängt Boris an zu erzählen.
„Ich war letzten Monat bei ihnen. Ich wollte endlich wissen, wer mein Vater ist.“
Jens nickt. Seine Mutter redete nicht über ihre Männer. Oder ihre Kinder. Soweit er wusste, hatte sie fünf Kinder von fünf verschiedenen Vätern. Vier davon waren hier stationierte russische Soldaten.
„Und, hat sie es dir dieses Mal gesagt?“ Auch, wenn er es nicht möchte, klingt Jens‘ Stimme wenig optimistisch.
„Ja, sie hat mir den Namen gesagt und sogar, aus welcher Region er kam.“
„Hey, das sind doch mal gute Neuigkeiten.“ Jens strahlt Boris an.
„Ich weiß nicht. Das ist ein Allerweltsname, Alexander Dimitrov, in einer Region zweimal so groß wie Deutschland. Ob ich ihn da jemals finde …“ Boris klingt resigniert.
„Ach was, du kannst doch gut russisch und es gibt doch das Internet, da lässt sich bestimmt was machen. Wir können ja dann mal gemeinsam bei mir zuhause schauen, meine Frau freut sich schon auf dich.“
„Na gut, wenn du meinst.“ Boris nippt an seinem Radler. Er hält sein Gesicht in die Sonne, die Augen geschlossen.
„Weißt du, unsere Eltern haben übrigens den Kontakt mit mir abgebrochen.“
Jens kann nur starren. Sein Blick stellt die Frage. Boris holt tief Luft.
„Ich habe sie auf Anna angesprochen. Du weißt ja, weswegen.“
Jens nickt.
„Sie waren nicht erschrocken oder erstaunt. Sie haben es nicht abgestritten, sich nicht verteidigt oder irgendwas. Sie haben mich nur korrigiert.“
Auch jetzt wieder ist die Frage in Jens‘ Gesicht deutlich ablesbar.
„Ich habe es ihnen auf den Kopf zugesagt. Ich habe ihnen gesagt, wie widerlich ich es finde, die 13-jährige Stieftochter zu missbrauchen. Unsere Mutter antwortete nur: Gar nicht wahr, sie war 14.“

5 Kommentare zu “Anna

  1. Liebe Xayriel, ich mag deine Art zu schreiben wirklich sehr gerne. Bei dieser Geschichte kommt mir dennoch alles hoch, was definitiv nicht an deinem tollen Schreibstil liegt, sondern eben am Inhalt. Ich bin fassungslos. Und kann dementsprechend gut nachvollziehen, dass du keinen Kontakt zu diesen Personen hast. Ich kann nicht mal „Menschen“ schreiben. Denn es sind keine.

    Deine Leserin Penny

    Gefällt mir

    • xayriel sagt:

      Dankeschön, diese Kritik bedeutet mir viel. Es war nicht leicht, diese Geschichte aufzuschreiben, weil der Ekel ein ständiger Begleiter war. Ich wusste nicht, ob ich den Inhalt so in Worte fassen kann, dass ich mir den Inhalt von der Seele schreiben kann, wollte es, musste es aber dennoch probieren. Mir tut es leid, dass Anna so in dieser Welt gefangen ist, doch leider liefen Rettungsversuche ins Leere.

      Umso erleichterter bin ich, dass ich anscheinend das mit Worten transportieren konnte, was ich mir vorgenommen hatte.
      Irgendwann wird es ausführlich Boris‘ Geschichte geben, denn die ist mindestens genauso erzählenswert.

      Gefällt mir

  2. Mama-I sagt:

    Besser keine (Schwieger-)Eltern als solche. Wie abgebrüht kann man sein -.-

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s