Wenn sich eine Tür schließt …

… öffnet sich eine andere.

Es sei denn, man sitzt im Gefängnis, da sind die Aussichten dann eher trüb.

Oder wie ich gerne sage: Für irgendwas wird es schon gut sein.


Vor 11 Jahren nahm ich einen Job in meiner Heimatstadt an, um nach Jahren im imperialistischen Exil wenigstens wieder in meinem Heimatland arbeiten zu können. Ich war frisch verheiratet und hatte die Nase von Wochenendbeziehungen gründlich voll. Doch leider war die Anstellung nicht von Dauer, denn der Firma fiel nichts anderes ein, als mich als Consultant durch die Weltgeschichte zu schicken. Die Grundsituation war also die gleiche, nur dass ich dafür mehr Geld bekam.

Da dies zu den Hochzeiten meiner damals noch unbehandelten Depressionen war, bat ich darum, nach einem Jahr aus dem Arbeitsvertrag entlassen zu werden. Während des kurzen Intermezzo hatte ich aus Gewohnheit die mir besser bekannten Kollegen im Xing als Kontakte hinzugefügt.

Dann war ich erstmal eine ganze Weile mit mir beschäftigt, machte diverse Therapien, bekam das große Kind, fand einen Job und stieg wieder ins Arbeitsleben ein. Dass dies ein wenig turbulenter war, als ich es gerne gehabt hätte, ist hinlänglich bekannt.

Als ich meine letzte Stelle antrat, änderte ich auch auf Xing wie üblich meine Daten und fügte den neuen Arbeitgeber hinzu. Kurz darauf kontaktierte mich ein Kollege von damals und meinte, dass die Firma einen sehr dubiosen Ruf hätte und mit eher unlauteren Mitteln Geld verdienen würde. Ich horchte auf, forschte im Unternehmen nach und fand heraus, dass die „unlauteren“ Mittel das Geschäftsmodell war und sämtliche Kunden darüber Bescheid wussten.
Ich antwortete dem Kollegen entsprechend und vergaß ihn wie schon zuvor.

Mein nächstes Xing-Update rief wieder jenen Kollegen auf den Plan. Mit Begeisterung sah er, dass ich mich mit dem Thema Datenschutz, Informationssicherheit und ISO 27001 befasste. Er wollte mich für sein Unternehmen abwerben, ich hingegen wollte in diesem umfangreichen und recht unübersichtlichen Themengebiet Erfahrungen sammeln. Wenn wir mit der Zertifizierung durch wären, würde ich mich wieder melden, sagte ich ihm.

Anfang des Jahres, als die Situation unerträglich wurde, nahm zur Abwechslung ich Kontakt zum Kollegen auf und fragte, ob denn sein Angebot noch stehen würde. Kurz darauf trafen wir uns zu einem informellen Gespräch, plauderten über alte Zeiten, er stellte die Firma vor und meinte, dass ich mit meinem Profil ganz gut reinpassen würde.

Ich schöpfte Hoffnung, dass ich sehr bald schon nicht mehr in die alte Firma müsse, sondern mich in einer geordneten Umgebung diesem spannenden Thema widmen könnte.
Aber, natürlich, kam wenig später der Anruf des Kollegen, dass die Firma derzeit umstrukturiert würde (wie ich dieses Wort mittlerweile hasse) und man augenblicklich nicht abschätzen könne, wie lange der Umbau dauere und wie danach der Personalbedarf aussieht. Dennoch habe er mein Profil dem Geschäftsführer vorgelegt, bitte aber um Geduld, er würde sich wieder melden.

Während sich mein befristeter Vertrag dem Ende neigte, fragte ich vorsichtig nach, wie denn die Umbauarbeiten voran gingen. Es wurde nach wie vor gebaut. Ich machte gedanklich einen Haken an die ganze Sache und widmete mich intensiv dem Bewerbungen schreiben. Es gab diverse Angebote, seltsamerweise war die Stellenbörse des Jobcenters die beste Quelle, ich wurde zu vielen Vorstellungsgesprächen eingeladen und bekam aus diesen oder jenen Gründen eine Absage.

