Kochkurs

An manchen Tagen ist es wahrscheinlich besser, man hört auf sein Gefühl und bleibt einfach im Bett liegen. Man weiß direkt nach dem Aufwachen, dass aus diesem Tag nichts gutes wird.

Es fing ja alles ganz harmlos an, das Kind hat sich relativ quengelfrei zur Schule bringen lassen, der Bus war einigermassen pünktlich und ich hatte sogar mein Pausenbrot dabei. Doch direkt nach dem Frühstück ging es los. Der große Boss (Chef meines Chefs) mockierte einen kleinen Tippfehler in der Tagesordnung für das heutige interne Meeting (Chef + Boss). Gut, wenn es ihn denn glücklich macht, hätte man aber ruhig ein wenig freundlicher formulieren können.

Geh ich runter zu unseren ITlern, hatte ein Angebot für eine Schulung dabei, die gerade sehr preisgünstig offeriert wird und vom Titel her passen könnte. Leider passte sie doch nicht, da zwischen verwendeter Programmversion und angebotener Schulung zwei komplette Versionen liegen und somit die Schulung nichts nützt. Nahm ich zur Kenntnis und meinte, wir hätten noch mehr Schulungsangebote bekommen, die könnten wir in der regelmäßig Montags stattfindenden Besprechung durchgehen, da diese nicht wie das Angebot zeitlich begrenzt sind. Da motzt mich der eine Kollege voll, was das soll, sie hätten noch nie eine Schulung bekommen, das wird jetzt wieder so sein und ich solle mir doch die Luft sparen. Da ich grundsätzlich seinen Frust verstehe, erklärte ich, dass wir ein kleines Budget für Schulungen haben und wir das jetzt verwenden könnten. Blafft der Kollege weiter, dass er das Wort Budget nicht mehr hören kann und ich solle ja abziehen mit den Angeboten und er würde das alles erst glauben, wenn er in einer Schulung säße.

Ja, wie denn du Horst, wenn du nicht mal darüber sprechen willst?!?

Das habe ich natürlich nur gedacht, trotzdem war mein Puls auf 180.
Zwischenzeitlich hat sich der Boss wieder gemeldet, ein bestimmtes Dokument müsse nochmal bis 13:30 Uhr ausgedruckt werden. Derjenige, der das Dokument erstellt hat, ist aber gerade bis nach 13 Uhr in einer Besprechung und das Dokument besteht aus 5 oder 6 Teilen von 20 möglichen, deren Anordnung ich nicht kenne und somit ohne den Kollegen nicht ausdrucken kann. Ich schreibe eine Mail mit Dringlichkeitsvermerk und genauen Anweisungen, was mit dem Dokument geschehen soll, biete meine Hilfe an, drücke innerlich die Daumen und hoffe aufs Beste.

Kurz vorm Mittag kommt ein Anruf aus der IT (anderer Kollege), dass bei einem bestimmten Server eine Festplatte defekt sei, sie gerne den Server runterfahren und die Festplatte tauschen wollen, aber vorher wissen möchten, wer da gerade drauf arbeitet und wann der Neustart denn unkritisch sei. Cheffe, der sowas auf Anhieb weiß, steckt in der nächsten Besprechung fest, also frage ich mich bei allen möglichen Leuten durch, bis ich endlich jemanden kriege, der den Server wenigstens kennt. Zum Glück stellt sich heraus, dass das Ganze nicht kritisch ist, der Server nicht permanent genutzt wird und daher gefahrlos heruntergefahren werden kann.

Puhh, Katastrophe erstmal abgewendet.

Seit vielen Wochen begleitet mich ein Thema, bei dem eine bestimmte Software auf die aktuelle Version gebracht werden soll. Weil dieses Update aber Geld kostet, benötigen wir dafür das OK des Bosses. Seit ebenso vielen Wochen rennt mein Chef dem Boss hinterher, um endlich dieses OK zu kriegen, aber in schöner Regelmäßgkeit platzen diese Termine oder werden von aktuellen Entwicklungen und Fusionen ausgebremst oder durch beinahe Katastrophen (s.o.) in den Hintergrund gedrängt. Die dazugehörgen Tickets liegen aber bei mir und ich verschiebe in ebenso schöner Regelmäßigkeit die Fälligkeiten, jeweils mit entsprechender Begründung. Da steht dann eben „Entscheidung von Big Boss steht aus, Fälligkeit wird angepasst.“

So einen Eintrag gab es heute erneut, weil das Thema – mal wieder – verschoben wurde. Da poltert dann eine Abteilungsleiterin los, dass das ja wohl nicht anginge, dauernd die Termine zu verschieben und sie würde das Thema jetzt eskalieren und überhaupt. Ja ne, is klar, weil du jetzt tobst, wird Big Boss hüpfen o.O

Zu allem Überfluss lese ich gerade im lokalen Nachrichtenblatt, dass morgen bei uns in der Stadt gestreikt wird und unser Hort dabei ist.

Für betroffene Kitas, Horte und Betreuungsangebote ist keine Notbetreuung vorgesehen. Die Eltern seien informiert worden, heißt es von Seiten der Stadt.

Ha! Als ob!

Wir wurden nicht informiert, mein Mann hatte genauso wenig Ahnung davon wie ich. Vermutlich erfolgt die Informierung, wenn wir das Kind gegen 17 Uhr aus dem Hort abholen, so dass uns wahnsinnig viel Zeit bleibt, die morgige Kinderbetreuung mit unseren Arbeitgebern zu klären.

Ehrlich, ich koche gerade und zwar so richtig!

Mir fehlt auch ein wenig das Verständnis für die Streiks, da ich die geforderten 6% mehr Lohn tatsächlich ein wenig unverschämt finde, die angebotenen 3% hingegen angemessen. Zumal es erst letztes Jahr das ganze Theater und eine ordentliche Erhöhung gab, Stichwort Verhältnismäßigkeit.

Ja, Streiks sollen weh tun, aber so ein klitzekleines bisschen Reaktionszeit wären auch schön und würden definitiv die Solidarität in der arbeitenden Bevölkerung, die auf diese Betreuung angewiesen ist, erhöhen. Wegen verspätet geleerten Mülltonnen verliere ich nämlich im Zweifelsfall nicht meinen Job!

Jetzt warte ich auf meinen Chef, denn der ist nämlich seit einer Stunde verschwunden, aber ich hätte das Thema schon gern geklärt, bevor ich heute in den Feierabend entfleuche …

© Foto von Flickr/Annie Roi „Some fire“, (CC BY 2.0)

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