Living Hell

Kraftlos sinkt sie auf den Stuhl. Sie schaut ausdruckslos aus trüben Augen. Wie zu viele Male zuvor stellt sie sich auch jetzt wieder die Frage, wie es soweit kommen konnte. Doch ihr bleibt keine Zeit eine Antwort zu finden, denn Lotte verlangt nach etwas zu trinken. Sie steht auf, geht zur Haustür und steigt langsam die Stufen in den ersten Stock hinauf.

Die Treppen erinnern sie an ihre Studienzeit in der großen Stadt, wo sie ein kleines Zimmer unterm Dach bewohnte. Damals rannte sie oft die Stufen hinauf, sie durfte keine Zeit verlieren, ihre Freunde warteten auf sie. Heute wartet die Ikea-Küche nicht auf sie, beachtet sie nicht, als sie einen bunten Becher aus dem Schrank nimmt und ihn mit Wasser füllt. Sie geht wieder in den Garten hinaus, den sie innerhalb von zwei Jahren in ein grünes Kinderparadies verwandelt haben. Sie hilft gerne, weswegen sie sich auch für eben dieses Studium entschieden hatte. Sie war gut dabei, hat ihren Doktor gemacht, die Welt stand ihr offen. Heute ist ihre Welt klein, eng und vom Dorfklatsch geprägt.

Sie gibt ihrer Tochter den Becher, doch Lotte nippt nur daran, stellt ihn weg und rennt weiter. Sie setzt sich wieder hin, schlägt die Beine übereinander, presst ihren Rücken gegen die Lehne und schliesst die Augen, reisst sie gleich danach wieder auf. Lotte will angeschubst werden, damit sie ganz hoch schaukeln kann. Müde erhebt sie sich wieder. Sie kennt Stress, hatte früher 60-Stunden-Wochen gearbeitet und war nur an einem Wochenende im Monat zu Hause. Sie hatte ordentliches Geld verdient, auch wenn es bei all ihrer Aufopferung ruhig mehr hätte sein können. Ihr damaliger Chef würdigte ihre Anstrengungen kaum, aber sie wusste innerlich, dass sie wertvolle Arbeit leistete, den berühmten Unterschied machte. Als sie an der Schaukel ankommt, ist Lotte schon in Fahrt gekommen, trotzdem verlangt das Mädchen, toller angestossen zu werden.

Ein Schubs.

Die Spülmaschine dürfte jetzt fertig sein und muss unbedingt ausgeräumt werden, bevor Ludwig heim kommt.

Ein Schubs.

Die Katzenklos sind zwei Tage überfällig, noch länger aufschieben geht nicht.

Ein Schubs.

Die Wäschekörbe sind voll.

Ein Schubs.

Zum Abendessen gibt es Nudeln, schon wieder, aber zum Einkaufen ist heute einfach keine Zeit.

Ein Schubs.

Lasse kommt angerannt und will unbedingt jetzt auf die Schaukel. Er brüllt sich die Lunge aus dem Leib, hört seine Mutter über dem Getöse nicht. Sie bremst Lotte ab. Lasse darf ran. Hauptsache, die Brüllerei hört auf.

Früher brüllten nur Ludwigs Wellensittiche, die er in die erste gemeinsame Wohnung mitbrachte. Sie war so glücklich damals, großer, blonder, gutaussehender Mann mit jeder Menge Humor und einem großen Freundeskreis. Sozial engagiert, mit entsprechender Studienrichtung. Was konnte sie denn noch mehr wollen. Lotte ist ihr mittlerweile das zweite Mal mit ihrem Fahrrad über die Füsse gefahren, doch sie hat nicht die Kraft, sie anzuhalten und sie darauf hin zu weisen. Sie ärgert sich still darüber und läuft die Treppe zur Küche wieder hoch. Die Spülmaschine ist seit einer Viertelstunde fertig. Sie hält gerade die erste Ladung sauberer Teller in der Hand, als Lasse Hilfe braucht. Ein großer Stein muss weggewuchtet werden, darunter sind bestimmt Tausendfüssler versteckt. Zwei hat er heute schon gefunden. Sie stellt die Teller ab und geht wieder hinunter. Der Stein ist wirklich groß und schwer, aber sie stemmt ihn trotzdem weg. Kein Tausendfüssler darunter. Also hebt sie noch die Laubtüten (nichts), die übrig gebliebenen Pflastersteine (ein kleiner), die 5 Gießkannen (nichts), den Grill (nichts) hoch.

Sie ist es gewöhnt, schwere Dinge zu heben. Erst auf Arbeit, später dann ihre Kinder. Lasse musste viel getragen werden, ein echtes Schreikind. Ludwig steckte damals mitten in seinen Abschlussprüfungen, musste sich darauf konzentrieren, konnte ihr nicht helfen. Natürlich verstand sie das, nach den Prüfungen würde es bestimmt besser.

Jetzt hebt sie Lotte hoch, die mit dem Fahrrad an einer Kante hängen bleibt und lang hin schlägt. Sie trägt sie ins Wohnzimmer hoch und setzt sie auf die Couch. Sie klebt ein großes Pflaster auf die Wunde und pustet noch drei mal darauf. Lasse will unbedingt noch mehr Tausendfüssler finden, da fällt ihr Blick auf die sauberen Teller auf der Anrichte. Sie schaltet den Fernseher an, stellt Trickfilme ein. Sie hofft, dass diese Ablenkung lang genug funktioniert, um wenigstens die Spülmaschine auszuräumen.