Dann kam die Horrorwoche, in der sich mein Opa am Sonnabend umbrachte, am Montag mein Großer auf dem Heimweg vom Hort von einem Junkie überfallen wurde, der ihm den Ranzen klauen wollte und in der ich am Dienstag die niederschmetternde Absage für die Traumstelle bekam. In dieses ganze Chaos hinein bekam ich eine WhatsApp-Nachricht von eben jenem Kollegen, dass der Umbau abgeschlossen und die Stelle, für die er mich im Auge hatte, jetzt von der Geschäftsführung frei gegeben worden sei. Aber vermutlich wäre er eh schon zu spät dran.

Als ob! Ich konnte aber in der ganzen Aufregung nur kurz zurückschreiben, dass meine Welt gerade im Chaos versinkt und ich mich in 2 Tagen melden würde, wenn ich halbwegs wieder geradeaus denken könnte. Und dass er noch nicht zu spät sei.

Am nächsten Tag kam erneut eine Nachricht, ob ich denn am nächsten Dienstag zwischen 10 und 14 Uhr Zeit hätte. Hatte ich, aber nur zwischen 10 und 12 Uhr, da ich um 14 Uhr ein Vorstellungsgespräch hätte, was ich natürlich nicht sagte.
Daraufhin wurde ich für 11 Uhr zu einem Gespräch mit dem Geschäftsführer und Kollegen eingeladen.

Der Dienstag kam, ich packte es gerade noch so pünktlich zum Termin und wurde direkt vom Geschäftsführer in Empfang genommen. Von meinem Kollegen keine Spur, ich war also auf mich allein gestellt. Was aber gar nicht schlimm war, da mein Gegenüber ein sehr angenehmer Gesprächspartner war, mit dem ich über eine Stunde lang plauderte, über meinen Werdegang, die Irrungen und Wirrungen in meinem Lebenslauf, die Herausforderungen auf einem sich ständig wandelnden Markt und sogar privaten Kram.

Die Chemie stimmte auf Anhieb, wie man so schön sagt. Das Beste war allerdings, dass mein kleinteiliger Lebenslauf mal nicht als Nachteil, sondern als absoluter Vorteil angesehen wurde. Der Geschäftsführer sah mich in der Position einer über allen Abteilungen stehenden Stabsstelle, die sich alle Prozesse und Abläufe im Unternehmen anschauen und diese ordnen würde. Zwar seien seine Mitarbeiter hochmotiviert und super qualifiziert, doch fehle ihnen der Blick für das große Ganze. Auch sei die Vernetzung zwischen den einzelnen Abteilungen noch ausbaufähig, denn es sei häufiger so, dass für kurze Zeit in einer Abteilung der absolute Notstand herrscht, während sich nebenan die Mitarbeiter gerade langweilen. Da wäre es doch super praktisch, wenn man die Auslastung gleichmäßiger auf alle Mitarbeiter verteilen könnte, aber das ginge eben nur, wenn jemand den Überblick über alles hätte.

Und genau da sähe er mich.

Und ich mich irgendwie auch.

Vom Klang her wäre das genau was für mich. Ich bin in dem Sinne kein Spezialist, sondern eher Generalist. Ich kann vieles gut, aber nichts sehr gut. Ich mag das themenübergreifende Arbeiten und ich liebe es, zu abstrahieren und auch zu improvisieren. Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, miteinander zu kombinieren.

Leider war das Gespräch zu schnell zu Ende, da der Geschäftsführer bereits den nächsten Termin hatte. Er würde sich aber am Montag melden und mir dann auch genau sagen können, wie die Stelle heißt und mit welchem Gehalt ich rechnen könnte. Vielleicht würde es auch eine etwas andere Stellenbeschreibung als die, über die wir uns unterhalten hätten, er müsse darüber noch nachdenken. Auf jeden Fall würde ich aber sehr gut passen.

Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Klar war ich super erfreut, das alles zu hören, aber gefeiert wird erst, wenn die dicke Dame singt.

Mein Kollege erkundigte sich noch kurz bei mir, wie es gelaufen ist und zeigte sich ebenfalls hoch erfreut.

Ich ging heim und bereitete mich auf das nächste Vorstellungsgespräch vor, welches ich meiner Meinung nach völlig verkackte, mit totalem Blackout und Gestammel über ein Thema, in dem ich sonst sehr sicher bin. Abends war noch Weihnachtsbasteln in der Schule, wo ich mich mit meiner seit 2 Wochen andauernden, richtig fiesen Erkältung hinschleppte. Für Euphorie blieb da kein Platz mehr.

