Die Brieftasche

Ich habe heute eine Brieftasche gefunden. Ganz unauffällig lag sie da, als wenn sie schon immer dort gelegen hätte, unter der Heizung, im Büro. Nur bin ich mir ganz sicher, dass sie vor ein paar Tagen noch nicht dagewesen war, das wäre mir sicherlich aufgefallen. Völlig verwundert schaute ich sie an, und nach ein, zwei Momenten des Staunens hob ich sie auf.

Braunes Leder, mit Druckknopf und Reißverschluß am Geldfach, meiner eigenen Brieftasche nicht unähnlich. Sie war sehr staubig, sie scheint lange auf ihren Moment der Entdeckung gewartet zu haben. Und nachdem sie so lange gewartet hat, wollte auch ich es nicht überstürzen. Ich drehte die Brieftasche einige Male in meinen Händen, beäugte sie von allen Seiten und strich den Staub mit meinen Fingern ab.

Ganz kurz schoß mir durch den Kopf, dass die Brieftasche vielleicht gestohlen war und ich jetzt Beweisspuren vernichtete, aber nun war es eh zu spät.

Als erstes öffnete ich den Druckknopf und klappte die Brieftasche auf. Darin war ein Fach mit Sichtfenster, diverse Einstecktaschen für Kredit- oder Bonuskarten und ein zweigeteiltes Geldscheinfach. Ich untersuchte die Karten im Sichtfensterfach und fand eine Schwimmhallenbonuskarte, 6 von 10 Stempeln, der Besitzer hätte bald den Bonus einlösen können, eine Terminkarte für einen nicht näher benannten Dienstleister, Friseur vielleicht oder doch eher ein Arzt? und eine Visitenkarte für eine Disko in der nächstgrößeren Großstadt. Da mir dies keinen Hinweis auf den Inhaber der Tasche brachte, öffnete ich das Geldscheinfach. Leer. Kein Zettel, kein Fussel, kein Gelddschein. So voll meine Brieftasche an dieser Stelle mit all den wichtigen und unwichtigen Papieren ist, so leer war diese. Bei mir ist übrigens auch nie Geld im Geldscheinfach.

Meine Neugier wuchs. Eine Brieftasche ohne Papiere, ohne jeglichen Hinweis auf den Besitzer, ohne Namen? Dies widerspricht völlig der Natur einer Brieftasche. So zog ich denn langsam den Reißverschluß auf, auch, wenn ich nicht mit irgendwelchen Hinweisen rechnete. Als erstes sah ich das kleine, trüb schimmernde Cent-Stück, eingeklemmt in einen Packen Papier und Karton.

Ich nahm den Packen heraus und als ich genauer hinschaute, kam ich mir wie ein Eindringling vor, der ein fremdes Haus betritt, ohne eingeladen zu sein. Denn hier waren Papiere, mit Namen und Anschrift darauf und eines hatte sogar ein Bild. In einem Bluter-Pass, bei dem Bluter durchgestrichen und durch „von-Willebrand-Syndrom“ ersetzt wurde. Sie ist hübsch, die Frau auf dem Bild, jung und blond, mit langen Locken und einem sanften Lächeln, wie es auf Paßbildern nur selten gelingt ohne verkrampft oder unecht zu wirken. Neben dem Bluter-Pass lag eine Bescheinigung darüber, dass sie die 10 Euro für einen Arztbesuch im Quartal 01 im Jahr 2006 bezahlt hat. Nur diese Bescheinigung war nicht von einem Arzt ausgestellt, sondern von einem psychologischen Psychotherapeuten. Eine Rechnung aus einem Supermarkt, auch von 2006, eine Werbebroschüre über ein Naturheilmittel, dessen Namen ich vergessen habe und noch eine Bonuskarte, diesmal mit nur einem Stempel.

Aber ich hatte einen Namen. Und ein Gesicht. Sogar eine Adresse. Aber nachdem alle Dokumente mit Datum von 2006 waren, wohnte sie überhaupt noch dort?

Als ich mich erneut dem Fach mit Sichtfenster zuwandte und dabei die Brieftasche umdrehte, fielen die von mir zwar bemerkten, aber längst wieder vergessenen, übrigen Cent-Stücke aus dem Geldfach. Sorgfältig sammelte ich sie wieder ein, legte den kleinen Schatz von insgesamt 9 Münzen wieder zurück und schloß den Reißverschluß.

Ich erinnerte mich, dass meine Brieftasche hinter dem Sichtfensterfach noch einen kleinen Einschub hat. Ich bewahre da meinen Führerschein auf, weil ich den so selten brauche und er da nicht so schnell rausfallen oder abnutzen kann. Ich schaute in das verborgene Fach der mittlerweile nicht mehr herrenlosen Brieftasche und entdeckte einen Führerschein. Da stand, kaum lesbar klein in dunkelblauer Schrift auf rosa Hintergrund, dass die blonde Besitzerin Auto fahren konnte. Die kleinen, normalen Pkw, für mehr war sie zu jung, die hätte sie extra machen müssen und vermutlich braucht sie nicht oft mit Transporter oder Anhänger fahren. Vielleicht wollte sie sich das auch für später aufheben. Oder sie hat es sogar schon nachgeholt, sie hatte laut ihrer Brieftasche immerhin einige Jahre Zeit dafür.

Möglicherweise hat sie Kinder, war verheiratet und wieder geschieden und lebte jetzt mit ihrem zweiten Ehemann in Kalifornien. Es kann aber auch sein, dass sie studiert und gerade ihre Masterarbeit schreibt, über den Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems in einem postkommunistischen China. Oder sie kommt jede Nacht mit ihrem Staubsauger und putzt die Büroräume. Und beim Abwischen des Fensterbretts ist ihr der Lappen aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen und während sie sich bückt, um ihn wieder aufzuheben, gleitet ihr lautlos die Brieftasche aus der Schürzenjacke und landet mit einen leisen dumpfen Schlag, den sie über dem Geräusch des laufenden Staubsaugers nicht wahrnimmt, auf dem Teppichboden, überschlägt sich zweimal und landet, sich ihrem Blick entziehend, direkt unter der Heizung.

Sie hatte gestern abend die Brieftasche beim Ausräumen des Zimmers ihrer Tochter gefunden.

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