Als sie die Teller wegräumt, denkt sie an ihren ersten Umzug, aus der Großstadt in die württembergische Provinz. Arbeitende Frauen mit Kindern sind dort automatisch Rabenmütter und es gibt kaum Kinderbetreuungsplätze. Erst nach langem Betteln konnte sie Ludwig überreden, dem überteuerten Platz bei der Tagesmutter zuzustimmen. So konnte sie wenigstens ein paar Stunden wieder arbeiten gehen. Wenigstens mal kurz raus aus Windeln, Brei und Haushalt. Ihre Freunde waren alle in der Großstadt geblieben, 500 Kilometer entfernt.

Sie ist gerade fertig mit dem Sortieren des Bestecks, als Ludwig nach Hause kommt. Er sagt nicht Hallo, stattdessen meint er, dass er es nicht gut findet, wenn die Kinder soviel Fernsehen schauen. Sie sollten doch lieber draußen spielen, da ist doch so schönes Wetter. Und er hat doch extra die Schaukel und das Trampolin gekauft.

Sie schaltet den Fernseher wieder aus, sehr zum Mißfallen von Lotte und Lasse. Die beiden kreischen in den schrillsten Tönen und beschimpfen sie. Ludwig bekommt davon nichts mit, er ist schon wieder unterwegs zum nächsten Termin. Sie weiss, sie sollte ihre Kinder zurecht weissen, aber ihr fehlt die Kraft dazu. Draußen sind dicke Wolken aufgezogen. Vorsorglich fragt sie, ob Lotte und Lasse lieber lange Hosen haben wollen. Beide lehnen ab. Sie streiten sich lautstark um die Schaukel, Lasse gewinnt letztendlich. Lotte schmollt. Sie setzt sich neben das Kind und tröstet sie, doch Lotte fällt ein, dass ihr kalt ist und sie jetzt Socken braucht. Also steht sie auf und steigt die Stufen in den zweiten Stock hinauf, wo die Kinderzimmer liegen.

Anfangs war sie froh, dass Ludwig den Platz hier bekommen hat. Endlich war sie wieder in ihrer alten Heimat, nahe bei ihrer Familie. Ein schickes, großes Haus in einer Gegend, in der es normal ist, wenn Mütter arbeiten gehen und es auch genügend Kindergärten gibt, sie würde bestimmt auch wieder Arbeit finden. Sobald das zweite Kind alt genug ist.

Sie trägt die Socken hinunter, aber Lotte hat es sich wieder anders überlegt, braucht keine Socken mehr. Sie steigt in den Keller hinab und füllt die Waschmaschine. Wenn das Wetter hält, kann sie die Sachen im Garten aufhängen, dann werden sie schnell trocken. Von oben brüllt Lasse, dass er seinen Fussball nicht finden kann. Sie stapft die Treppe wieder hinauf und findet den Ball direkt hinter der Haustüre, wo er immer liegt. Sie ärgert sich nicht darüber, dass Lasse nicht selber dort nachgeschaut hat, ihr fällt das gar nicht auf. Sie bemerkt nicht, dass Lotte nur darauf wartet, dass sie sich hinsetzt, um ihr eine neue Aufgabe zu geben. Sie wird die Vorwürfe Ludwigs herunterschlucken, wenn er am Abend nach Hause kommt und sieht, dass sie vergessen hat, die Waschmaschine anzustellen. Sie wird ihn nicht kritisieren, wenn er eine teure Anschaffung macht, er ist schließlich der Hauptverdiener, er hat die Hoheit über das Geld. Sie mit ihren zehn Stunden pro Woche, Mittwochs frei, hat nichts zu sagen. Nur selten fragt sie noch, ob sie endlich ein neues Sofa bekommen können, da das alte nach 35 Jahren durchgesessen ist.

Manchmal sieht sie andere Kinder, die nicht aller drei Sekunden eine neue Aufgabe für sie haben. Sie schaut sie sehnsüchtig an und ihre Augen bekommen einen seltsamen Glanz. Sie spürt, wie ihre Gedanken abschweifen, aber nur kurz. Sie sieht, dass Lasse friert, und fragt ihn, ob er eine lange Hose möchte. Lasse lehnt ab. Aber Lotte möchte. Sie steigt in den zweiten Stock hinauf. Wieder. An den ungemachten Katzenklos vorbei. Sie überlegt, ob sie Ludwig bitten soll, die Katzenklos zu übernehmen, verwirft den Gedanken aber schnell. Sie kennt die Antwort schon. Bei einer 7-Tage-Woche darf sie keine Hilfe erwarten.

Sie zieht Lotte die lange Hose an, holt dann einen Rasenkantentrimmer und kürzt das überlange Gras am Gartenzaun, es muss ordentlich sein, damit die Nachbarn keinen falschen Eindruck bekommen. Ludwig ist schließlich nicht irgendwer in ihrer 1800-Seelen-Gemeinde. Zwei Glockenschläge zeigen die halbe Stunde an. Oh, wie sie das präzise Läuten der Kirchturmglocken hasst, die  ihre langen, wachen Nächte unterbrechen und unerbittlich anzeigen, wieviel weniger sie jetzt noch von dem so wertvollen Schlaf bekommen wird.

Sie weiß nicht, wie lange sie noch durchhält. Schon jetzt lächelt sie nur selten und ihr Lachen klingt rauh und ungeübt. Jede liebevolle Geste bringt sie sofort den Tränen nahe, doch sie reisst sich ein ums andere Mal zusammen.

Sie setzt sich kurz hin, greift zu ihrem Glas, will einen Schluck trinken. Ihr Durst muss warten, Lasse will nun doch lieber eine lange Hose.

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