Am Donnerstag bekam ich zuerst einen Anruf, dass ein Vorstellungs-/Sondierungsgespräch mittelprächtig erfolgreich war und ich für eine, aber nicht meine gewünschte, Stelle in Frage käme. Wenn ich Interesse hätte, sollte ich mich melden und ich würde erneut eingeladen.
Kurz danach rief mich meine Personalvermittlerin an und meinte, das Gespräch, bei dem ich dachte, ich hätte es verkorkst, sei erfolgreich gewesen und ich würde am Mittwoch zu einem zweiten Gespräch eingeladen.

Ich sagte zu allem Ja und Amen, schließlich war meine Unterschrift unter keinen Arbeitsvertrag gekritzelt. Und es gibt ja immer noch die berühmten kotzenden Gäule in der näheren Umgebung von legalen Drogenhändlern.

Der Montag kam und ging, ohne dass ich eine Nachricht erhalten hatte. Ich machte mir Sorgen. Am Dienstag fragte ich bei meinem Kollegen nach, ob er mal beim Geschäftsführer vorsichtig nachhaken könne, was denn nun sei und ich bekam als Antwort, dass der Entscheider krank wäre. Also weiter warten. Am Mittwoch hakte ich nochmals nach und bekam als Antwort: „Vertragserstellung ist im Innendienst angeschoben.“

Ein leises Jubeln meinerseits.

Am Wochenende darauf bekam ich per Email den Vertragsentwurf zugeschickt. Sah alles soweit richtig gut aus. Das Gehalt war ein klein wenig geringer als gewünscht, aber immer noch mehr, als ich je zuvor irgendwo verdient hatte. Leider waren die Urlaubstage nur mit 25 angegeben. Schon ein bissl mickrig. Ich konsultierte meine Freunde, wie ich es am cleversten anstellen sollte und sie meinten, ich sollte schlicht nach mehr fragen.

Was ich dann auch tat, mit dem Hinweis, dass meine letzten Verträge alle mindestens 28 Tage Urlaub hatten. Ist nur so halb geflunkert, denn beim Radio hatte ich 30, bei der letzten Firma 26, gibt im Durchschnitt 28 😉

Knapp eine Stunde später kam per Email die Antwort, dass die Urlaubstage im Vertrag auf 28 geändert würden und der Vertrag sich demnächst per Post zu mir auf dem Weg befände.

Uff, das war einfacher als gedacht.

So wartete ich nun auch den Arbeitsvertrag, schrieb weiter Bewerbungen und sah nebenbei eine Sendung, bei der erklärt wurden, dass Pferde aufgrund ihrer Anatomie eher seltenst kotzen würden, es aber auch kein nie dagewesenes Ereignis wäre.

Drei Tage vor Weihnachten kam der Vertrag. Zwei Tage vor Weihnachten meldete ich mich der Agentur für Arbeit ab. An Silvester unterschrieb ich den Vertrag.

Und am Donnerstag war mein erster Arbeitstag!

Gut Ding will Weile haben. Jetzt kann ich nur hoffen, dass es wirklich ein gutes Ding ist.

Ich werde berichten 🙂

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Es war einmal …

… das beste Jobangebot der Welt.

Das Märchen vom verzweifelten Hoffen

Eine Frau, weder hübsch, noch jung noch Prinzessin, suchte intensiv nach einer neuen Arbeitsstelle, weil es bei der alten nicht so gut gelaufen ist. Ihr wurden vom Jobcenter viele tolle Angebote geschickt, auf die sie sich brav bewarb. Bei einem Angebot allerdings war sie unsicher, ob sich die Mühe überhaupt lohnen würde, denn es war eine Assistentenstelle an einer privaten Hochschule ausgeschrieben und vom Assistentinnendasein hatte die Frau eigentlich die Nase voll.

Bevor es jedoch Ärger mit dem Arbeitsamt geben würde, schusterte die Frau schnell ein Anschreiben zusammen, packte Lebenslauf und Zeugnisse dran und schickte alles ab. Da die Frau mittlerweile sehr viel Übung im Verfassen von Anschreiben hatte, war die ganze Angelegenheit in 20 Minuten erledigt.

Zwei Tage später trudelte eine Email ins Postfach der Frau, die sich verwundert die Augen rieb, denn mit so einer schnellen Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Ein Professor an der Hochschule wollte die Frau auf einen Kaffee einladen, um sie in einem informellen Rahmen näher kennenzulernen, bevor es zu einem richtigen Vorstellungsgespräch mit Vorstand und Verwaltung kommt. Da die Frau offen für Neues ist, ging sie auf das Gesprächsangebot ein und bereits zwei Tage später irrte sie ein wenig verloren durch die Flure des Hochschulgebäudes, auf der Suche nach dem Büro des Professors.

