Das Mädchen

Ein wenig abseits hockt ein Mädchen. Es befindet sich auf einer kleinen Anhöhe, an ihm laufen in stetem Strom Menschen vorbei. Obwohl es so prominent erhöht ist, schaut nur selten jemand zu dem Kind hin. Zu unscheinbar sieht es aus, dieses kleine Häuflein Mensch.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es wirklich ein Mädchen ist, da ich sein Gesicht nicht sehen kann. Es hat den Kopf auf die Knie gelegt. Nur die langen, goldblonden Haare deuten darauf hin, dass es ein Mädchen ist. Die Arme sind fest eingepackt zwischen Körper und den angewinkelten Beinen. Sie hat die Arme nicht um die Beine gelegt, da würde ihr nur noch kälter werden.

Wie es dort hockt, sich leicht vor und zurück wiegend, sieht es unglaublich zerbrechlich und einsam aus. Ich frage mich, wo seine Eltern sind, warum sich seine Mutter nicht kümmert. Müsste sie nicht hier sein, das Kind in den Arm nehmen, ihm wenigstens eine wärmende Jacke anziehen?

Und warum nimmt keiner der vorbeieilenden Menschen von dem Kind Notiz. Ab und zu schaut jemand in seine Richtung, sieht das Mädchen, aber nimmt es nicht wahr. Es muss doch jemandem auffallen, dass dort ein kleines Mädchen hockt. Es ist nicht versteckt, es hockt inmitten dieser Menschen.

Ich glaube, ich höre wie es leise weint, mehr ein Wimmern. Selten habe ich etwas so hoffnungsloses gehört. Langsam hebt es seinen Kopf, schaut sich mit roten, verweinten Augen um. In seinem Blick liegt ein Flehen um Hilfe, dass mir das Herz zerreißt. Bin ich wirklich die Einzige, die das Kind sieht?

Und wo zur Hölle sind die Eltern? Oder die Großeltern? Oder sonstige Verwandte? Irgendjemand muss sich doch um das Kind sorgen, es kann unmöglich weiter so allein dort bleiben.

Lange beobachte ich das Kind aus der Ferne. Ich warte darauf, dass die Mutter zurückkehrt. Sehr viel später wird mir bewusst, dass das nie passieren wird. Ich gehe auf das Mädchen zu, durch all die strömenden Menschen hindurch, werde auf meinem Weg durch die Massen immer wieder angerempelt, doch ich habe nur noch Augen für sie.

Als ich bei ihr bin, setze ich mich daneben, einfach auf den blanken Boden. Vorsichtig hebt das Mädchen seinen Kopf, schaut sich kurz um, lässt ihn dann wieder auf die Knie sinken. Ich weiß immer noch nicht, wer das Mädchen ist, aber es sollte nicht mehr alleine dort hocken. Nie mehr.

Ich werde da bleiben. Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen, doch habe ich Angst, sie zu zerbrechen oder sie noch weiter zu ängstigen. Stattdessen lege ich meine offene Hand zwischen uns auf den Boden. Sie wird dort liegen bleiben, bis das Mädchen genug Vertrauen gefasst hat, sie zu ergreifen. Egal, wie lange das dauert.

Das kleine Mädchen wird nie mehr einsam sein müssen!

* * * * * * * * * *

Ich bin diesem Mädchen während meiner Therapiesitzung letzte Woche begegnet, als meine Therapeutin per Hypnose mit mir einen Sprung in die Vergangenheit gewagt hat, um herauszufinden, warum es mir so schwer fällt, einen Platz in der Welt zu finden. Dieses Mädchen wird in der Tat niemals mehr einsam sein müssen, ich werde es immer beschützen.

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