Plötzlich hörte die Frau hinter sich schnelle Schritte und drehte sich erschrocken um. Ein großer, schlanker Mann in ihrem Alter flitzte über den Flur und fragte die Frau, ob sie denn sie sei, für die er sie halte und die er erwarte. Die Frau bejahte und beide machten sich auf den Weg zum Büro des Professors. Der Mann war sehr nervös, vermutlich war er sehr aufgeregt und führte solche Gespräche nicht häufig. Die Frau hingegen war unaufgeregt entspannt, hatte sie doch keinerlei Erwartungen an das Gespräch oder die Stelle.

Schnell entspann sich zwischen dem Mann und der Frau ein angeregtes Gespräch über Datenschutz und Datensicherheit, Cloud Computing, Brexit, Safe Harbor und mögliche zukünftige Entwicklungen auf diesem Gebiet. Beide merkten schnell, dass sie ein ähnliches Verständnis der Materie hatten und sich wunderbar ergänzten. Der Mann hatte das theoretische Wissen und Erfahrungen in der Forschung, die Frau konnte mit allerlei praktischen Erfahrungen glänzen.

Der Mann bemühte sich, ausführlich zu erklären, dass die Stelle mitnichten eine Assistentenposition ist, sondern mehr einer Dozentenstelle glich. Die Frau sollte bestimmte Seminare und Vorlesungen übernehmen, Forschungs-, Bachelor- und Masterarbeiten betreuen, Kursarbeiten korrigieren, Ansprechpartner für Studierende sein. Dabei sollte sie die Themengebiete übernehmen, bei denen der Mann nicht so firm war.

Die Frau traute ihren Ohren kaum. Was für wunderbare Aussichten. Der Mann jedoch zählte die Punkte auf, die gegenwärtig gegen die Frau als Idealbesetzung sprechen würden. Erstens ist die Stelle auf zwei Jahre befristet und die Frau hatte mehrfach erwähnt, endlich eine Arbeit haben zu wollen, wo sie sich langfristig engagieren kann. Der Mann beeilte sich, zu betonen, dass er davon ausginge, dass es nach den 2 Jahren mit 99%iger Sicherheit weitergehen würde, weil die aktuelle Phase nur ein Testlauf ist, der bei entsprechendem Erfolg in eine permanente Arbeit umgewandelt würde. Der Vorstand trieb das Projekt massiv voran und der Mann selbst war ebenso sehr davon überzeugt, dass er sich sogar ein Häuschen in der Stadt gekauft habe, obwohl er von wo ganz anders her stammte.

Zweitens hatte die Frau nur ein FH-Diplom, was nach der Bologna-Reform des Studienwesens einem Bachelor-Abschluss mit 7 Semestern entspräche. Um aber tatsächlich richtige Vorlesungen halten zu können, ist zwingend ein Masterabschluss notwendig.

Die Frau sackte innerlich zusammen. Der Silberstreif am Horizont verblasste zu einem tristen Grau. Noch im gleichen Atemzug sagte der Mann, dass es gar kein Problem wäre, wenn die Frau bei ihm seine Datenschutzvorlesung besuchte und innerhalb eines Jahres den Masterabschluss nachhöle. Das Herz der Frau machte einen kleinen Hüpfer. Der Mann meinte, dass sogar noch mehr drin wäre. Wenn die Frau in der Forschung aktiv tätig ist, dann erwarte er auch regelmäßige Publikationen und nach einigen Jahren könnte man diese Dokumente zusammentackern, ein schönes Vorwort dazu schreiben und letztendlich mit wenig Aufwand eine Dissertation daraus machen. Und mit einem Doktortitel, so meinte der Mann, stünde sogar einer richtigen Professur nichts im Wege. Natürlich würde dies ein paar Jahre dauern, aber der Mann war zuversichtlich, dass dies durchaus realistisch sei.

Das Herz der Frau führte einen Freudentanz auf, das Hirn sang Halleluja in Dauerschleife. Die Frau konnte ihre Freude und Aufregung nicht verhehlen, was der Mann mit einer ebensolchen Freude zur Kenntnis nahm.
Auf den finanziellen Aspekt angesprochen – immerhin hatte sich die Frau eine Familie und einen gewissen Lebensstandard aufgebaut – meinte der Mann, dass die Frau während der ganzen Zeit bei der Firma mit dem großen, magentafarbenen Buchstaben angestellt wäre und diese Firma überdurchschnittlich gut zahlen würde. Wie hoch genau das Einkommen wäre, konnte er nicht sagen. Die Frau erzählte von ihren letzten Einkommen, der Mann lächelte milde und meinte, dass die Frau mit wesentlich mehr Geld rechnen könnte.

Mehrmals versuchte der Mann, die Frau aus der Fassung zu bringen, indem er völlig unvermittelt aus dem Zusammenhang gerissene Fragen stellte.
Der Mann sagte, dass die Frau im Anschreiben erwähnte, dass „Kommunikation und Deeskalation selbst mit schwierigsten Charakteren in einem spannungsgelandenen Umfeld“ für die Frau kein Problem darstellte. Die Frau führte aus, dass ihr nach drei Jahren in einer PC-Hotline nichts menschliches mehr fremd ist. Jegliche Geschichten oder Urban Legends, die man über Hotlines gehört hat, sind real und ihr genauso passiert. Die Frau habe tatsächlich kein Problem, wenn jemand völlig spannungsgeladen vor ihr steht, weil der Chef demjenigen im Nacken sitzt und just in diesem Moment der Rechner oder Drucker ausgefallen ist. Die Frau konnte diese Personen immer wieder beruhigen, herunterbringen und innerhalb kürzester Zeit eine praktikable Lösung herbeiführen.
Die Frau erwähnte, dass solche Wutausbrüche normal seien und sogar ihr passieren. Sie ziehe allerdings die Linie, wenn die Person am anderen Ende persönlich und beleidigend würde. Der Mann nickte verstehend.

Beim nächsten Versuch meinte er, was die Frau denn sagen würde, wenn der Mann ankäme und der Frau offerierte, sie müsse seine Vorlesung halten. Wäre es eher „ok, gut“ oder „oh Gott!“. Die Frau sagte: beides. Sie würde natürlich versuchen, anhand der Folien und Unterlagen des Mannes eine gescheite Vorlesung zu halten und würde sich, je nach Vorlaufzeit, über Randthemen informieren, um den Studierenden Rede und Antwort stehen zu können. Letztendlich würde die Frau die Vorlesung halten, aber würde sich wohl nicht sonderlich wohl dabei fühlen.

Der letzte Versuch, die Frau aus der Fassung zu bringen, begann damit, dass der Mann meinte, was sie denn sagen würde, wenn er ihr die Aufgabe übertrage, 200 Klausuren zu korrigieren.
Innerhalb von 4 Wochen.
Die Frau lachte und meinte, dass dies doch verdammt viel Zeit sei. Sie hätte eher mit drei Tagen gerechnet.
Der Mann staunte. Er konnte die Frau wirklich nicht nervös machen.
Der Mann wusste allerdings auch nicht, welchen Mist die Frau die vergangenen Jahre so mitgemacht hatte und das all dies in ihren Ohren wie Kindergarten klang.

Nachdem die Frau und der Mann noch ein wenig Smalltalk über Interessen jenseits der Hochschule gesprochen hatten und dabei viele weitere Gemeinsamkeiten feststellten, näherte sich das Gespräch dem Ende. Der Mann meinte, er hätte noch zwei andere Kandidaten, welche er interviewen würde und bis auf den fehlenden Masterabschluss könnte er keine negativen Punkte in der Vita der Frau festmachen. Er müsste dann eben entscheiden, ob er das eine Jahr mit Seminarbetreuung und Handlangerarbeiten überbrücken kann oder ob er auf jemanden angewiesen ist, der dringend und sofort komplette Vorlesungen übernehmen könne. Die Frau wäre aber sein haushoher Favorit.

Die Frau konnte ihr Glück kaum fassen. Beschwingt ging sie zum Auto und fuhr heim, immer wieder Doktor und Professor im Ohr. Die ganze Welt war mit einem rosa Schleier umrandet, dabei konnte die Frau rosa eigentlich gar nicht leiden. Sie wollte der ganzen Welt von diesem Gespräch berichten, zusammen mit anderen von der Zukunft träumen, von einer Karriere, die sie längst verloren glaubte. So oft hatte die Frau überlegt, ob sie nochmal studieren sollte, sie fühlte, dass sie mit diesem Thema noch nicht durch war. Aber Studium und Familie ließen sich nur unter hohen Entbehrungen vereinen, weswegen die Frau immer wieder Abstand davon nahm.

Einige Tage schwebte die Frau auf Wolke Nummer 7, bis sie eine nüchterne Email bekam, in der ihr mitgeteilt wurde, dass sich der Mann für einen der anderen Kandidaten entschieden hatte.

Wäre die Frau eine junge, hübsche Prinzessin gewesen, hätte sie die Stelle wohl bekommen und glücklich bis ans Ende ihrer Tage gelebt. So nahm die Frau Schaufel und Besen und kehrte den Scherbenhaufen ihrer zerbrochenen Hoffnungen routiniert zusammen.

Bewerbung – Referent/in

Es ging um eine Stellenausschreibung meiner Heimatstadt, in der ein/e Referent/in gesucht wurde, der/die für den Oberbürgermeister die Kommunikation übernahm. Reden schreiben, Pressemitteilungen verfassen, Broschüren erstellen. Mein Anschreiben lautete wie folgt:

Sehr geehrte Frau XYZ,

Das Schwierigste an Bewerbungen, aber auch bei Reden oder Vorträgen ist immer, einen passenden Einstieg zu finden. Knackig und prägnant, eventuell auch pointiert sollte er sein, weswegen ich ohne weitere Umschweife zum Punkt komme: Hiermit bewerbe ich mich für die Stelle der Referentin für den Geschäftsbereich des Oberbürgermeisters und des Stadtrates im Referat Grundsatzfragen.

Schnittstellenarbeit ist seit je her ein zentrales Thema in meinem Werdegang als Projektmanagerin und -assistentin, vor allem abteilungs- und auch standortübergreifend. Dabei stand und steht immer die Kommunikation als wichtigstes Werkzeug im Mittelpunkt. Als Call-Center-Mitarbeiterin
und später Teamleiterin war der Umgang mit Menschen auch in schwierigen oder stressigen Situationen äußerst wichtig und mir gelang es stets, auf alle Beteiligten individuell einzugehen und Eskalationen zu vermeiden. Besonders im Projektmanagement ist das Zusammenbringen verschiedenster Interessengruppen mit knappen zeitlichen Ressourcen eine große Herausforderung.

Schon während meiner Werkstudentenzeit bei Musterfirma habe ich White Papers und Spezifikationen für aktuelle und zukünftige Projekte erstellt. Später wurden daraus Handbücher, Dienstanweisungen oder Datenschutzregelungen. Diese Aufgabe begleitet mich mein gesamtes Berufsleben und ich hoffe, diese Erfahrungen ebenso als Referentin gewinnbringend einsetzen zu können.
Außerdem betreibe ich privat zwei Blogs, eines auf deutsch, das andere auf englisch, mit denen ich permanent meine sprachlichen Fähigkeiten immer weiter verfeinere und zudem neue sprachliche Mittel ausprobiere. Ich bin zuversichtlich, damit gut für die ausgeschriebene Position gerüstet zu sein.

Gerade in meiner letzten Anstellung bei der Radio ABC, welche mir leider betriebsbedingt gekündigt wurde, durfte ich als Assistentin der IT-Leitung häufig Prozesse im IT-Bereich vorbereiten und deren spätere Steuerung mit unterstützen bzw. selbstständig überwachen.
Ebenso habe ich da bereits den IT-Leiter bei Terminen und Konferenzen begleitet oder vertreten. Mögen die zukünftigen Themen im Referat Grundsatzfragen nicht viel gemein haben mit denen im IT-Sektor, so sind doch die grundsätzlichen Anforderungen zur Aufgabenerfüllung beinahe deckungsgleich. Durch die vielen verschiedenen Stationen in den unterschiedlichsten Branchen in meinem Lebenslauf musste ich mich immer wieder in neue Sachverhalte und Wissensgebiete einarbeiten, was mir jedes Mal innerhalb kürzester Zeit gelang.

Ich bin vielseitig interessiert, verfolge die Entwicklungen in Stadt X aufmerksam und möchte meinen Teil dazu beitragen, das Leben in dieser aufregenden Stadt noch attraktiver zu machen.
Ein Ziel, welches Oberbürgermeister Max Mustermann ebenfalls sehr am Herzen liegt. Ich hoffe, Ihr Interesse geweckt zu haben und freue mich, weitere Fragen in einem persönlichen Gespräch zu beantworten.

Beste Grüße

Xayriel

 

Agentur für Arbeit

Obwohl es mir nicht sonderlich gut geht und mein Selbstvertrauen irgendwo um das Nulllevel herum pendelt, muss ich doch aktiv im Bewerbungsprozess sein. Einen ersten Termin beim Arbeitsamt hatte ich bereits, und wieder habe ich eine sehr nette Sachbearbeiterin zugeteilt bekommen, der das ganze Geschehen am Arsch vorbei geht, die sich aber dennoch um ihre Schützlinge bemüht.

Hintergrund der LMAA-Haltung ist, dass das hiesige Arbeitsamt nur befristete Stellen auf maximal 2 Jahre vergibt. Nach dieser Zeit ist es ausgeschlossen, sich bei irgendeiner Bundesbehörde zu bewerben. Das erklärt, warum ich jedes Mal einen neuen Sachbearbeiter kennen lernen durfte. Bei meinem Termin quatschte ich mit der Sachbearbeiterin über dies und das, weil mein Profil und meine Qualifikationen bereits fein säuberlich im Profil hinterlegt waren und die Dame außer den üblichen Belehrungen und Schriftsätzen nicht wirklich etwas zu tun hatte.

Sie plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen. So war sie ebenfalls prekär beschäftigt gewesen und hatte sich beim A-Amt beworben. Die Zusage kam 4 Wochen nach der Geburt ihres 2. Kindes. Da sie Hauptverdienerin ist, musste sie zusagen, nutzte aber die gesetzliche Stillpausenregelung bis zum Erbrechen aus, wofür ich ihr den höchsten Respekt zolle. Ich hätte mir den Stress definitiv nicht angetan.

Mein Termin startete 5 Minuten später, weil sie gerade ihr 8 Monate altes Kind stillte und nicht ganz pünktlich fertig wurde. Seit wann halten sich auch Babies an Termine o.O
Sie erzählte weiter, dass die Arbeitsagentur bemüht war, die Sachbearbeiter nicht in den gleichen Postleitzahlenbereichen wie die Antragsteller zu beschäftigen, um diese vor Übergriffen von Kunden zu schützen. Blöd nur, wenn vor unserer Haustür eine PLZ-Grenze verläuft und die Sachbearbeiterin keine 200m von uns entfernt wohnt und durch das große Einkaufszentrum ums Eck sehr oft in unserer Gegend unterwegs ist.

Sie geht 35 Stunden Teilzeit arbeiten. Ein Kollege in einem benachbarten Kaff von 40k Einwohnern, geht 40 Stunden. Er hat 40 Kunden insgesamt. Sie dürfte wegen der Teilzeit nur 170 Kunden maximal bearbeiten, hat aber nach aktueller Zählung 218 Kunden. Finde den Fehler.

Sie druckte mir den ganzen Papierkram aus, gab mir ein Formular zum ausfüllen, meinte, dass wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen werden, weil ich bis dahin einen neuen Job hätte, aber sie auch nicht so genau hinschaue, ob ich denn alle Kriterien erfülle und alle Bewerbungen abgeschickt hätte. Sie schätzte mich dahingehend ein, dass ich mich schon aus eigenem Antrieb ausreichend bewerben würde. Sollte eine komische Stellenanzeige bei mir landen, auf die ich überhaupt nicht passe, dann sollte ich nur einen Vermerk machen, sie würde mir keine Repressalien auferlegen, da sie weiß, wie mies der Algorithmus des A-Amtes bei der Stellenauswahl ist.

Jetzt müsste ich nur noch den Antrag fürs ALG-1 stellen, aber irgendwie hoffe ich, dass ich doch noch darum herum komme. Da es aber nur noch 10 Tage sind, ist diese Hoffnung realistisch betrachtet extrem unwahrscheinlich.

P.S.: Im Verlauf des aktuellen Bewerbungsprozesses bin ich auch auf alte Bewerbungen gestoßen. Da ich, vor allem digital, nichts wegwerfen kann, habe ich sämtliche Bewerbungsanschreiben der letzten 5 Jahre archiviert. Einige davon finde ich wirklich sehr gelungen, so dass ich diese in einer eigenen Serie veröffentlichen werde.

Ihr dürft gerne raten, ob die jeweilige Bewerbung von Erfolg gekrönt war 🙂